Pura vida

17. Reisebericht vom 9. Juni 2002 León/Nicaragua - San José/Costa Rica

León steht nicht dort, wo es hingehört. Francisco Fernandez de Córdoba gründete die Stadt 1524 am Fuß des Vulkans Momotombo im Norden des Lago Managua als Hauptstadt der spanischen Provinz. 86 Jahre später spuckte der Momotombo Feuer und Asche und begrub die Kirchen, Herrenhäuser, die Kanalisation und die Hütten der Indios. Die Spanier gaben nicht auf, sondern bauten ihr León vierzig Kilometer vom gefährlichen Berg entfernt neu. 1967 entdeckten Archäologen die Ruinen und nachdem sie ein paar Jahre gebuddelt hatten, nahm die UNESCO die Stätte in die Liste des "Kulturerbes der Menschheit" auf. Wir schauen León Viejo an. Das Gepäck lassen wir bei Lesli stehen. Dorally hatte uns einen Brief an ihre Schwester in La Paz Centro mitgegeben, in dem sie bat, uns für eine Nacht aufzunehmen. Lesli wirkt nicht sonderlich überrascht. Sie räumt ein Zimmer frei, weil sie uns nicht erlauben will, in ihrem Garten zu zelten. "Das schickt sich nicht", sagt sie. Ohne Packtaschen radeln sich die 13 Kilometer bis zum archäologischen Park fast von allein. Die gepflasterte Straße windet sich auf den Vulkan zu. Die Rauchfahne über seinem Kegel wird immer deutlicher.

                  

In León Viejo führt uns Guillermo, ein Touristikstudent, herum. Ohne seine Erklärungen hätten wir aus den hüfthohen Resten der Ziegelmauern kaum etwas herauslesen können. Er zeigt uns das Bankgebäude, das von den Indianern "Haus der Schreie" genannt wurde. In einem der Räume lagerte Gold. Außerdem verwandelten die christlichen Herren hier Menschen in versandfertige Sklavenware, indem sie ihnen mit glühenden Eisen Initialien in die Haut brannten. Den Ertrag aus diesen Geschäften legte einer der Honoratioren in einem weitläufigen Haus an, dessen Grundriss die großzügige Ausstattung ahnen lässt. Priester garantierten das Seelenheil der Bürger in einer Basilika, von der zwölf Pfeilerstümpfe und ein Teil des Chores stehen geblieben sind. Die 50 Kilometer bis Managua wollen wir an einem gemütlichen Radlvormittag genießen. Die Karte täuscht uns ebenso wie die Erfahrung, dass Straßen in der Nähe von Hauptstädten besser zu werden pflegen. Die alte Carretera am Ufer des Lago Managua ist ein geflecktes Teerband, viel zu schmal für die Busse und Lastwagen, Pferdefuhrwerke und Radfahrer. Hinter der Stadtgrenze dreht sich das Verhältnis um. Die Autos verlieren sich auf den doppelten Fahrbahnen. Managua ist die einzige Hauptstadt Amerikas, in der Radler mehr Platz haben als auf den Überlandstraßen. Wir haben noch nie eine so leere Stadt gesehen. Managua wurde 1972 von einem Erdbeben platt gemacht, und es sieht aus, als ob das Unglück die Stadt vor drei oder vier Jahren getroffen hätte. Die Trümmer sind beiseite geräumt. Man nutzte den gewonnenen Raum, um ein Gitter autofreundlicher Straßen anzulegen. Zwischen ihnen dehnt sich grasbewachsenes, eingezäuntes Nichts. Den Mangel an Gebäuden bezeichnet das Bürgermeisteramt als "Stadt im Stil der USA". Tatsächlich stehen an einigen Kreuzungen klimatisierte Shopping-Malls, ein paar Kommerzzentren und Fastfood-Restaurants. Von ihnen hat man Aussicht auf die Wellblechbaracken, in denen ein großer Teil der Hauptstädter haust. Sechs Gebäude haben die Komplettzerstörung Managuas überstanden. Wir besichtigen das ehemalige Kongressgebäude, in dem sich das Nationalmuseum befindet. Die Wände der Treppenaufgänge sind von murales bedeckt. Die belehrenden Wandgemälde befassen sich mit der Vergangenheit und der Zukunft Managuas. Am Anfang stehen die spanischen Eroberer, dann bricht das Erdbeben herein, dem nach Ansicht der Künstler eine starke Phase der Rekonstruktion und Erneuerung folgt. Davon haben wir in der Stadt wenig gesehen.

         

Neben dem Nationalmuseum blieb die Kathedrale als Ruine stehen. In den Fensterhöhlungen ist kein Glas, die Pfeiler sind von Rissen durchzogen. Weiße Betonkreuze krönen die beiden Türme, eines ist zur Seite geknickt und hängt an seinen Armiereisen. Wegen Einsturzgefahr ist die Kirche gesperrt. Die anderen überlebenden Häuser haben nichts Spektakuläres. Mit einem zweistündigen Spaziergang lernen wir alle Sehenswürdigkeiten der Millionenstadt kennen. Beim Verlassen Managuas kommen wir an einer als Mildtätigkeit getarnten Bausünde vorbei. Tom Monaghan, ehemaliger Besitzer der Pizzerien-Kette "Domino" und millionenschwerer Wohltäter, hatte beschlossen, Managua benötige eine neue Kathedrale. Weil er ein moderner Mensch ist, gab er ein modernes Bauwerk in Auftrag. Auf einem der vom Erdbeben geschaffenen Zwischenräume entstand ein Betonkasten, der wie eine Mischung aus zu dick belegter Pizza "con tutto" und Atomkraftwerk aussieht. Bis Granada ist die Straße wieder zu schmal für alle, die sich auf ihr bewegen. Die Busse brummen uns schwarze Dieselwolken ins Gesicht, wir versuchen, auf einem mageren Seitenstreifen heil über die Kilometer zu kommen. Tom, der einarmige Radler aus Kanada, den wir am frühen Nachmittag treffen, sagt, das sei das schlimmste Straßenstück gewesen, über das er je geradelt sei. Wir widersprechen nicht. Granada ist die süßere Schwesterstadt Leóns. Man behauptet, die Granadenses fahren auch bei Sauhitze mit geschlossenen Autofenstern, damit die Passanten glauben, sie könnten sich eine Klimaanlage leisten. Vielleicht ist das eine gehässige Lüge. Uns kommt es wie eine Bosheit vor, in der ein Krümel Wahrheit liegt. Granada ist schön, und die Einwohner wissen es zu schätzen. Sie fühlen sich zwischen den kolonialen Bauten wohl. Es wirkt, als ob sie sich für einen ausgewählten Teil Nicaraguas halten. Das tun sie wohl nicht zu Unrecht, denn alle Besucher des Landes verbringen einige Zeit in dieser Stadt. Der Parque Central wird, wie schon in León, von den Städtern kräftig genutzt. An seinen vier Ecken stehen Kioske, in denen man "Vigorón" kaufen kann. Diese Granadenser Spezialität besteht aus Yuccabrei, Krautsalat und kräftig gewürzten Schweinefleischstücken. Auf Bänken knutschen Pärchen, Familien versuchen, ein bisschen von der kühleren Luft des Abends zu schnappen, Großväter unterhalten sich und in der Kathedrale gegenüber geht ein Gottesdienst los. Auf dem Straßenring um den Platz warten Pferdedroschken, die auch von den Einheimischen als reguläres Transportmittel benutzt werden. Das ist alles sehr nett hier. Wir haben uns mit dem schweizerischen Radler Ivo und seiner Freundin Nina in Granada verabredet und beschließen gemeinsam, auf den Mombacho zu steigen. Martin aus München kommt mit.

         

Wir nehmen den Bus Richtung Nandaime. Der Fahrer lässt uns an einem grünen Schild heraus. Nach weniger als einem halben Kilometer steigt der Weg steil an, um die knapp 1.000 Höhenmeter bis zum Gipfel zu überwinden. Er ist mit denselben Verbundsteinen gepflastert, die im Bürgerkrieg von den Sandinisten für Barrikaden benutzt wurden. Wolken wabern um den zerklüfteten Gipfel des Mombacho. Stämme und Laub des Waldes scheinen aus einem grauen Grün zu bestehen, dessen Fruchtbarkeit zu riechen ist. Uns läuft der Schweiß in Bächen über Brust und Rücken, wir glauben fast, die Luft trinken zu können. Motorengeräusch lässt uns zur Seite gehen. Ein russischer Lkw röhrt vorbei. An seiner Ladefläche sind Sitzbänke festgeschraubt, auf denen Mombacho-Besucher hinaufgekarrt werden. Im Prospekt des Nationalparks wird der Wagen als Ökomobil bezeichnet. Vor drei Jahren hat die nicaraguanische Tourismusbehörde den Gipfel des Mombacho zu einem Schutzgebiet erklären lassen. Zuvor war hier Militär stationiert und unter seinem Schutz gedieh der Nebelwald in seiner ursprünglichen Form prächtig. Ein Ranger erklärt den Weg, den wir ohne Begleitung gehen dürfen. Er führt auf etwa anderthalb Kilometern um den Krater herum. Im Gewirr der Grünschattierungen und dem Spiel aus Sonnen- und Schattenflecken sehen wir auf den ersten Metern nicht, welche Pflanzenfülle auf jedem Baum wächst. Alles schlingt sich umeinander, ist ineinander verwurzelt. Wir sehen einen stillen Kampf um das Licht. Jeder Stamm, egal wie tot er aussieht, treibt irgendwo ein Blatt und schiebt sich an Konkurrenten vorbei auf eine sonnige Stelle zu. Schmetterlinge flattern durch die saftige Dämmerung, Ameisen wuseln.

                                      

Zwischendrin glühen Orchideen. Immer wieder bleiben wir stehen, um zu sehen, welche Muster die Blätter, Lianen, Äste und Stängel bilden. Die größeren Tiere halten sich bedeckt. Das hatte der Ranger vorhergesagt. Nach einem Vormittag, an dem hundert Besucher über den Pfad getrampelt sind, haben sie sich zurückgezogen. Ein paar Kolibris flügeln zwischen Blütenkelchen herum und von Weitem hören wir Brüllaffen und sehen die Baumkronen unter ihren Sprüngen wippen. An einer Stelle tritt der Pfad aus dem Wald auf eine Hangwiese heraus. Hier dampft die Erde aus Spalten, ihr Atem steht in Wolken über den Büschen. Die fumaroles, in manche können wir metertief hineinschauen, würden sich gut als ewige Befeuerung von Schwitzhütten eignen. Aus den Alpen sind wir Berge gewöhnt, die je nach Jahreszeit warm oder kalt sind. Niemals sind sie heiß und an keiner Stelle spürt man so deutlich die Kraft, die sie gebildet hat. Die fumaroles pusten uns das Gefühl ins Gesicht, dass die Erdkruste verdammt dünn ist und wir uns auf ihr eigentlich nie besonders sicher fühlen sollten. Kerstin hat sich gewünscht, ihren Geburtstag an der Karibik zu verbringen. Eine Straße führt von Managua auf die Atlantikseite und selbstverständlich hatten wir vor, sie mit dem Fahrrad zu befahren. Die Frau in der Touristeninformation, bei der wir uns über eine Abkürzung in der Nähe des Lago Nicaragua erkundigen, rät uns ab. Auf der einsamen Strecke sei es häufig zu Überfällen gekommen. Vielleicht hat sie unrecht, vielleicht spricht aus ihr dieselbe Angst, die wir schon häufig als unbegründet kennen gelernt haben. Doch wollen wir das wirklich ausprobieren? Bisher haben wir gute Erfahrungen gemacht, wenn wir den Warnungen der Offiziellen folgten. Mit Nina und Ivo besteigen wir mittags um 11.30 Uhr am Mercado Mayoreo den Bus nach Rama. Unsere Abenteuerliebe kann sich nicht beklagen, denn manchmal liegt das Ende der Welt nur 300 Kilometer entfernt. Der Reiseführer hatte lakonisch erwähnt, die Straße löse sich hinter der Stadt Juigalpa auf. Mit keinem Wort hatte er darauf hingewiesen, dass sie schon vorher nur aus Schlaglöchern besteht. Was danach folgt ist eine Totalverweigerung der Straßenbauer. Wir schauen unserem Busfahrer in den Nacken, sehen, wie in immer kürzeren Abständen unter seinem Haar Schweißtropfen hervorquellen und im Kragen versickern. Der Mann arbeitet mit beiden Armen, der Kraft des Oberkörpers, als müsse er den Bus paddelnd vorwärts treiben. Die Federn ächzen, oft schlagen die Reifen im Radkasten an. Im schwankenden Passagierraum spüren wir Windstärke neun. Dann beginnt es zu regnen. Es dämmert. Noch immer steigen Passagiere zu. Sie hängen sich mit einem Arm an die Haltestangen und baumeln dort wie Sandsäcke unter den Schlägen der Piste. Viel später hält der Bus vor einer Reifenwerkstatt. Rasch ist sein Hinterteil aufgebockt, sind die Räder abgeschraubt. Die Reparatur zieht sich hin. Wir sind sicher, keiner der Reifen ist geplatzt, was normalerweise der einzige Grund wäre, sie zu wechseln. Einer der Jugendlichen auf der Straße antwortet auf Kerstins Frage. "Das Profil war abgefahren und der Fahrer sagte, es sei zu gefährlich damit weiterzufahren." Wir fragen uns, warum der Gummimangel nicht schon in Managua aufgefallen ist, aber da der Bus offensichtlich nicht mehr problemlos zu lenken war, danken wir für das Verantwortungsgefühl des Chefs. In einem Ort, dessen Namen wir nicht erfahren, weicht der Fahrer von seiner üblichen Route in eine Seitenstraße ab. Der Bus hält vor einem Haus und im prasselnden Regen räumen der Chauffeur und seine beiden Gehilfen fast den gesamten Gepäckträger leer, der über die Länge des Daches reicht. Kisten, Kästen, Ballen, Kartons und Tüten ziehen sie unter der Regenplane hervor. Niemand findet es ungewöhnlich, dass alle Passagiere warten müssen, bis der Umzug erledigt ist. Mitten in der Nacht kommen wir am Ende der Welt an. Der Bus ist auf den 300 Kilometern zehneinhalb Stunden unterwegs gewesen. In dem verregneten Dunkel, das nur vom Licht einiger Bierreklameschilder erleuchtet wird, finden wir ein schäbiges Hotel, dessen Preise uns zwar gewagt vorkommen, dessen volle Wasserbottiche in den Duschen jedoch locken. In dem halb so teuren und doppelt so schmutzigen Etablissement gegenüber hatte der Schlüsselwart nur versprochen, wir dürften am Morgen ab sechs Uhr unter fließendem Wasser duschen. Ohne Abendessen aber mit einer Flasche Bier gehen wir zu Bett. Um halb acht stehen wir am Bootsanleger, denn bis Bluefields muss man vom Ende der Welt aus noch mal zwei Stunden mit dem Schnellboot flussabwärts schippern. "Mit Euch haben wir bis jetzt 13 Passagiere. Um fahren zu können brauchen wir 20 Leute", sagt ein dunkelbrauner Mann am Ticketschalter. Aus seinem Mund hören wir zum ersten Mal Garifuna-Englisch. Zwei Stunden warten wir, schwitzen, lesen ein bisschen, schlafen, tun alles, damit die Zeit schneller vergeht. Dann endlich erhebt sich der Bug der panga aus dem braunen Wasser des Rio Escondido und ein Yamaha-Motor drückt uns mit Gewalt Richtung Bluefields. Das Ufer ist zugewuchert, an manchen Stellen spitzeln Bananenplantagen aus dem Dickicht. Die Häuser der Flussnachbarn stehen auf Stelzen. Die meisten haben keinen Motor an ihren Booten. Sie paddeln, wenn sie aus Bluefields oder Rama etwas benötigen, was nicht auf den Feldern oder im Fluss wächst. "Be cool man", dröhnt ein Schwarzer mit gewaltigem Bauch, als wir den Steg verlassen. Der Mann liegt auf einer Hängematte. Über seiner Brust baumeln dickgliedrige Ketten und ein Bindfaden, an dem Schlüsselbunde hängen. Er hebt ein paar Finger der linken Hand zur Begrüßung. Wir sind an der Karibik, auch wenn die Wellen in der Bucht vor Bluefields dreckiger sind als im Duisburger Hafenbecken.

         

So also sieht eine Stadt der Karibik aus. Häuser mit Holzwänden. Durch die Spalten zwischen den einfach genagelten Brettern kann man die Finger stecken. Sie sind in Pastellfarben gestrichen, und jemand hat darauf geachtet, dass kein Farbton zum anderen passt. Die Mischung ist so lustig, dass wir bei ihrem Anblick fast nicht mehr auf die Schwärme der Fliegen achten, die auf den abgelutschten Mangokernen, Hühnerknochen und Bananenschalen im Rinnstein wohnen. Egal wie klein die Hütte ist, eine Veranda mit Holzgeländer hat sie doch. Darauf sitzt eine Oma oder ein Opa mit grauen Haaren. Sie halten die Köpfe bewegungslos im Schatten und sind damit beschäftigt, dem Schwitzen zu entgehen.

         

Wir suchen ein billiges Hotelzimmer und werden von einem baumlangen Schlacks in Turnschuhen und löchrigem T-Shirt begleitet. Er läuft neben uns, sein Gesicht ist eine gekonnte Maske aus gerissener Ahnungslosigkeit. "Hey, wie geht's Euch? Alles klar? Seid Ihr schon mal in Bluefields gewesen. Ist ne gute Stadt." Er lässt seine Worte sprudeln um uns einzuwickeln. "Sucht Ihr ein Hotelzimmer? Ich kann Euch helfen. Gar kein Problem, habe sowieso gerade nichts besseres zu tun." Auf seine Fragen benötigt er keine Antworten. Er weiß, dass die Reaktion ablehnend sein würde. Wir sind nicht die ersten Touristen, bei denen er versucht, ein wenig Geld rauszudrehen. "Es gibt ne Menge Hotels hier in Bluefields. Aber, tja, gerade jetzt ist es natürlich schwierig, ein Zimmer zu finden, weil das Festival ‚Palo de Mayo', ihr wisst schon, das ist jetzt gerade, und da sind immer ne Menge Leute in der Stadt." Wir lächeln und er strengt sich noch ein bisschen mehr an. "Ich könnte Euch helfen, weil ich alle Hotels kenne und genau weiß, wo noch was frei ist. Ich kenne ne Menge Leute in der Stadt." "Nein, danke, wir brauchen gar keine Hilfe. Wir haben viel Zeit und finden auch allein eine passende Unterkunft." "Ihr müsst aufpassen. Es gibt viele Leute hier, die Geld verlangen, wenn sie euch helfen. Das ist nicht mein Stil, so arbeite ich nicht. Ich helfe gern. Wenn mir jemand anschließend was dafür geben will, na gut, dann sage ich nicht nein." "Wir kommen allein zurecht." Er scheint uns nicht zu glauben, trabt in der Hitze des frühen Nachmittags neben uns durch die Straßen. Wartet, bis wir das nächste Hotel verlassen, und ist wieder an unserer Seite. "Danke, danke, aber wir brauchen wirklich keine Hilfe." Er sieht langsam ein, dass wir tatsächlich nicht vorhaben, ihn als Führer zu engagieren. "Haste ma ne Zigarette?" Das ist der letzte Versuch, sozusagen sein persönlicher Mindestlohn, den er mit dieser Frage einfordert, dann biegt der Schlepper ab. Später, das Gepäck liegt in einem Zimmer der Hospedaje "Pearl Lagoon", strolchen wir durch die Straßen.

         

Wir sind auf dem Weg zum Hauptplatz, auf dem sie für heute die Bühne des "Palo de mayo"-Festivals aufgebaut haben. Palo de mayo, das heißt Maibaum, doch wir finden kein Symbol, das auch nur annähernd diesem Namen entsprechen könnte. Einen "Palo de mayo" gibt's gar nicht. Die Veranstalter haben Stände um den Pavillon des Stadtplatzes aufstellen lassen. Die Besucher drängen sich durch die schmalen Wege zwischen T-Shirts "Palo de mayo - Nicaragua", Billigschmuck, Bingorädern und Huhn mit Reis. Der Platz neben der Bühne ist für den Sponsor reserviert. Der aufgeblasenen Ballon-Plastikflasche mit dem Aufdruck "Flor de Cana" kann niemand entgehen, der zuschauen möchte. In den Bierzelten stehen "Flor de Cana"-Mädchen und verkaufen den Nationalrum in Plastikbechern mit einer Handvoll Eis und einem Spritzer Cola für fünf Cordobás, 35 Euro-Cent. Das Geschäft wird erst am Abend in Fahrt kommen. Jetzt steht ein Schreihals auf der Bühne. Er hat eine Menge zu erzählen und lässt sich nur ungern von einem Vertreter des Rathauses unterbrechen, der den Gästen offizielle Grüße übermittelt. Vor der Bühne reiten Caballeros und Damas auf. Sie zeigen dem Publikum, dass sie ihren Pferden Tanzschritte beigebracht haben, und die Tiere trippeln tatsächlich zur Musik, schweißnass und mit zitternden Flanken. Reiterinnen und Reiter bestrafen Fehltritte mit gezielten Sporentritten in die Pferdebäuche. Wir fragen uns, wo das Musikfestival bleibt. Bis zur Dämmerung stehen ein paar ältere Herren hinter Schlagzeugbatterie, Gitarre, Bass und Bongos. Sie wiegen ihre Bäuche zu den Liedern und schauen unbewegt auf ein unbewegtes Publikum hinunter. Dann glühen zwei Scheinwerfer auf, eine junge Musikmannschaft stürmt auf die Bretter. Sie haben aus Managua Fans, Schlager und einen Hauch Professionalität mitgebracht. Die Zuhörer geraten ein wenig in Wallung. Ganz vorn, neben den Boxentürmen tanzt man ein paar Schritte. Richtig gute Laune entsteht in den Pausen. Sie sind vom zweiten Sponsor besetzt. "Victoria", eine der beiden großen Biermarken Nicaraguas, hat Mitarbeiter entsandt. Sie haben Sixpacks und Literflaschen mitgebracht. Die Sixpacks gehören denen, die den Liter am schnellsten austrinken können. Also stehen Buben und Mädel im Scheinwerferlicht, pressen die Flaschenhälse in den Mund, lassen alles, was nicht durch die Gurgel passt, an sich runterlaufen. Das Publikum schluckt mit und jubelt. Saufsieger und Verlierer, sie kriegen alle Applaus. Trinken ist lustig. Wir waren zum "Palo de mayo" gekommen, um karibische Musik zu hören, vielleicht eine steeldrum, auf jeden Fall verrückte Rhythmen. Nina und Ivo bleiben in Bluefields, um am übernächsten Tag auf die Corn Islands zu fahren, wo die Karibik richtig karibisch ist. Wir setzen uns in eine der pangas, die Richtung Rama schwimmen. Während der Busfahrt nach Managua liegt der Himmel wie eine Bleiplatte über der Ebene. Der Regen lässt Seen auf der Schotterpiste wachsen. Das Wasser sucht sich über gurgelnde Miniaturflüsse einen Abgang. In der Zeitung steht, der Regen habe besonders die Regionen um die Hauptstadt Managua, Chinandega und Rivas betroffen. Hunderte Familien sind während der Sintflut einer Nacht obdachlos geworden. Das Wasser hat ihre Hütten geflutet und zerlegt. Unser Busfahrer begegnet dem Regen mit Gleichmut. Neben ihm räkelt seine Freundin ihren dicken Hintern auf einer gepolsterten Blechhaube, unter der ein Teil des Motors verborgen ist. Sie kratzt ihre Unterschenkel mit rot lackierten Zehennägeln und fühlt sich wohl, weil die beiden Gepäckburschen stundenlang mit ihr schäkern. Da sie dem Fahrer regelmäßig einen Kuss aufdrückt, darf sie die Flirterei gefahrlos genießen. Wir lernen, dass man einen Bus steuern kann, ohne die Straße zu überblicken. Der Scheibenwischermotor auf der Fahrerseite funktioniert nicht. Also haben die Gepäckjungen einen Bindfaden zwischen dem Wischerarm und dem Motor der anderen Hälfte gespannt. Manchmal verhakt sich die Konstruktion. Dann verlangsamt der Fahrer das Tempo und einer der Jungen hängt sich aus der Tür und fummelt den Bindfaden an seinen Platz. Diesmal braucht der Bus für die 300 Kilometer nur siebeneinhalb Stunden. Die Straße Richtung Rivas und zur Grenze Costa Ricas führt uns noch einmal dicht am Vulkan Mombacho vorbei. Wenig später stoßen wir auf die Panamericana, die sich hier an das Ufer des Lago Nicaragua hält. Fast hätte dieses Land den Kanal bekommen, der heute in Panamá Atlantik und Pazifik verbindet. Der zwanzig Kilometer schmale Streifen zwischen See und Meer vermehrte den Reichtum des Vanderbilt-Clans. Als man in Californien Gold fand, zogen es die Metallsüchtigen vor, sich mit dem Schiff von New York an der karibischen Küste entlang, durch den Rio San Juan und über den See schippern zu lassen. In Pferdewagen oder zu Fuß erreichten sie San Juan del Sur und bestiegen am Pazifik ein Schiff nach Norden. Der Umweg war schneller erledigt als die Kontinentdurchquerung in Höhe der Vereinigten Staaten. Heute ist das ehemalige Transitland unter Rancheros aufgeteilt. Sie haben ihre Häuser mit Blick auf den See bauen lassen und die Quadratkilometer ihres Grundbesitzes eingezäunt. In San Juan del Sur landen lange Pazifikwellen und machen den Surfern Spaß. Der Verkehr auf der Panamericana ist fast das einzige, was sich außerdem noch bewegt in dem Weideland. Neben der Straße hocken ein paar Dörfer. Meistens sind sie in der Nähe von Brücken angesiedelt und wie sie werden die Hütten regelmäßig von Unwettern fortgerissen. Die letzte Brückengeneration ist mit der Hilfe Japans betoniert worden. Schilder weisen darauf hin und auf ihnen sieht es aus, als ob jede Brücke aus einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen Nicaragua und Japan entstanden wäre. Überhaupt neigen die Behörden dazu, Schilder zu errichten, und da auch das eine finanzielle Anstrengung ist, geben manche der Tafeln nicht den aktuellen Stand wieder.

         

Besonders verbreitet sind himmelblaue Schilder, auf denen mit weißer Schrift zu lesen steht: "Obras - no palabras". "Werke - kein Geschwätz." Das hat Dr. Arnoldo Alemán gesagt, der Ex-Präsident. Während wir in Nicaragua sind, verfolgen wir im Fernsehen seinen jüngsten Skandal. In dem Land, dessen Hauptverkehrsstraßen auf langen Strecken dringend eine Teerdecke benötigen würden, hat er sich aus Steuern eine Privatautobahn zu seiner finca bauen lassen. An einer Wand in Managua haben wir Worte gelesen, die in etwa dem kollektiven Wunsch der Wähler entsprechen: "Tod für Alemán". Sein Spruch aber steht wie eine Werbung mit weißer Schrift auf blauen Tafeln im ganzen Land verteilt: "Obras - no palabras." Kurz vor der Grenze kündigt sich ein Wandel an. Hier besitzt Nicaragua, das uns im Norden mit Wüste überraschte, einen grünen Zipfel. Für uns fühlt es sich so an, als ob ein Stück Costa Rica ins Nachbarland fließen würde, ganz einfach, weil es das überbordende Grün nicht in seinen Grenzen aushält und ausläuft. Schon auf den ersten Kilometern hinter der Grenzstation merken wir, dass diesmal nicht dieselbe Landschaft einen anderen Staatsnamen hat, sondern dass Costa Rica ein neues Stück der Reise ist. Zum ersten Mal stehen wir in Zentralamerika in einer richtigen Schlange vor dem Grenzschalter. Costa Rica scheint beliebt zu sein. Wir fahren einen langen Hügel hinauf und sind fast die gesamte Zeit beschattet von Bäumen, die ihre barmherzigen Äste aus dem Wald herausstrecken. Kerstin prägt den Satz: "Nicaragua ist interessant, Costa Rica ist schön." Die Ticos haben die Schönheit verinnerlicht und geben sie lustig weiter. Zu allen gut und ernst gemeinten Grüßen, die wir auf unserem Weg durch Lateinamerika hören, haben sie ein besonders fröhliches Wort hinzugefügt. Wer einen Bekannten auf der Straße trifft und fragt, wie es geht, bekommt oft zur Antwort: "Pura vida." Alles Leben hier, so wie es aus jeder Ritze quillt und in jedem Lachen zu hören ist. Der Teer der Panamericana ist rot, gelbe Kilometersteine verstecken sich hinter Grasbüscheln, die von den Seiten über den Asphalt wuchern. Die dampfende Hitze zwingt die Pflanzen zum Treiben. Man kann kaum hinter die erste Laubschicht schauen. Das sind ideale Verstecke für Tiere, doch zunächst sehen wir Schlangen und andere Reptilien nur als flache Version, vertrocknete Verkehrsopfer. Sie sind so zahlreich, dass wir vermuten, zwischen den Büschen halten sich noch viel mehr auf. In den Nachbarländern wird auf alles, was sich unvorsichtig bewegt, gnadenlos Jagd gemacht. Dort bewegt sich nicht mehr viel, doch in Costa Rica, das mehr als ein Viertel seiner Landfläche unter Naturschutz gestellt hat, haben die Viecher genügend Schutzzonen für die Reproduktion.

         

In La Cruz, zwanzig Kilometer hinter der Grenze, stoppen wir für diesen Tag. Linker Hand steht eine provisorische Halle, in der ein Feuerwehrauto parkt. Wir hatten gehört, dass sich die bomberos nicht querstellen, wenn Radler bei ihnen um einen Übernachtungsplatz bitten. Der Feuerwehrmann in La Cruz heißt Oskar. Er winkt uns sofort in den Mannschaftsschlafraum und sagt: "Sucht euch aus, in welchem der Betten ihr schlafen wollt." Oskar führt uns ins Badezimmer und zeigt die Küche her. "Ihr dürft alles benutzen, macht es euch bequem." Die Berufsfeuerwehrleute Costa Ricas arbeiten in 24-Stunden-Schichten. Oskar hat drei Freiwillige zur Hilfe. Gemeinsam passen sie auf das Feuerwehrauto, die Halle und das Funkgerät auf. "Viel gibt es hier nicht zu tun." Wir unterhalten uns ein bisschen, vor allem über die Fußball-Weltmeisterschaft. Nach dem Sieg über China glauben die Costaricenses, dass ihre Mannschaft es weit bringen werde. "Ob ihr auch in anderen bomberos-Stationen schlafen könnt, hängt ganz vom jeweiligen Beauftragten ab", sagt Oskar am nächsten Morgen. Wir werden es auf jeden Fall versuchen, denn die Einrichtungen der Häuser scheint uns ziemlich luxuriös zu sein. Auf der Strecke nach Canas spielt uns die Karte Streiche. Wir haben die Angaben zusammengezählt und sind auf 102 Kilometer gekommen. Weil die Straße auf diesem Stück eine Ebene durchquert, scheint es uns nicht zu viel zu sein. Doch der Tag beginnt nicht wirklich gut. Auf gerader Straße hört Kerstin einen vertrauten, bösen Klang und tatsächlich hat eine Speiche den Geist aufgegeben. Kurz vor der Dämmerung sind wir am Ziel, nach knapp 120 Kilometern. Der Feuerwehrmann schüttelt den Kopf, als wir unser Sprüchlein aufsagen. Erst als wir erklären, dass wir ein Zelt dabeihaben und gern im Hof schlafen werden, bittet er uns in die Wache. Edgar hat den Laden im Griff. Seine Freiwilligen springen nach seinen Wünschen und der Fußboden glänzt gebohnert. Nach den ersten Minuten der Eingewöhnung bietet Edgar uns Küche und Bad an. Er befiehlt uns zum Morgenkaffee und legt frisches Weißbrot auf unsere Teller. So streng er als Jefe de Estación auch sein mag, zwei Radler sprechen sein väterliches Herz an. Zügig wollten wir in die Hauptstadt San José fahren, doch während der Regenzeit muss der Ehrgeiz hinter dem Wetter zurückstecken, wenn wir nicht komplett nass durch die Gegend schaukeln wollen. Regen ist auch in dieser Region ein Wasser, das vom Himmel auf die Erde fällt, doch damit enden die Ähnlichkeiten zum Regen in Europa. Wir stehen unter dem Wellblechdach einer Bushaltestelle und fragen uns, wo das herkommt, was da so heftig niedertrommelt. Mehr als eine Stunde sind wir in diesen Wolkenberg hineingefahren, wir haben gesehen, dass es kräftig was aufs Hütchen geben wird. Die Wasserfäden schlagen Spritzer aus den Pfützen, die aussehen, als wolle das liegende Wasser dem fallenden entgegenkommen. Ein Blick in den Himmel sagt uns, dass das noch tagelang so weiter gehen kann. Wir brauchen einen trockenen Schlafplatz, sofort. Gegenüber sehen wir die überdachte Werkstatt eines Automechanikers. Der Besitzer des Grundstücks wiegt den Kopf und zeigt auf einen Lkw mit hölzernem Aufbau. "Wir lassen nachts unsere Hunde frei laufen, aber wenn ihr auf der Ladefläche liegt, wird schon nichts passieren." Wir lieben den Mechaniker, der so unordentlich ist, auf dem Lastwagen einen Haufen Kartons liegen zu haben. Mehrere Schichten übereinander geben eine warme Grundlage für das Innenzelt. Es soll gegen die Mücken schützen, die uns schon gefunden haben. Der Mechaniker hat auch eine Dusche in der Nähe seiner Werkstatt. Besser können wir inmitten dieses Tropenregens nicht wohnen. Er klopft die ganze Nacht und klopft am Morgen. Wir schlürfen Kaffee und warten ab. Gegen halb zehn wischt die Sonne die Wolken zur Seite und sofort schlägt die feuchte Wärme in Hitze um. Die sehr guten Umgangsformen der Costaricenses sind uns fast von Anfang an aufgefallen. Besonders höflich und korrekt benehmen sich die bomberos. In Esparza dürfen wir in ihrem Schulungsraum übernachten. Als wir uns zum Essen in die Küche setzen, unterbrechen die zwei Feuerwehrmänner ihre Arbeit. Sie lassen Münzen durch eine Zählmaschine laufen. Das macht einen ziemlichen Krach. Sie arbeiten weiter, als wir mit dem Essen fertig sind. Hinter Esparza beginnt die erste Stufe ins Hochland. Obwohl Costa Rica im Vergleich zu seinen Nachbarländern ziemlich reich ist, muss sich der Verkehr über eine sehr schmale Panamericana in die Berge quälen. Für bepackte Radler bleibt am Rand nicht viel Platz. Die 30 Kilometer bis San Ramón fordern uns nicht allzu sehr heraus. Vor allem die Augen haben immer etwas zu entdecken. Hier wirken die Berge weicher als in Guatemala, vielleicht, weil sie bis zur Spitze bewachsen sind. Vor Naranjo verlassen wir die Panamericana, weil es so aussieht, als wolle sie vor San José in eine Autobahn münden. Das ist eine gute Entscheidung, denn hier entdecken wir die schönste Radstrecke Costa Ricas. Die Straße, ein schmales Teerbändchen, auf dem wenige Autos rollen, schmiegt sich in die Täler und verbindet die Gemeinden, die hier viel dichter liegen als im Rest des bevölkerungsarmen Landes. Der erste Ort, den wir erreichen, heißt Sarchi. Hier werden die Souvenirs für den schwellenden Touristenstrom fabriziert. Der Schlager sind Ochsenkarren. Die Größe variiert je nach Verwendungszweck. Man kann sie als Dekoration für den Vorgarten genauso benutzen, wie als Staubfänger auf dem Tisch. Ihre einmalige Nutzlosigkeit wird nicht gemildert dadurch, dass fingerfertige Handwerker sie in grellen Farben bepinseln und auf die Räder je ein Mandalamuster malen. Hinter Sarchi dippt die Straße hinunter zu einem Fluss, und anschließend führt sie auf einen Hügel. So geht das fast vierzig Kilometer weit. Das strengt an, aber weil am Rand der Straße Felder, Wälder, Kaffeeplantagen und Ortschaften abwechseln, fällt uns die Trampelei an diesem Tag gar nicht so schwer. In Heredia heißt uns der Feuerwehr-Subkommandant willkommen. Wir schieben die Räder in einen Geräteraum und beziehen zwei Betten im Schlafraum der Auszubildenden. "Hier ist alles ein wenig formeller als anderswo", sagt der Subjefe. Mit einem Blick auf unsere Radlerkleidung bittet er, dass wir uns nach dem Duschen lange Hosen anziehen. "Das machen wir sowieso immer", beruhigen wir. Er notiert Namen, Adressen und Nummer unserer Reisepässe und lädt uns dann zum Abendessen ein. Einer der Feuerwehrmänner hat einen großen Topf mit Fleisch und Gemüse gekocht, eine tadellose Verpflegung. Am Morgen kommt Jefe Javier zum Dienst und als Abschiedsgeschenk reicht er uns zwei alte Fünf-Colones-Scheine, die im ganzen Land als Andenken verkauft werden. Auf der einen Seite ist ein Bild abgedruckt, das im Nationaltheater hängt und die Geschichte Costa Ricas illustriert. Am Ausgang der Stadt bremst quietschend ein aufgeregter Mountainbiker. "Que lindo, que bonito, que pesado!", schreit er uns über dutzende Meter zu. "Wie schön, wie hübsch, wie schwer!" Moises Bolivar liebt das Radfahren und er liebt die Radfahrer, besonders, wenn sie mit viel Gepäck unterwegs sind. Er lädt uns zu einer Tasse Kaffee ein und hätte es nicht zugelassen, wenn wir abgelehnt hätten. Vor uns biegt er von der Hauptstraße ab, um ein paar Ecken, und endlich sitzen wir in seiner finca, inmitten seiner Felder, die ein zierliches Tal auskleiden. Noch bevor wir sitzen, ruft er seine Freundin herbei und seine Tochter, damit sie staunen kommen über die Deutschen, die mit so viel Gepäck unterwegs sind. Moises hat ein schlichtes Gemüt, aber er ist ein sehr begeisterungsfähiger Mensch und unglaublich impulsiv. Innerhalb von Minuten wissen wir über seinen Lebenslauf bescheid, und, dass er noch ein Kind hat, das aber bei seiner Mutter lebt, und dass Gott diese Art der Lebensführung gar nicht schätzt. Moises ist nämlich Christ. Das sagt er uns nicht nur mit Worten, sondern wir dürfen es auch auf fast allen freien Flächen um und an ihm sehen. Er schreibts auf den Rahmen seines Mountainbikes, auf seinen Helm, das T-Shirt, den Wellblechzaun um seine finca, auf Wände und Zettel. Seine Familie muss mit zum Grundstücksausgang gehen, als wir uns verabschieden, um die Räder anzuschauen, und er zeigt Freundin und Tochter, dass er unsere Fahrräder fast nicht anheben kann. Gern lässt Moises uns nicht gehen. "Bleibt doch ein paar Tage, schaut, ich habe genug Platz, und diese finca ist wirklich ein Paradies." Moises hat Recht, aber wir haben uns in den Kopf gesetzt, nach San José zu fahren, weil wir in der Stadt einige Dinge erledigen wollen. Radlerkollegen hatten uns die Adresse der Fahrradwerkstatt von Manuel Quiros gegeben. "Siebenhundert Meter westlich von der us-amerikanischen Botschaft." Das hört sich einfach an, doch wir verstehen den Stand der Sonne falsch und suchen das Geschäft eine Stunde lang im Norden. Als Kerstin dem Tipp eines Taxifahrers folgt und zu Fuß weitersucht, ist Manuel dabei, zu einer Wochenendtour aufzubrechen, bei der er 30 ältere Radler durch die Berge Costa Ricas leiten soll. Er hat wenig Zeit, jedoch genug, um seine Freundin Monika anzurufen und uns eine Skizze zu malen, nach der wir ihr Haus finden. Als wir unsere Räder in ihr Haus schieben, sind wir daheim. Monika kommt aus Kolumbien und wohnt seit zwei Jahren in San José. "Ihr könnt so lange bleiben, wie ihr wollt", sagt sie. Alejandro und Nicolas, ihre Söhne, sieben und neun Jahre alt, gewöhnen sich innerhalb von ein paar Stunden an uns und auch der Minihund Quique hat nichts gegen uns einzuwenden. Wir sind für eine Woche Familienmitglieder und gehen gemeinsam ins Kino, kochen, lachen und erzählen uns, wie es in unseren Heimatländern zugeht. Alejandro hat sich vorgenommen, uns keine Schwäche im Spanisch durchgehen zu lassen und verbessert unsere Versuche, Verben durch alle Zeiten zu konjugieren mit der Nachsicht eines überlegenen Grundschülers. Im Haus wohnt ein kolumbianisches Pärchen zur Untermiete. Jackie ist auf Arbeitssuche und streicht fast jeden Tag Annoncen in der Zeitung an. Oskar sehen wir kaum, als Ingenieur ist er den ganzen Tag auf Baustellen unterwegs. Pavas, unser Wohnviertel sieht aus, als ob es aus den USA geschnitten sei. Ordentliche Flachhäuser stehen an sauberen Straßenrändern. Jeder Hof ist von Eisengittern verschlossen, die ungebetenen Gästen das Eindringen schwer machen sollen. Im Zentrum allerdings ist San José eine typische mittelamerikanische Metropole. Straßenhändler blockieren die Bürgersteige. Ihr Verkaufsschlager sind derzeit Costa-Rica-Flaggen. Sie müssen so schnell wie möglich Umsatz machen, wer weiß, wie lange sich die Mannschaft noch in den japanischen und koreanischen Stadien halten kann. Die Geschäfte laufen prächtig, viele Ticos fahren die Nationalfarben, groß wie Betttücher, an den Autos spazieren und Fußgänger lassen sich die Wangen mit blau-weiß-roten Strichen bemalen. Aus den Märkten riecht es nach Fisch, blutigem Fleisch und weichen Früchten. Penner suchen in Abfalltonnen und hocken in Hauseingängen. Am lautesten sind die Losverkäufer. Sie haben die bunten Zettel auf Holzplatten festgepinnt und schreien: "Para hoy, para hoy." Die Chance auf den großen Gewinn ist schon am Abend vertan. Polizisten und die "Fuerza publica", der Ersatz für das fehlende Heer, gehen paarweise Streife. Wir fühlen uns in Costa Rica als könnten wir Urlaub machen von der ständigen Wachsamkeit, die uns in den nördlicheren Ländern begleitete. Ein Fehler, denn am Busbahnhof zieht ein Taschendieb Bernd die Geldbörse aus der Hose. Das war jemand mit geschickten Fingern, ihm reichte ein Drängeln vor der Tür des Stadtbusses, es dauerte nicht mal eine halbe Minute. Seitdem ist uns der Bahnhof und seine Umgebung suspekt, wir schauen den Passanten misstrauisch ins Gesicht. Wir hätten wissen sollen, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht, das sagt schon der Name: "Coca Cola Terminal", der Bahnhof heißt so wie das Viertel, in dem er liegt. Wir streichen durch das Zentrum, entfernen uns vom Getöse der Einkaufsstraßen. Auf der Plaza Espana steht ein gekachelter Kiosk, der in Sevilla gebaut sein könnte. Der Platz ist begrenzt von pastellgelb gestrichenen Fassaden. Eine Schule, mehr als hundert Jahre alt, feiert mit ihrer Metallkonstruktion noch immer den Sieg der Industrialisierung. In einem etwas zurückgesetzten Häuschen, es könnte eine englische Landvilla sein, fällten früher die höchsten Richter des Landes Urteile. Zwischen beiden erhebt sich der Turm des "Instituto Nacional de Seguros", 14 verglaste Stockwerke hoch. Im elften ist das Jademuseum eingerichtet, von dem gesagt wird, es beherberge die weltgrößte Sammlung indianischer Jade. Wir schauen uns das transparente Grün der Skulpturen an. Die handgroßen Figuren stellen fast immer eine Menschtier-Mischung dar. Die unbekannten Handwerker gaben dem heiligen Stein prägnante Formen, aus denen Überflüssiges verbannt ist, Kunst ohne Dekoration. Einige Stücke gefallen uns gut, begeistert sind wir nicht. Wir freuen uns, nach Nicaragua, einem Land, in dem wir in den "Librerias" kein Buch stehen sahen, in einer Stadt zu sein, in der Buchläden zum Angebot gehören. Bei "Lehmann" führt man verschiedene Fachbereiche und die Belletristik ist der größte von ihnen.