Oh wie schwül ist Panamá

18. Reisebericht vom 28. Juni 2002 San José/Costa Rica - Ciudad de Panamá

         

Die Pause in San José hat die Beine müde gemacht. Wir sehen auf der Landkarte den Cerro de la Muerte. Wie ein Ansporn steht daneben: "Höchster Punkt der Panamericana in Mittelamerika". Daran wollen wir nicht vorbeifahren, auch wenn sich dicht an der Küste eine andere Straße anbietet, die vermutlich weniger Arbeit verlangen würde. Niemand hat uns verraten, dass der Cerro de la Muerte schon hundert Kilometer im Voraus, schon in Pavas, unserem Stadtteil von San José beginnt. Wir denken nichts Arges, als sich in den Lungen ein leises Brennen einstellt und die Knie nach dem ersten Hügel zu zittern beginnen. "Das wird sich legen", versprechen wir einander. Die wackeligen Beine beruhigen sich, doch die Straße gibt nicht nach. Sie geht aufwärts und wir müssen hinterher.

         

Die Hauptstadt Costa Ricas verabschiedet uns mit einem Lächeln. Wir stoppen an einer Ampel. Zwei Clowns, Ringelhosen und rot gemalte Nasen eilen auf die Fahrbahn. Sie jonglieren mit Keulen und kaspern elegant durch ein Minutenprogramm. Augen hinter den Windschutzscheiben verändern sich. Eben blickten sie noch angestrengt, dauernd auf der Hut vor unfallträchtigen Manövern. Die Fahrer lockern die Nackenmuskeln. Als die Clowns durch die Reihen der Autos gehen, strecken viele Hände ihnen Colones-Münzen entgegen. Dann treten Füße auf Gaspedale, die Schlange zerreißt und ordnet sich neu, wieder bestimmen PS-Stärken auf der Straße. Wir trampeln weiter. Auf dem Weg nach Cartago verliert die Panamericana ihre Dreispurigkeit. Sie ist ein öder Teerstreifen mit Betonrändern, der auf einen für uns unsichtbaren Höhepunkt zuführt. Wir treffen Mountainbiker in sportlicher Kleidung, sie treten einen sportlichen Gang und sind uns innerhalb von Minuten weit voraus. Nebenan schafft es die anspruchslose Gegend nicht, von dem Unwillen unserer Muskeln abzulenken. Cartago hilft kurze Zeit mit einem ebenen Straßenstück. Wir lassen rollen und halten an einem Supermarkt im Industriegebiet. Ein Weißbrot, eine Ecke Käse, zwei Becher Joghurt, ein Liter Cola, das reicht für die Mittagspause. Wir sitzen an einem Plätzchen, das wie eine dreieckige Ausweitung der Carretera wirkt. In der Mitte, die Insel, von einer kniehohen Mauer eingefasst, beherbergt ein Madonnenbildnis. Es erzählt eine Geschichte von der Frömmigkeit der Anwohner, ihrem verkitschten Geschmack und dem mangelhaften Können des Kunsthandwerkers. Wir lassen uns nicht stören, kauen eifrig und schauen den Schulkindern zu, die mit den hinteren Reifen ihrer Fahrräder den Staub der Straße aufwirbeln. Dann steigen wir auf, jetzt macht der Cerro wirklich ernst. Fünf, sechs Stundenkilometer, mehr können wir diesem Anstieg nicht abringen. Mit dem kleinsten Kettenblatt fädeln wir Kilometer an Kilometer. Die Steigungsprozente kriechen in die Beine, und wir klagen über eine weitere Gemeinheit dieses Berges. Wir sehen an keiner Stelle, wohin wir uns mühen. Der Berg versteckt sich vor uns und wir sind eingehüllt von Wald. An beiden Seiten wuchert es grün, viel zu dicht, als dass wir hindurchschauen könnten. Hier scheint die gesamte Umgebung unter Naturschutz zu stehen. Wir radeln an geschnitzten Holzschildern vorbei, die die Eingänge zu den Reservaten markieren. Irgendwohin abzubiegen haben wir keine Lust, denn immer sehen die Schotterwege noch viel steiler aus als unsere Panamericana. Der Sonntagnachmittag hält den Verkehr von uns fern. Gelegentlich stöhnt ein Lkw auf. Die Fahrer hupen gern und recken die Daumen. Das ist ein untrügliches Zeichen, dass wir an einem erheblichen Berg arbeiten und der Gipfel noch weit weg ist. Kurz vor der Dämmerung erreichen wir den Ortsrand von Empalme. Rechts steht eine Schule. Ein paar Jugendliche schieben einen Fußball zwischen nackten Torbalken hin und her. "Wohnt der Hausmeister in der Nähe?" "Ja, der wohnt schon im Ort, es ist aber sehr schwierig ihn zu erreichen." "Wissen Sie, wir sind zwei Radler aus Deutschland und suchen einen Platz, an dem wir die Nacht verbringen können." "Wie wärs, wenn Sie es mal im Hotel versuchen würden? Einen Kilometer bergab gibts eins." Als wenn wir nicht daran vorbeigefahren wären. Bernd findet die Konversation gar nicht witzig. Nochmal zwei Kilometer bis ins Zentrum Empalmes. Die Beine sind jetzt wirklich sauer und der Tacho mag das Schneckentempo nicht mehr messen. Wieder blitzen wir mit unserem Wunsch nach einem geschützten Plätzchen ab. Diesmal bei der Besitzerin eines Angelteiches, in dem laut Beschilderung fette Forellen schwimmen. Auf unsere Frage streckt sie abwehrend die Hände von sich. "Fragen Sie weiter oben, rechter Hand, dort finden Sie ein großes Geschäft, die haben bestimmt Platz." Diese Meter, wir schwören, es müssen die letzten für heute sein, enden praktisch gar nicht. Wir bocken die Pakkas auf die Ständer und klopfen an der Tür des Polizeipostens. Es ist ein Häuschen, in den Staatsfarben blau und weiß gestrichen. Ein Polizist schiebt Dienst, er hört sich das Geschichtlein mit geneigtem Kopf an. Und er weiß nicht so recht, was er mit uns anfangen soll. Der Mann schaut nach links. Dort wächst vor dem Gesundheitszentrum ein saftiges Rasenstück. Er schaut nach rechts. Dort hat ein Tankstellenpächter die Zufahrt zur Autowaschanlage betonieren lassen. Der Polizist schaut uns an. Wir helfen: "Wir suchen einen Platz, auf dem wir in Sicherheit zelten können, und am sichersten ist es doch immer bei der Polizei." Ihm fällt die Rückseite der Station ein. "Meint ihr, dass es euch genügt?" Er führt uns ums Eck zu einer eingezäunten Parzelle mit Blick über das Tal und durchs Fenster der Polizeikochnische. "Na klar, das ist doch perfekt!" Wir lassen nicht zu, dass die Abendkälte noch der mitten im Rasen platzierte Hundehaufen unsere Begeisterung stören und das ermutigt den Polizisten: "Ihr könnt auch die Dusche benutzen. Die hat, na klar, nur kaltes Wasser." Wir arrangieren das Zelt neben die Hundescheiße und Kerstin legt sich zum Aufwärmen in den Schlafsack. Bernd stellt sich unter den Wasserstrahl, der fingerdick aus einem Rohr pullert. Dann kriecht Bernd in den Schlafsack und Kerstin geht duschen. Anschließend können wir die gefrosteten Hände kaum noch bewegen. Eiskalte Duschen sind in 2.280 Metern über Normal Null eine sehr erfrischende Einrichtung. Zum Kochen verspüren wir nicht die geringste Lust. Im Soda neben der Tankstelle, einem der Kleinrestaurants, wie wir sie in jedem Ort Costa Ricas gefunden haben, steht eine volle Theke. Wir essen Fleisch und Reis und Sauce, einen gehäuften Teller voll. Die Löffel halten wir in den Fäusten, weil die Finger noch immer nicht gehorchen. Bis zum Morgen sind sie im Schutz der Schlafsäcke aufgetaut. "Von hier aus sind es nur noch 40 Kilometer bis zum Gipfel, und dann beginnt eine pure Abfahrt bis San Isidro de El General", beruhigt uns der Polizist, der eben zum Frühdienst erschienen ist. Die Straße bleibt wie gehabt. An einigen Stellen lichten sich die Bäume, wir schauen auf dick begrünte Berghänge. So weit unsere Augen reichen, sie sehen Dschungel, Nebelwald überall. Die Bewohner Costa Ricas sind stolz auf den Reichtum. Der Ökotourismus ist ein einträglicher Wirtschaftszweig geworden, und das überzeugt auch jene, die am liebsten den Wald einebnen, die freie Fläche betonieren und grün anpinseln würden. In dem Maß wie die Natur zunimmt, verringert sich die Zahl der Dörfer. Aber am costaricensischen Teil der Panamericana braucht kein Radler Hunger oder Durst fürchten. Zwischen den Restaurants liegen nie mehr als zehn Kilometer.

         

Der Nebel zieht durch die Täler und stößt gegen die Bergkuppen, die jetzt, nahe dem höchsten Punkt der Straße in unser Blickfeld geraten sind. Sie reichen alle über die Höhe hinaus, die wir als Baumgrenze kennen. Wo wir gewohnt sind, scharfkantige Felswände zu sehen, wellen sich hier pflanzenüberwucherte, rundliche Hügel. Sie verheimlichen ihre Größe. Wir sind oben. Nach rechts öffnet sich ein Parkplatz, Picknickmüll hängt in den Büschen.

         

Und da steht ein lügenhaftes Holzschild: " - Gute Reise - Höhe 3.491 Meter über Meeresniveau" So weit oben wären wir, wenn wir den Pfad bis zum Gipfel hinauflaufen würden. Uns genügen die 3.260 Meter der Panamericana. Nebenan parkt ein Lkw mit Motorproblemen. Der Fahrer hat die Steuerkabine nach vorn geklappt und steckt mt dem Oberkörper in den Eingeweiden des Lastzugs. Vier Kollegen stehen um ihn und die Werkzeugkästen herum. Sie haben ihre Vieltonner in Linie gereiht. Wir bitten einen von ihnen, unsere Erinnerungsfotos zu machen. Kerstin und Bernd und zwei bepackte Räder nach zwei Arbeitstagen am Cerro de la Muerte. Dann setzen wir die Helme auf und knipsen die Rücklichter ans Gepäck. Inzwischen ist der Nebel dichter geworden. Wir wollen uns nicht darauf verlassen, dass hier jeder die dicht gesetzten Warnschilder beachtet: "Fahr mit Vorsicht." Wir erleben wieder die Gewalt eines Berges, die man nur auf dem Fahrradsattel spürt. Eben noch traten wir die Pedale wie Feinde, um die letzten Meter zu besiegen, jetzt schwirren die Speichen im Fahrtwind. Lenker fester fassen und mit Gefühl bremsen, damit die Raserei nicht an einem Baumstamm endet. Sechs Minuten, fünf Kilometer und 200 Höhenmeter später taucht das Hostal "Georgina" auf. Das weiße Holzhaus, sein Charme gleicht der Washingtoner Hoh Humm Ranch, in der wir eine Nacht verbrachten, steht so dicht an der Straße, wirkt so selbstverständlich und so selbstsicher, von den blanken Fensterscheiben bis zum Schild über der Eingangstür, auf dem der Besitzer verraten lässt, dass das Haus 1947 hierher gestellt wurde. Es zieht uns hinein, und wir wollen nicht widerstehen. 2000 Colones, das sind sechs Dollar, für ein Doppelzimmer, bei diesem Preis müssen nicht einmal Kostenloscamper überlegen. Wir schleppen die Taschen in den ersten Stock und richten uns in einem mit mintgrünen Latten getäfelten Raum ein. Das Stockbett aus kernigem Naturholz enthält Matratzen von angenehmer Härte. Wir beginnen, uns sehr wohl zu fühlen, und lassen uns von den Regentropfen bestätigen, die Minuten später auf das Blechdach trommeln. Das Erdgeschoss vom "Georgina" ist ein Speisesaal, der für die zügige Verköstigung von Busreisenden eingerichtet ist. Wir setzen uns an die Fensterfront, durch die man auf den Wald schaut. Im Wind schaukeln fünf, sechs Futterstellen. Sie sind mit einer rötlichen Flüssigkeit gefüllt. Plötzlich zucken winzige Vögel heran. Sie stehen in der Luft wie feiste Libellen. Die Geschwindigkeit der Schläge macht die Flügel unsichtbar. Die grün schillernden Tiere landen an den Zuckertrögen und versenken ihre Strohhalmschnäbel im roten Sirup.

                   

In der freien Natur ist es fast unmöglich, die nervösen Kolibris aus der Nähe zu sehen. Hier flattern sie 20 Zentimeter von unserer Nasenspitze entfernt umher. Nach jedem Schluck Kunstnektar legen sie die Köpfe zurück und lassen die dünnen Zungen aus den Schnäbeln schnellen. Bevor wir uns an die 40 Kilometer lange Abfahrt zur nächsten Stadt machen, möchte Kerstin den Wald anschauen, dem wir auf der Straße nicht wirklich nahe gekommen sind. Im Garten des Hostals beginnen zwei Wanderwege. Einer der Angestellten erklärt, dass wir auf dem "Sendero Descanso" etwa anderthalb Stunden unterwegs wären. Nach wenigen Schritten umschließt uns das Grün. Es ist oben, seitwärts und unter uns, wir brauchen Zeit, um die verschwimmende Pflanzenwucht in Blätter, Stämme. Wurzeln und Farne zu gliedern.

                   

              

Obwohl der Pfad regelmäßig begangen wird, wehrt sich der Wald gegen diese Leerstelle und versucht, sie von allen Seiten zurück zu gewinnen. Zweige streifen unsere Gesichter, aus den Baumkronen hängen Lianen herab. Vögel pfeifen, ein Miniwasserfall gluckert über umgestürzte Bäume. Was man so für Ideen hat, wenn man zum ersten Mal mit sich und einem Urwald allein ist. Wo sind die Schlangen? Fliehen Giftspinnen vor ängstlich trampelnden Besuchern? Wir steigen über Stämme, waten durch niederes Gras, und au, Scheiß-Brennesseln, dieses Gestrüpp hat der Wald doch wirklich nicht nötig. Mit juckenden Waden kehren wir zu unseren Rädern zurück. Einen Regenschauer warten wir ab, dann gehts los. Jacken, Helme und volle Radbeleuchtung, die Schwerkraft zieht uns aus der Bergkälte durch Wolkenwatte in die Tropen.

         

Eine halbe Stunde nach dem Start packen wir die Jacken weg. "Eigentlich hätten wir heute morgen keine langärmeligen Shirts anziehen sollen." San Isidro de El General liegt in der Hitze des frühen Nachmittags. Die Feuerwehrleute sind nicht erstaunt, uns zu sehen und bieten ohne Zögern zwei Betten im Schlafsaal an. Wir haben in der Küche der Feuerwache Rindfleisch in der Pfanne gebraten, eine Guacamole angerührt und dazu Tostadas gegessen. Für die Abendzigarette stellen wir uns an die Straße. Am Rand des Bürgersteigs hockt Don Cesár. Der Mann trägt T-Shirt, Hose und Schlappen, das alles ist ebenso abgenutzt wie seine wenigen Zahnstummel. Neben sich hat er ein Fläschchen Schnaps abgestellt. Als er uns kommen sieht, dreht er das Transistorradio aus. "Wo kommt Ihr her", die Allerweltsfrage ist diesmal der Beginn einer lustigen Unterhaltung. Früher, als Don Cesár besser beieinander war, trug er die dunkelblaue Uniform eines Feuerwehrmannes. Er pflegt aus dem Rinnstein die Liebe zu den Ex-Kollegen, und weil auch sie ihn nicht vergessen haben, bekommt er jeden Abend einen Teller Reis und Fleisch aus der Verpflegung der Diensthabenden. Während Don Cesár auf den Brocken herummümmelt, erzählt er von früheren Dienstreisen in die benachbarten Länder Zentralamerikas. In Mexiko hat er mit berühmten Mariachis getrommelt, er bedauert die schlecht ausgestatteten Feuerwehren Nicaraguas. "Wenn Ihr nach Panamá Stadt kommt, müsst Ihr aufpassen. Dort lauern an jeder Ecke Spitzbuben, am besten Ihr vermeidet manche Ecken überhaupt. Zum Beispiel die Avenida Bolivar, wenn Ihr dort hingeht"... Don Cesár fährt mit dem Zeigefinger entschieden quer über seine Kehle. Nach dem Essen überfällt ihn eine Woge der Selbsterkenntnis. "Mir hat es sehr gut gefallen, Feuerwehrmann zu sein, aber das da, das ist ein Problem." Er hebt die Schnapspulle an. Eine davon trinkt er am Tag, sagt der Säufer. Sein zerstörtes Gesicht verrät, dass es deutlich mehr sein muss. Obwohl sein Körper ziemlich mitgenommen aussieht, funktioniert das Gehirn noch tadellos, wir haben Spaß an der Unterhaltung mit dem Weitgereisten. Ursprünglich hatten wir geplant, auf der Panamericana zu bleiben, um das Städtchen San Vito zu besuchen. Laut Beschreibungen im Reiseführer ist es eine italienische Kolonie, in der die Emigranten die Sprache und Küche ihrer Heimat pflegen. In der Wache jedoch überzeugt uns ein Freiwilliger, es mit der Küstenstraße zu versuchen. Auf den Karten ist sie als Holperpiste eingezeichnet, doch er versichert, dort unten sei die gesamte Strecke geteert. "Wenn Ihr aus San Isidro rausfahrt, müsst ihr zuerst über einen Hügel radeln, aber da Ihr über den Cerro de la Muerete hergekommen seid, werdet Ihr das Stückchen kaum spüren." Das sagt sich so leicht aus der Warte eines Autofahrers. Wir keuchen am Vormittag auf der schmalen Straße hinauf nach San Juan del Alto. Der Saft rinnt aus den Poren, und die Sonne, die in der Stadt noch so freundlich gesonnen schien, wird wieder mal unsere Feindin. Trotz der Mühen haben wir genügend Zeit, die immer spektakuläreren Ausblicke auf Bananenfelder, Kaffeebüsche und wilden Baumwuchs aufzunehmen. Die Wolkenschleier steigen bergauf und erklären uns, was Nebelwald bedeutet.

         

Der Höhenmesser zeigt mehr als 1.000 Meter an, die Straße kippt und führt in Schleifen zum Meer hinunter. Wir halten zwischendurch an, um die vom Bremsen erhitzten Felgen auskühlen zu lassen. Später geht es am Rio Barú entlang und dann stehen wir auf der Brücke über dem Fluss und sehen, wie er wenige hundert Meter entfernt in den weißen Schaumrand des Pazifiks tritt. Wir lehnen am Brückengeländer und schauen in das brackige Wasser, das sich im Schrittempo dem Meer nähert. Da blubbert es und ein Seeotter streckt seine Schnauze heraus. Wie zum Gruß schüttelt das Tier den Kopf und mit einer kräftigen Drehung taucht es ab, so schnell wie es erschien. Wir warten auf ein Wiederholung des Spiels, doch lange tut sich in dem Wasser nichts. Als wir zum Weiterfahren aufsteigen wollen, sieht Bernd einen knorrigen Schädel auf dem Wasser schwimmen. Tatsächlich, ein Krokodil. Es lässt seinen mindestens drei Meter langen Körper träge hängen und funkelt mit vorstehenden Augen in die Gegend. Bevor die Kamera ausgepackt ist, schlägt das Vieh mit dem Schwanz und verzieht sich an eine unsichtbare Stelle im Schlamm. Das sind zwei Gute-Laune-Macher auf einmal gewesen und uns scheint die Küstenhitze gar nicht mehr so störend. Die Küstenstraße erreicht Dominical, ein Dörfchen, das schon mit seinen Ausläufern, einigen zu Hotels umgebauten fincas verrät, dass es vor allem wegen der Touristen nicht aufgehört hat zu existieren. Wir fahren ein paar Kilometer weiter. In Uvita, das nur aus einer Tankstelle, ein paar Läden und Restaurants zu bestehen scheint, kaufen wir für das Abendessen ein und suchen dann einen Platz an der "Playa Shaman". Dieses Küstenstück gehört zum Meeres-Nationalpark "Mario Ballenas". Im flachen Wasser zwischen ein paar Inselchen treiben sich im Winter Wale herum, um ihre Jungen zu gebären. Wir bauen das Zelt unter Kokospalmen auf und achten darauf, das über dem Dach keine Nüsse hängen. Selbst ein sachter Wind kann die kiloschweren Trümmer von der Stängeln zupfen, sie sind echte Totschläger. Wir hören, von Zeit zu Zeit nebenan die dumpfen Einschläge. Später am Abend juckt das Meersalz und der Sand auf der Haut, wir hören der Brandung zu, kauen andächtig Nudeln und schlürfen die obligatorische Tomaten-Thun-Sauce. Vor dem Schlafengehen hat Bernd die originelle Idee, das Geschirr im Meer zu waschen anstatt im Spülbecken beim Palmdachrestaurant gegenüber. Tatsächlich hilft der Sand, verrußte Töpfe in blitzende zu verwandeln. Doch diesmal holt sich das Meer ein Opfer. Mit einer heimtückischen Welle zieht es ausgerechnet das teure Fahrtenmesser hinaus. Weder die dreistündige Suche im Schein der Taschenlampe noch ein Spaziergang am Morgen helfen. Die Flut hat Steine angeschwemmt, nasses Holz, Fischgerippe, Glasscherben und Krebsschalen, das Messer bleibt verschluckt. Am Morgen steht die Sonne heiß über dem Dschungel, der bis an das Pazifikufer stößt. Wir sitzen gerade mal ein paar Minuten auf dem Rad und sind schon völlig eingeweicht. Außerdem stehen Hügel im Weg. Sie sind selten höher als 50 Meter, doch sie reihen sich unerbittlich aneinander. Wir trinken innerhalb einer Stunde drei Liter Wasser.

         

Aus den Bäumen schreien unsichtbare Vögel zu uns herunter. In einiger Entfernung hören wir Affen brüllen. Einer klingt besonders klagend. Wir bleiben stehen und sehen seinen missmutigen schwarzen Buckel haushoch über dem Boden auf einem stämmigen Ast hocken. In Palmar Norte fahren wir auf die Panamericana zurück, die ihren Schlenker durch die Berge der Fila Costena beendet hat und schnurstracks auf die Grenze nach Panamá zuläuft. Die Kilometer verrinnen zügig, doch die näher kommenden Wolkenballen machen uns Sorgen. Blitze reißen den Himmel in Stücke. Dann und wann grollt ein Donner, als wenn er eine Sintflut ankündigen wollte. Wir wissen nicht, ob wir einen Regenstrom erwarten sollen, denn in den Tropen versagt unsere Fähigkeit, das Wetter der nächsten zehn Minuten zu ahnen. Manchmal regnet es, ohne dass wir eine Wolke sehen, manchmal führen kalte und warme Luftströme blitzenden und krachenden Krieg, und es gießt nicht. Villa Bonita unterscheidet sich von den Nachbardörfern durch eine Kirche, neben der ein niedlicher Festsaal steht. Der Pastor ist nicht zu Hause, doch eine seiner Töchter sagt, wir sollen beruhigt warten, man werde uns sicher nicht fortschicken. Der Pastor kommt per Fahrrad. Trotz der schwülen Hitze ist sein Hemd trocken. Er grüßt mit festem Händedruck und er bedauert, uns keinen anderen Raum geben zu können als die Festhalle, auf die wir gehofft hatten. Wir schieben unsere Fahrräder hinein und die Töchter des Hauses stellen die Tische auseinander, um unserem Zelt Platz zu schaffen. "Leider ist meine Frau zur Zeit in San José, ich kann Ihnen nichts zu Essen anbieten." Der Pfarrer gehört einer sehr strengen evangelischen Richtung an und deshalb verbietet er uns, auf dem Kirchengelände Alkohol zu trinken oder zu rauchen. Das erste fällt sehr leicht, denn im Dorfladen haben sie kein Bier vorrätig. Unsere Zigaretten rauchen ein Stück entfernt in der Bushaltestelle. "Verstehen Sie, es würde sich sehr schlecht machen, wenn die Leute sehen, dass der Pastor Gäste beherbergt, die alles das tun, was der Glaube nicht gutheißt." Nach dem Abendessen sitzen wir am Tisch unter dem Vordach des Pfarrhauses. Der Pastor ist sehr stolz, dass die Costaricenses mehrheitlich der evangelischen "Assamblea de Dios" angehören, und er erklärt die Grundzüge des konservativen Weltbildes, das in dieser Kirche gepflegt wird. Ein geregelter Tagesablauf gehört ebenfalls dazu, und wir liegen zeitig in unserem stickigen Zelt. Die Ruhe kommt uns am nächsten Tag zugute. Wir radeln zügig 80 öde Kilometer durch langweilige Landschaft zur panamenischen Grenze. Am Kontrollposten wartet ein Dutzdend Motorradfahrer. Die meisten von ihnen sitzen auf polierten Harley Davidson. Endlich können wir fragen, was die Horden der Motorradler bedeuten, die in den vergangenen zwei Tagen an uns vorbeigefahren sind. "Wir veranstalten ein internationales Treffen in David, kommt doch vorbei, das ist sicher lustig. Von hier aus sind das nur 50 Kilometer." Ganz so mobil, wie Motorfahrer es sich vorstellen, sind wir nicht. Wir übernachten bei der Feuerwehr in Concepción, etwa 25 Kilometer hinter der Grenze. Panamá scheint an uns vorbei zu schleichen. Auf der Landkarte sieht es aus, als ob die Panamericana, einzige West-Ost-Verbindung im Land, sich an der Cordillera Central vorbeimogelt. In Wirklichkeit schenkt sie uns kaum einen ebenen Kilometer. An den Gipfeln links von uns sehen wir, dass es noch viel schlimmer gehen könnte, richtig glücklich macht dieser Trost jedoch nicht. Panamá erhöht die Küstenhitze Costa Ricas um ein paar Grad, lähmt uns mit noch mehr Luftfeuchtigkeit, ohne zum Ausgleich ein interessantes Landschaftsbild vorzuführen: weit und breit nur Büsche, Bäume und Weiden, hier und dort ein Fluss.

         

Das alles ist in einem eintönigen Grün gehalten, an dem wir uns schon nach einer halben Stunde satt gesehen haben. Wir fühlen uns verlassen und sind darauf angewiesen, uns mit unseren Gefühlen zu beschäftigen. Meditation kann man das unter diesen Umständen beim besten Willen nicht nennen. Vielleicht ist es eher so etwas wie Selbstekel. Und das funktioniert so: Nach einer feuchtwarmen Nacht steigen wir auf die Räder. Kappen, T-Shirts, Unterhosen, Hosen, Socken und Schuhe sind vom Tag zuvor schweißnass. Zehn Minuten vergehen. Soeben beginnt der Fahrtwind den muffigen Geruch aus den Klamotten zu verjagen, die äußersten Fasern der Kleidung bereiten sich aufs Trocknen vor. Doch so weit soll es nicht kommen. Die Bewegung, sozusagen die Kardinalsünde wider das panamenische Klima, beginnt, die Poren zu öffnen. Ein Schweißfilm legt sich über die Haut. Nicht nur auf dem Gesicht, auf Armen, Beinen und unter den Achseln, sondern gleichmäßig am gesamten Körper. Dieser Film zieht gierig den Staub der Straße an. Weitere zehn Minuten später hat sich der Feuchtfilm in Bäche verwandelt, die aus den Haaren, an den Augenbrauen entlang über die Wangen zum Kinn laufen und von dort auf die Lenkstange tropfen. Auch von den Ellenbogen tropft es. Der Schweiß perlt vom Rücken in die Unterhose, die diese Menge bald nicht mehr halten kann und sie an die Beine weitergibt. An denen entlang rinnt die Soße in die Schuhe. Fahren wir mit den Zungen über unsere trockenen Lippen, schmecken wir Salzkrusten. Salz lagert sich auch auf den Lenkergriffen ab. Die Aluminiumteile der Bremshebel korrodieren ebenso wie die Schrauben in den Bügeln der Sonnenbrillen. Die Ledersättel sind stumpf von Nässe. Wir trampeln in unserem eigenen Saft. Streifen wir mit der Hand über den Unterarm, plätschert es, als wenn wir eben aus der Dusche kämen. Kilometer um Kilometer tropfen und trinken wir. Pinkeln müssen wir selten. Selbst nach zehn Litern Wasser fühlen wir am Gaumen während der fünf- oder sechsstündigen Tagesetappe den ranzigen Geschmack trockener Schleimhaut. Das ändert sich auch dann nicht, wenn wir noch mehr trinken. In Panamá lernen wir bescheidene Wünsche lieben. Mehr als alles in der Welt wollen wir wie Babies sein: Trocken und sauber. Doch anders als den Säuglingen ist uns die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse nicht gegönnt. Wir stellen uns vor, durch welche Länder man leichter und schöner radeln könnte. Alaska steht an der Spitze der Wunschliste, und zwar ganz unabhängig von der Jahreszeit. Wir erwarten nichts von Panamá. Wir empfinden das Land als eine Strecke, die zu überwinden ist, um ans Ende von Mittelamerika zu kommen. Nur ein kleines Stück der Landkarte liegt zwischen uns und Südamerika, das macht ungeduldig. Trotz unserer Gleichgültigkeit, oder vielleicht gerade deswegen, verteilt Panamá Geschenke an uns. Wir lernen großzügige, entzückende Menschen kennen. Vor allem die Polizei. Zweimal übernachten wir im Schutz ihrer Stationen. In Los Ruices sehen wir im Wachraum das Halbfinalspiel der Deutschen gegen die Koreaner. Das 1:0 trägt uns über die ersten Kilometer dieses Tages. Am Abend dürfen wir bei der Polizei in Divisa Quartier nehmen. Neben Bürohaus und Mannschaftsunterkünften umfasst das eingezäunte Gelände ein ruinöses Gebäude, aus dem vor Jahren eine Versicherung ausgezogen ist. Unter seine Arkaden stellen wir das Zelt. Wir duschen im Bad neben dem Schlafsaal der Polizisten. Als wir um 6.30 Uhr aufwachen, hat das Spiel Brasilien gegen Türkei begonnen. Nach Zeltabbau und Kaffeekochen kommen wir gerade früh genug, um das Ende der ersten Halbzeit zu sehen. Auf den Stühlen um uns sitzen Polizisten, die sich vorgenommen haben, den Dienst zu beginnen, sobald das Spiel vorbei ist. "Wo kommt ihr her?" Wir antworten: "Aus Deutschland." Und schon prasseln die Kommentare nieder: "Ihre habt keine Chance!" "Nein, das kann man so nicht sagen, die Deutschen haben ein diszipliniertes Team!" "Und vor allem Oliver Kahn!" Manche grinsen nur, und ihr Grinsen wird breiter, nachdem sich Brasilien als Sieger vom Platz verabschiedet. "Wartet nur bis zum Sonntag!" "Buena suerte - Viel Glück!" Panamá, in dem Béisbol als Nationalsport gehandelt wird, wiegt sich in Fußballbegeisterung. Die meisten stehen auf der Seite der Brasilianer. Ein lateinamerikanisches Land immerhin, das es beim wichtigsten Sport der Welt allen anderen besorgen kann. Auf vielen Autos flattert jedoch neben der grün gerahmten gelben Raute Brasiliens auch die deutsche Fahne. Wir treten unsere Räder, um Panamá ein Ende zu machen. Die vorletzte Etappe bringt uns nach Santa Clara. Wir wissen wenig über den Urlaubsort und finden eine Enklave von Villen. Hierher kommen Nordamerikaner und reiche Hauptstädter, um sich hinter hohe Zäune mit Stacheldrahtkronen zurückzuziehen. Schüchtern fragen wir bei einem Hostal nach dem Zimmerpreis. Ohne sich einen erstaunten Blick auf unsere verschwitzten Körper zu gönnen, antwortet die Empfangsdame: "60 Dollar." Wir haben uns fast damit abgefunden, auf dem Campingplatz übernachten zu müssen, als wir an dem Feriendomizil einer us-amerikanischen Kirche vorbeiradeln. "Komm, da fragen wir noch", sagt Bernd. Aus einem der Holzhäuschen auf dem riesigen Gelände tönen englische Sprachfetzen. "Na klar, kein Problem, sucht Euch einen Platz", sagt Pastor Miller. Er hätte uns ebenso gern ein Bett gegeben, doch leider ist der Hausmeister schon heim gefahren und mit ihm die Schlüssel für die anderen Hütten. Miller und sein Kollege haben drei Kirchenmitglieder aus den USA zu Gast, die ihren Urlaub an der Küste Panamás, an den "Bocas del Toro", verbrachten, und in Santa Clara versuchen, ihre Eindrücke mit Hilfe geistlichen Beistands zu verarbeiten. Auf dem Weg nach La Chorrera fühlen wir uns wie Ameisen, die sich mühen, auf einem gerafften Tischtuch vorwärts zu kommen. Die Panamericana hält sich eng an die Küstenlinie. Das Land sieht aus wie ein sturmgepeitschter Ozean, der zu Stein erstarrt ist. Hoch, runter, hoch, runter, das hält kein Fahrradberserker aus. Irgendwann, viel zu spät, halbiert sich die Hügelfrequenz, es ist, als würden wir in ruhigere Gewässer fahren. Die 85 Kilometer bis La Chorrera sind keine Spielzeugetappe. Am Eingang der Stadt kommen wir an der mickrigen Feuerwache Nummer zwei vorbei und hoffen auf die Zentrale. Als wir jedoch eine riesige Polizeikaserne sehen, sind wir sofort bereit, den bomberos untreu zu werden. Der Posten am Eingang bittet um Geduld, denn über unsere Frage müsse der Capitan selbst entscheiden. Fünf Minuten später kommt ein Mann aus dem Gebäude, vor dem der Posten und alle anderen Polizisten salutieren. Er trägt ziemlich viel Gold auf den Schultern und ist sehr höflich: "Leider kann ich niemanden in das Gelände lassen, weil wir sehr strenge Bestimmungen einhalten müssen. Tut mir Leid, aber versuchen Sie es doch mal bei der Feuerwehr. Die haben ziemlich viel Platz." Er erklärt den Weg und verabschiedet sich mit Handschlag. "Vielen Dank, Capitan." Wir schauen noch mal hinauf zu dem Schwerbewaffneten, der auf dem Dach des Polizeigebäudes seine Runden dreht und fahren geradeaus, der Beschreibung nach. In der Feuerwache nimmt Juan Alberto Monterrosa unsere Unterbringung in die Hand. Kerstin ist sofort ein bissschen verliebt in den liebenswürdigen und hilfsbereiten Mann. Er führt uns unter ein Dach auf dem Feuerwehrgelände, schließt ein Klo auf und sperrt die Fahrräder ins Labor der feuerwehreigenen Klinik. Nachdem wir geduscht haben, müssen wir uns auf einen Kaffee zu ihm setzen und dann unterhalten wir uns über Panamá, Deutschland und die Familie Juans. Er ist nach zwei Jahren als Freiwilliger auf einen Platz als Festangestellter gerutscht. "Wir haben strenge Regeln", erzählt Juan. Wer immer knapp zum Dienst erscheint und sich dann ein einziges Mal verspätet, und sei es auch nur um eine Minute, erhält 24 Stunden Arrest in der Wache. "Trinkt jemand während der Dienstzeit ein Bier, und den Kollegen fällt die Fahne auf, setzt es eine Woche lang Arrest." Juan ist ein begeisterter und engagierter Feuerwehrmann. An seiner Uniformjacke baumeln die Abzeichen eines Rettungsassistenten und eines Rettungstauchers. "Als nächstes würde ich gern die Lizenz für das Fallschirmspringen machen. Aber das geht natürlich nicht bei der Feuerwehr, das ist Privatsache." Immerhin, Juan kann sich in seiner Anstellung solche Träume erlauben, obwohl er zwei Töchter ernähren muss. Trotzdem sagt er, dass der Lohn nicht besonders üppig ausfalle. Wir werden viele Fragen über sein Land los. Irgendwo unterwegs hatte uns eine Restaurantbesitzerin gesagt, es gebe in Panamá ein spezielles Wort, mit dem man etwas bezeichnet, das besonders schön ist. Sie wiederholte es für uns mehrmals und wir behielten so etwas ähnliches wie "pitiripi". Juan lacht, als wir ihn um Aufklärung bitten. "Hier bei uns reden die Leute kein reines Spanisch. Unsere Umgangssprache enthält französische und englische Teile. Was ihr meint heißt: pritipriti!" Wir schauen uns an und lachen mit. Klar, auf englisch sagt man "pretty", und für einen echten Panamesen wird daraus "ta' pritipriti". Juan beginnt seinen Dienst, den dritten Teil der Nachtschicht, um drei Uhr morgens. Als wir vier Stunden später aufstehen, kommt er mit einer Tüte voller Königinnenbrot. Es duftet warm. Diesmal laden wir ihn zu einer Tasse Kaffee ein. Zum Abschied schenkt er uns ein Feuerwehr-T-Shirt, ein Abzeichen und einen kopierten Liedtext "La canción del camino", "Das Lied des Weges". Wir versprechen ihm zum Ausgleich eines der Fotos, die noch unentwickelt in unseren Taschen liegen. La Chorrera liegt etwa 35 Kilometer von Panamá Stadt entfernt. Mit der Übernachtung wollen wir verhindern, am Abend in der Hauptstadt anzukommen. Wir strampeln mutig über die Panamericana, die sich hier von einer besonders widerlichen Seite zeigt. Von oben brennt die Sonne, von der Seite bedrängen uns Autofahrer, als ob sie uns auf dem schmalen Teer keinen Platz lassen wollten. Natürlich müssen wir noch ein paar Hügel überqueren, aber dann sehen wir das Stahlskelett der "Puente de las Americas".

         

Uns packt ein Gefühl, viel stärker als damals, als wir auf die "Golden Gate Bridge" zufuhren. Diese Brücke schließt die Hälfte unserer Reise ab. Wenn wir sie überquert haben, sind wir praktisch in Südamerika. So dicht wie möglich fahren wir am Brückengeländer entlang. Es gibt auch hier keine Spur für Radfahrer. Lediglich die Fußgänger dürfen sich auf der landeinwärts gerichteten Seite, abgetrennt von den Autos, durch einen schmalen Gehsteig schlängeln. Unter uns sehen wir Schiffe. Dicke Frachtkähne nehmen draußen in der Bucht Aufstellung, um sich durch den Kanal schleusen zu lassen. Dann ist der Ausblick aufs Wasser vorüber und wir radeln durch Betonrinnen, in denen der in die Stadt flutende Verkehr in mehrere Etagen aufgeteilt wird. Wir nehmen die erste Ausfahrt nach rechts und fahren an grässlich betonierten Wohnblocks vorbei. Auf den ungeteerten Straßen spielen Kinder und Hunde, aus den Fenstern hängt ausgelaugte Wäsche, unbeschäftigte Männer stehen in gespannter Langeweile in den Hauseingängen. Das schaut nicht einladend aus. Eine Polizeiwache beruhigt uns, wir biegen in das Altstadtviertel ein. Zum zweiten Mal sind wir in Kuba, obwohl wir Fidels Inselreich noch immer nicht gesehen haben. Uns umgibt der modrige Charme kolonialer Architektur, die seit Jahrzehnten mit mangelnder Pflege zugrunde gerichtet wird. Vernagelte Fenster, rostige Balkongeländer, Mauern in schimmligem Dunkelgrau. Zwischendrin stehen wie Fremdlinge frisch gestrichene Fassaden. An manchen hat man sich sogar die Mühe gemacht, die Stuckornamente zu erneuern. Die schwarz gekleidete Nationalgarde bewacht die Zufahrten zu einem Häuserblock. In dieser Ecke ist der Verfall besiegt. Die Präsidentin Mireya Moscoso residiert in einem weiß gestrichenen Palast, der von ebenso reinen Gebäuden umgeben ist. Das Politikerviertel ist ein Fremdkörper, doch seine vornehme Blässe breitet sich aus. Keine Frage, hier plant jemand, ein Schmuckstübchen für Touristen und Altstadtfans einzurichten. Noch ist das "Casco Antiguo" ungezähmt, sperren verlotterte Gestalten Haustüren auf, um in eine der überfüllten Wohnungen zu kommen. Besoffene liegen in Nischen wie Leichen und zwischen allem verteilt sich tagsüber der Dieselqualm aus tausenden Busauspuffen. Auf der Plaza de la Independencia, gegenüber der Kathedrale, holen wir uns auf einer Parkbank Mut, diesem Moloch an den Kragen zu gehen. Wir wollen eine Unterkunft auftreiben, für die wir nichts bezahlen müssen. Die Polizei schickt uns zu einem Altenheim, dort schlägt man uns irgendein obskures "Haus der offenen Türen" vor, und an dessen Eingang warnt ein Polizist, die Straße geradeaus weiter zu fahren. Er schaut auf unsere Räder. "Es ist fast sicher, dass sie Euch hier überfallen werden." Wir kehren zum "Casco Antiguo" zurück, in dessen vergammelte Straßenschluchten weder Sonne noch solche Schauergeschichten eindringen. Im Hotel "Herrera" beziehen wir ein Zimmer unter dem Dach. Das Haus passt in seine Nachbarschaft. Als das ehemalige Stadtpalais in ein Hotel umgebaut worden war, verließen die Handwerker das Haus und sind seither nicht zurückgekommen. Die Portiers sind nur durch ein schmiedeeisernes Gitter zu sprechen. Sie reichen die Schlüssel aus einer Luke und müssen sich dann aus ihrem Kabuff quälen um die überraschend gut geölte Gittertür zu öffnen. Das Erdgeschoss ist für Stundengäste reserviert. Wir sehen dickliche Familienväter mit Frauen dort verschwinden, denen man nicht auf die Miniröcke schauen muss. Ein Blick in die interesselosen Augen genügt, um ihren Beruf zu erraten. Uns gefällt es hier, wenn auch die eingemieteten Panamesen jeden Abend mit Schnapsflaschen in der Hand herumwanken und sinnlose Gespräche anzuknüpfen versuchen. Einer von Ihnen setzt sich, sobald er nicht mehr gerade stehen kann, auf die Bank im Erdgeschoss und folgt mit stieren Augen allen, die an ihm vorbei gehen. Hier treffen wir auch die kanadischen Radlerkollegen Maggie und Rick wieder. Wir hatten sie kurz hinter David kennen gelernt und eine Nacht lang gemeinsam im Ortskern von Las Lajas campiert. Das Architektenpaar aus Toronto ist schon ein Jahr auf der Panamericana unterwegs und in Alaska gestartet. Wir erzählen uns Geschichten aus dem Radleralltag und von den urigen Typen, die uns während der Reise begegneten. Mit Maggie und Rick gehen wir abends um die Ecke ins etwas schmuddelige Restaurant "Jonathan". Aus Blechwannen hinter der Theke füllen die Bedienungen Teller mit Reis und Fleisch bis zum Rand. Eine Mahlzeit kostet höchstens zwei Dollar. Billiger kann man in der Stadt nicht essen, und es schmeckt sogar. Unsere Tage vergehen mit Erledigungen. Wir lassen die Hinterräder sanieren, tragen das Notebook zur Sony-Niederlassung und danach kreuz und quer durch die Stadt. Zwischendurch finden wir Zeit, um das Kanal-Museum anzuschauen. Auf zwei Etagen haben die Ausstellungsmacher versucht, die Geschichte um die Verbindung von Atlantik und Pazifik darzustellen. Wir sehen den Suez-Kanalbauer Lesseps auf Fotos, und können nachvollziehen, wie er über den Schwierigkeiten, Gelbfieber, Erdrutschen und schließlich dem Bankrott seiner Gesellschaft alt, krank und verbiestert wird. Das wichtigste Ereignis für die Panamesen ist groß dargestellt. 1999 unterschreibt Jimmy Carter, Ex-Präsident der USA, einen Vertrag, der Panamá die Hohheit über sein Herzstück gibt. Natürlich behalten die USA das Recht, jederzeit einzumarschieren, wenn ihnen die Handhabung des Kanals gegen den Strich gehen sollte. Wir spazieren durch die Stadt. Die Avenida Central ist zu einer Fußgängerzone ausgebaut worden. Aus den Warenhäusern dringt der kalte Hauch von Klimaanlagen. Durch die offenen Fronten schauen wir auf ein unglaubliches Angebot von internationalem Schrott. Alles, was in irgendeiner Ecke der Welt billig zusammengeschustert wird, ist hier erhältlich: Schuhe, Puppen, Plastikblumen, Imitate aller renommierten Uhrenmarken, Billiggeschirr, Bilder, auf denen Rehe aus einem Fichtenwald schauen, Baumwollunterwäsche und Kassettenrekorder. Panamá verdankt seinen Ruf als Freihandelszone vor allem diesem Konsummüll. An den Geschäften stehen Einpeitscher, die das soeben eingetroffene neueste Sonderangebot in das Gewühl der Passanten schreien. Da laufen Geschäftsleute mit grauen Anzügen und Aktenkoffern, Straßenkinder, Polizeistreifen, Hauptstädter, die ihre Einkaufsbeutel schleppen und Touristen durcheinander. Die buntesten Gestalten sind die Frauen vom Stamm der Kuna.

         

Mit Würde schlurfen sie auf Plastiklatschen herum. Sie tragen Goldringe in den Nasen und haben um Arme und Beine Perlenketten gewunden. Der Einfluss der USA hat sich am stärksten in der Via Espana verfestigt. Shoppingmalls, in denen die fehlenden Preisschilder das Niveau beweisen sollen, wurden neben Hoteltürme gestellt.

         

Hier rollt das Publikum mit Limousinen vor, sind Anzüge und Pumps Pflichtuniform der Käufer. Es wohnen genügend Menschen in Panamá Stadt, die mit goldenen Kreditkarten in den Geldbeuteln zum Einkaufsbummel fahren. Auf der Avenida Balboa sehen wir die beiden am wenigsten zu vereinbarenden Teile Panamás einander gegenüber stehen. Die Stadt umschließt die Bucht wie mit zwei Armen.

                     

Auf der einen Seite erheben sich die Wolkenkratzer des Bankenviertels. Die Glastürme spiegeln und scheinen im Angesicht ihres Gegenübers zu wachsen. Drüben ducken sich die Häuserblocks des "Casco Antiguo", als wollten sie sich zusammenziehen und so dauerhafter werden. Der erste Besuch an der Miraflores-Schleuse fällt unglücklich. Wir stehen auf der Besuchertribüne, schauen in das Wasser des Schleusenbeckens, doch kein Schiff kommt. Eine Stimme aus dem Lautsprecher sagt, man erwarte die nächste Passage für 12.30 Uhr. Es ist halb zehn, wir wollen nicht so lange warten.

         

                  

                  

Als wir zum zweiten Mal mit dem Bus hinausfahren, sehen wir von weitem den Schornstein eines Frachters über dem alten Kraftwerk der Schleuse aufragen. Und dann kommt Schiff auf Schiff. Ein guter Tag für die Kanalgesellschaft, die für jede Durchfahrt dieser riesigen Pötte etwa 100.000 Dollar einstreicht. Als wir an diesem Tag in unser Quartier zurückkehren, schaut uns durch die Gittertür ein vertrautes Gesicht an. Tom, der einarmige Radler aus Kanada, ist angekommen. "Hallo, sag mal, wie gehts denn Dir? Wie ist Mittelamerika für Dich gelaufen?" Vor Jahren erlitt er einen Motorradunfall, seitdem ist sein linker Arm gelähmt und baumelt schlaff wie ein Glockenklöppel an der Schulter. Zum ersten Mal sehen wir sein Fahrrad. Um überhaupt fahren zu können, musste Tom die Lenkstange weiter nach oben ziehen, und Bremsen und Gangschaltungshebel auf die rechte Seite verlagern. Wir können uns nicht vorstellen, wie einarmiges Radeln funktioniert, wie man mit nur fünf Fingern einen Plattfuß flickt, ein Zelt aufbaut, eine Konserve öffnet, gegen den Wind steuert. Tom durfte am Berg niemals absteigen, um ein Stückchen zu schieben, sein Packesel ist für einen Arm viel zu schwer. Gern hätten wir ihn unterwegs getroffen, um ein oder zwei Tage zuzuschauen, wie er die Reise meistert. In Panamá Stadt ist er am Ziel, die noch höheren Anden will er sich ersparen. Statt dessen geht er nach Kolumbien, um als Englischlehrer seine Reisekasse zu füllen. Wir sind überzeugt, er wird auch in dem Bürgerkriegsland durchkommen. Genauso sicher, wie er daheim Touristen durchs Yukon Territory leitet. Tom hat eine Waffe, die ihn vor allen Gefahren schützt. Es ist sein Lachen, das wie ein freundliches Gewitter ausbricht und alle ansteckt, die es trifft. Im "Herrera" erwartet uns am vorletzten Abend eine aufgeregte Portiersfrau. Das Stubenmädchen sei morgens, kurz nachdem wir das Haus verlassen hatten, zu ihr gekommen, weil durch den Spalt unter unserer Tür Wasser auf den Gang geströmt sei. Wir öffnen die Tür. Lachen stehen auf dem Boden. Das Zimmermädchen, eine kräftig gebaute Schwarze, hat die durchnässte Matratze bereits aus dem Zimmer geschleift. Es sieht wild aus, aber außer einigen Tropfen auf dem Wörterbuch und ein paar Spritzern auf dem alten Wecker ist unseren Sachen nichts passiert. Auf dem Dach ist ein Wassertank geborsten und hat sich durch das Wellblech in unser Bett entleert. Die Portierin kommt nach oben, weist uns ein neues Zimmer zu. Als wir umgezogen sind, empfiehlt sie, eine Liste der beschädigten Gegenstände anzulegen, der Besitzer werde das sicher bezahlen. Die Gelegenheit, einem Lateinamerikaner Geld aus der Nase zu ziehen, wollen wir uns nicht entgehen lassen und notieren für das Buch 15 Dollar, den Wecker 10 Dollar. Zum Vergnügen setzen wir außerdem zwei Filmrollen auf die Liste, deren Wert jeweils sieben Dollar betragen soll. "Ja, ja, ich sehe, 39 Dollar, ich werde später das Geld auf Ihr Zimmer bringen", sagt die Frau, als sie das Blatt nimmt. Natürlich taucht sie nicht auf, und als Bernd spät am Abend hinunter geht, sitzt der Nachtwächter im Kabuff. Auf die Frage, was mit dem Geld sei, verschwindet er nach nebenan und kommt mit der Nachricht zurück, der Chef wolle die beschädigten Sachen sehen. "Selbstverständlich, die bringe ich gern vorbei." Im Zimmer bespritzen wir das Wörterbuch ein wenig mehr und halten zwei unbelichtete Filme unter den Wasserhahn. Um den Chef zu sehen, muss man auf die Straße hinausgehen. Gegenüber steht sein Rolls Royce, den er unmöglich mit den Einnahmen aus dem Hotel verdient haben kann. Eine Eisentür öffnet sich und dahinter liegt sein Büro. Er sitzt an einem mit Papieren bedeckten Schreibtisch. An den Wänden hängen Messer, Dolche und Schlagstöcke. Der Chef, ein fetter Molch mit dem harten, grobporigen Gesicht eines alten Zuhälters, knurrt unverständlich. Der Nachtwächter reicht ihm die Liste und dann befingert der Dicke Buch, Wecker und Filme. "Was soll das wert sein? 39 Dollar? Das glaubst Du wohl selbst nicht." Im Halbdunkel des Zimmers sitzen zwei Wachteln, die hier wohl auch irgendeine Aufgabe haben. Eine ruft: "Die Uhr kann man überall für einen Dollar kaufen." Bernd weist darauf hin, dass auf den beiden Filmen unersetzliche Aufnahmen von der Reise gewesen seien, die nun durch das Wasser ruiniert sind. Das wäre mit dem Preis von 7 Dollar überhaupt nicht gedeckt. Auch das Wörterbuch sei viel mehr wert, wir hätten nur deshalb 15 Dollar angegeben, weil es nicht mehr ganz neu gewesen sei. Der Hotelfrosch grunzt und fragt: "30 Dollar?" Dann kramt er drei Zehner aus der Schreibtischschublade und die Audienz ist beendet.