An der Mitte der Welt

19. Reisebericht vom 23. Juli 2002 Ciudad de Panamá - Quito/Ecuador

         

Aus dem Flugzeugfenster sehen wir die Panamericana, streichholzbreit, ein graues Bändchen, auf dem Motorkäfer Ciudad de Panamá verlassen oder auf die Hauptstadt zukriechen. Nach fünf Minuten ist die einsame Straße zu Ende. Unter uns liegt der Darien-Dschungel, eine Spazierganglänge entfernt und unerreichbar. Hier oben, zwischen den Stewardessen, die aus rollbaren Stahlcontainern Essenstabletts ziehen, bekommen wir keine Ahnung von der Hitze, den Mückenschwärmen und dem fauligen Duft des weglosen Urwalds. Vor allem die Politiker in Washington sind daran interessiert, dass der Darien so undurchdringlich wie möglich bleibt. Er soll ein wucherndes Bollwerk sein gegen die Verbreitung des kolumbianischen Kokains. Das ist so sinnvoll wie der weltweite "Krieg gegen den Terrorismus", denn die Schmuggler besitzen genügend Schiffe für bequeme Drogenpassagen entlang der pazifischen Küste. Den Schnüfflern in den Bankenzentren von New York, San Francisco und sonstwo in der westlichen Welt, ist es gleichgültig, ob der aufwendigere Transport das Gramm ein wenig teurer macht. Die Stewardessen fragen "Pollo o carne?"Von beidem teilen sie Miniportionen aus. Sie verkneifen sich Lächeln und Freundlichkeit. Bis Bogotá sind es 55 Minuten, eine knappe Weile, um den Kaffee nach dem Mittagessen in Ruhe zu servieren. Wir fliegen aufs Meer hinaus, wenige Wolken lagern zwischen uns und der Küstenlinie, die den Dschungel mit Buchten und Lagunen einfasst. Ein Streifen gelber Sand trennt Baumkronen und Wasser. Strände, an denen niemals Bikinis oder Badehosen auftauchen. Das Flugzeug biegt aufs Land zurück. Bevor wir Südamerika betreten, ahnen wir seine Gewalt. Kolumbien ist eine zerknüllte Landschaft. Zwischen grünen und graubraunen Hügeln, die ganz gewöhnlich aussehen, ziehen sich karstige Schluchten. Felsspalten, manche reichen hunderte Meter tief, öffnen ihre Mäuler gegen den Himmel. Von oben wirkt das ziemlich verwirrend, vom Erdboden aus muss es undurchschaubar sein. Wer sich für immer verbergen will, in diesem Land findet er ein passendes Versteck. Wir zappeln in den Polstersesseln, während wir in einem Kurzfilm gezeigt bekommen, was wir zu verpassen beschlossen haben, als wir uns gegen Kolumbien und für Avianca Airlines entschieden. Leider ist das grandiose Vorandenland kontrolliert von der FARC, paramilitärischen Verbänden, Narcos und Kleinkriminellen, denen zwei Radler passend ins geschäftliche Konzept fahren könnten. Einige der Gruppen finanzieren sich über Entführungen. Fast kontinuierlich sitzen Geiseln in kolumbianischen Tälern und warten darauf, dass ihre Familien oder Heimatländer die Forderungen der Kidnapper erfüllen. Wir haben in den Zeitungen die Ausbreitung der militärischen Konflikte verfolgt. "Das ist Krieg", sagen sogar die Kolumbianer, denen die seit 40 Jahren dauernde Schießerei zwischen politischen Gegnern zur täglichen Gewohnheit geworden ist. Auf Bogotás Flughafen "El Dorado" filzen zwei Militärsperren Passagiere und Gepäck, mehr bemerken wir nicht von den aufgeregten Zuständen Kolumbiens. Wir fliegen wieder über die gefurchte Landschaft, die sich nach und nach in höhere Wellen legt und dann kommt die erste richtige Ande in Sicht, ein weißer Bergkegel, das Flugzeug passiert auf der Schulterhöhe des Vulkans Cotacachi. Die Häuser Quitos füllen ein Tal, das Flugzeug taucht zwischen die Hügel und setzt knapp über den Hochhäusern zur Landung auf dem "Mariscal Sucre" an. Am Morgen sind wir in Meereshöhe gestartet, jetzt steigen wir auf 2.850 Meter aus. Das erklärt Bernds Kopfschmerzen. Doch der Wechsel tut gut. Aus der tropischen Schwüle Panamás sind wir in die kühle Sierra Ecuadors entlassen. Wir atmen freier, die Haare auf den Armen stellen sich im Wind auf. Die Kanadier Maggie und Rick hatten von dem Hostal "del Hoja" erzählt, dessen Besitzer seine Gäste kostenlos am Flughafen abholt. Wir lassen ihn von dem Herrn an der Touristeninformation anrufen. Zwanzig Minuten später fährt ein etwa 20 Jahre alter Geländewagen vor, ein Mann mit Stoffhut winkt uns zu. Noch bevor er die Kartons mit den Fahrrädern auf dem Dachgepäckträger verschnürt und die Taschen eingepackt hat, wissen wir, dass Javier das Hotel seit drei Jahren gemeinsam mit seiner Frau Maria betreibt, dass es ihre Idee war, das er sich durch einen Fehler um eine Eintragung im "Lonely Planet"-Reiseführer gebracht hat, dass er Wandertouren auf die Vulkane Chimborazo und Cotopaxi führt, dass er drei Töchter hat, dass bei ihm schon viele Radler zu Gast waren, dass er unser Spanisch gut findet und dass er rundherum ein lustiger Typ ist. Er redet ununterbrochen, während er den keuchenden Motor seines Wagens durch den Feierabendverkehr Quitos steuert. Das Hostal gefällt uns. Holzdielen, ein Aufenthaltsraum wie ein Wohnzimmer, wir dürfen die Küche benutzen und im Zimmer stehen Stockbetten, die unter unserem Gewicht nicht zittern. Wir verlassen Maria und Javier nach drei Nächten. Trotz eines falsch geschriebenen Namens haben wir die Telefonnummer der Medranos gefunden, und die Familie bietet uns ihr Gartenhaus als Herberge an. Wir lernen die Bedeutung der "Casas de Ciclistas" kennen, die Gastfreundschaft zwischen Radlern und genießen das Vertrauen, mit dem die Medranos uns auszeichnen. In Quito, einer Stadt, in der die Einwohner nicht ohne Furcht vor Überfällen auf die Straße gehen, drückt Luis Medrano, der älteste Sohn, uns nach dem ersten "Grüß' Gott" die Hausschlüssel in die Hand und er erklärt uns, wie die Alarmanlage auszuschalten ist, noch bevor er weiß, woher wir kommen. Das Haus der Medranos liegt oberhalb vom Flughafen. Wir gehen abends zum Supermarkt und sehen die Scheinwerfer der einschwebenden Flugzeuge unter uns leuchten. Wir sind weit weg von der Altstadt und dem Bezirk der Travellerhotels, wo sich die Touristen drängen. Wir dürfen in einem ganz normalen Viertel das ganz normale Leben von Quitenos führen. Das schließt uns die Stadt von einer anderen Seite auf. Daniel Medrano, der jüngste Sohn, nimmt uns in eine besondere Schule. Er spricht sehr leise, stockend, verhaspelt sich, widerruft im zweiten Teil eines Satzes, was er Sekunden zuvor gesagt hat, folgt im dritten Teil einem ganz neuen Gedanken. Gespräche mit Daniel sind Spanischstunden, die man nirgendwo buchen kann. "Ich spreche so, wie ich bin, ich habe keine Lust, für irgendwelche Fremden anders zu sein," sagt er. Wir gewöhnen uns schnell und mögen Daniel sehr, weil er seine Sympathien mit der Direktheit eines 23-Jährigen verschenkt oder verweigert. Daniel hält drei Schäferhunde. Die zwei älteren Weibchen sind nach Fahrradmarken benannt, "Kona" und "Michiki". Außerdem springt im Garten, um unser Häuschen und um uns eine Welpin herum. Wir lieben "Akima", weil sie so tolpatschig ist, und so frech.

         

Daniel begleitet uns zur Mitad del Mundo und erklärt auf dem Weg die Landschaft. Das Tal unterhalb der Hauptstadt staubt vor Trockenheit. Die Pflanzen, die hier und da zwischen den Steinen wurzeln, überleben mit Hilfe der Feuchtigkeit, die sie aus der Luft ziehen. Am Denkmal, das die Equatorianer an eine Stelle auf ihrem Teil des Äquators gesetzt haben, posieren wir gemeinsam für Fotos. Daniel ist nicht die Spur gelangweilt, obwohl er schon 15 Mal hier war.

                   

Auf uns wirkt das Denkmal nicht besonders spannend. Wir haben keine Lust, in den Turm zu steigen, um der bronzenen Erdkugel an seiner Spitze näher zu sein. Doch es hat was Spezielles, auf einem Strich zu stehen, der die Hälfte zwischen Nord- und Südpol bedeutet. Wir sind mit unseren Beinen aus Kanada hierher gestrampelt, mehr als 9.000 Kilometer, von denen die meisten keineswegs leicht zu bewältigen waren. Eine Familie aus Riobamba leiht sich unsere Helme und die Räder aus, um von einem der Sofortbildfotografen ein Abenteuerfoto machen zu lassen. "Wir sind um das Äquatordenkmal geradelt!" Oder so ähnlich. Wir streifen durch die Innenstadt Quitos. Die Straßen, für Spaziergänger oder Kutschen gebaut, lassen die qualmenden Busse nur ungern auf dem Kopfsteinpflaster entlangrütteln. In einem der Bürgerhäuser, die die Straßen eng machen, ein Ärztehaus, entdecken wir einen martialischen Bodenbelag: Kieselstein und Menschenknochen.

         

Über den Dächern erheben sich die Zeichen christlich katholischer Tradition. Auf dem Panecillo steht "La Virgen" die in Stein gehauene Riesen-Muttergottes.

         

Sie schaut auf einen anderen Hügel, zur Basilika, die mit nachgeahmter Gotik über den Beton in ihren Stützpfeilern und den Baubeginn im Jahr 1926 zu täuschen versucht. Eines ihrer Bronzeportale trägt die Botschaft "Juan Pablo II. war hier." Der Reisepapst, mittlerweile zu einem gebeugten Parkinsonmännchen geschrumpft, konnte damals noch gerade stehen und die Arme ohne Hilfe zum Segen heben. Jedenfalls wirkte es auf den Bildhauer so, der das gekrönte Haupt der Katholiken als milden Hirten auf die Tür modellierte.

                             

                                     

Quito beherbergt Kirchen in deren Steine der Glaube an Gott geschlagen ist. Uns gefällt das San Franziskus-Konvent am besten. Es ist der älteste Sakralbau Equadors, man begann mit seinem Bau in den 1530ern, kurz nachdem die ersten Spanier in die Sierra eingedrungen waren. Das Blattgold der Altäre und Heiligenstatuen schimmert im Dunkel des Kirchenschiffs. In einer Seitenkapelle stellen die Quitenos Kerzen auf und murmeln Gebete. Eine junge Frau robbt auf Knien den Mittelgang entlang zum Ausgang. Dort kauern Bettlerinnen. Sie strecken den Eintretenden Blechtassen entgegen.

                             

                            

                   

Wir lernen Christian kennen, einen Straßenlümmel mit Engelsgesicht und braunen Augen. Christian will uns überreden, ein, besser zwei Bündel seiner Holzbuntstifte zu kaufen. Wir setzen uns in die Kirchenbänke, er kauert in der Reihe vor uns und hält uns die Stifte vor die Nase. "Keine Geschäfte in der Kirche", sagt Bernd. Kerstin vedreht genervt die Augen. Doch Christian ist nicht von seinem Ziel abzubringen. Wir haben einmal gesagt, dass uns die Stifte gefallen. Das klang wie eine Verheißung in seinen Ohren. Wir bleiben hart, auch bei den Schuhputzern, die in Dreiergruppen angreifen.

         

Der Platz vor dem Konvent gehört ihnen, den Tauben und den Losverkäuferinnen. Touristen schlendern drüber, sie tragen ihre Rucksäcke auf dem Bauch, damit kein Bösewicht ihrem Geldbeutel zu nahe kommt. Sie bewegen sich auf unsicherem Gebiet, sind von Umständen bedroht, die sie nicht einschätzen können, fremde Körper in einem fremden Land. Abgestoßene Fassaden ehemals ehrwürdiger Bürgerhäuser schauen auf das großsteinige Pflaster des Platzes. Sie lassen an allen vier Ecken Straßen auf das Quadrat. Auf einer davon geht man zum Präsidentenpalast.

         

An seiner Vorderseite stehen zwei Prunkwachen still. An den blauen Uniformröcken hängen goldene Litzenschnüre. Speere machen aus den Männern ein Fotomotiv gepflegter Blutrünstigkeit. Die wahren Wachen des Präsidenten stehen an der Rückseite, weiße Stahlhelme, grün gekleidetes Militär mit Maschinenpistolen. Der Palast stößt an die Plaza de la Independencia, Stück einer ganz gewöhnlichen Fußgängerzone.

                   

Außerhalb der Altstadt ist Quito eine Metropole, in der Geschäfte den Ton bestimmen. Auffällig ist die architektonische Qualität vieler Hochhäuser. Die Besitzer haben nicht phantasielos Etagen aufeinander stapeln lassen, sondern Geld für gläserne Verkleidungen, gegeneinander verschobene Kuben und optische Freundschaft mit den Nachbarn ausgegeben. In den Läden finden sich Waren, die für die dollarstarke Minderheit reserviert sind. Doch es gibt auch demokratische Plätze. An Wochenenden füllt sich der Parque La Carolina mit Sportlern. Zwischen den Toren spielen die bunten Fußball-Mannschaften, als wollten sie das Ausscheiden Ecuadors aus der WM wettmachen. Volleyballspieler hechten nach hart geschlagenen Bällen und auf den Halfpipes zeigen Skateboarder, dass mit der Schwerkraft zu spaßen ist. Wir laufen stundenlang durch dieses Leben und genießen unsere erste südamerikanische Stadt. Beim "South American Explorers Club", einem Verein, der sich als nicht profitorientierte Organisation um das Wohl der Südamerikareisenden kümmert, suchen wir nach Tipps über Straßen, Land und Menschen. "Nein, wir haben seit Monaten nichts mehr von Überfällen auf Radler gehört", sagt eine Volontärin, die den Schreibtisch besetzt hält. Sie würde nicht empfehlen, das Wasser aus den Leitungen Quitos zu trinken, sagt sie außerdem. Sonst hat sie nicht viel zu sagen. Das Wasser der Hauptstadt stammt direkt aus den Bergen und ist, abgesehen von seinem starken Mineralgehalt, der nach Jahrzehnten zu Nierenverkalkung führen kann, sehr bekömmlich. Im Club hängen an einer Wand Infoblätter, von denen eines sehr interessant wirkt: "Gefängnisbesuche in Quito". Drei Gefängnisse sind aufgeführt, in denen auch Ausländer sitzen. Wir beschließen, ins Frauengefängnis zu gehen und kaufen eine Tüte mit Geschenken: Shampoo, Monatsbinden, Zigaretten, Gemüse und Süßigkeiten.

                   

Fünf Jahre für fünf Kilo Koks

Die Eisentür in der Calle "La Toronja", der Pampelmusenstraße, sieht aus, wie wir uns den Eingang zu einem Knast in Ecuador vorstellen. Auf der schmutzigweißen Mauer blättert die Inschrift: "Centro Rehabilitación Social Feminina Quito". Ihre schwarzen Lettern sind so abgeschabt wie das Tor. Ein Gitterchen sichert die Luke in Augenhöhe. Wir klopfen mit den Knöcheln aufs Metall, mal Kerstin, mal Bernd. Minutenlang kommt keine Reaktion, dann erscheint ein Schnauzbart im Fenster. Was wir wollen. Blöde Frage. Heute ist Besuchstag. Die Scharniere der Tür sind geölt, das ist die erste Überraschung. Im Vorhof zum Knast warten zwei Besucherschlangen. Links tastet eine Angestellte die Damen ab. Sehr oberflächlich, sagt Kerstin. Wenn sie gewollt hätte, wäre es kein Problem gewesen, jeden beliebigen Gegenstand von der Größe eines Ziegelsteins hineinzubringen. Der Wächter, zuständig für den männlichen Besuch, gibt sich mehr Mühe. Taschen ausleeren, Beine breit machen. Hände an der Wand abstützen. Er schaut sogar in die halbvolle Zigarettenschachtel. Die Kamera lässt er nicht durch. Um Fotos zu machen braucht man eine Genehmigung von der Justizbehörde. Ihm entgeht die Plastiktüte mit den Geschenken, der seine Kollegin keine Aufmerksamkeit widmet. Am zweiten Tor stehen zwei Häftlinge. Sie verkaufen Papierchen, jedes ist einen halben Dollar wert, für sie. Nicht für uns, denn es steht lediglich darauf, dass wir einen Beitrag geleistet haben zur Anschaffung eines Dampfkochtopfes. "Oiga, los extranjeros. Ellos tienen corazon!", schreit die eine, als sie unsere Münze eingesackt hat. Jaja, die herzensguten Ausländer. Wir stehen im Patio des Knastes. Die zweite Überraschung. Auf dem Erdboden spielen Kinder. Frauen sitzen an Männer gekuschelt, halten Zigaretten in den Händen, nehmen einen Zug, dann einen Kuss und wieder einen Zug. Mütter umarmen ihre Töchter, Väter schwingen Autoschlüssel zwischen den Fingern. Die Häftlinge sind von den Besuchern nicht zu unterscheiden. Alle Frauen, die wir sehen, sind sorgfältig geschminkt, hier sind Miniröcke in Mode und bauchfreie T-Shirts. Sie schreien durcheinander. Sie unterhalten sich nicht nur mit den jeweils am nächsten Stehenden. Ihre unruhigen Augen erblicken jeden Augenblick eine neue Gestalt, die vielleicht am anderen Ende des Hofes steht. Das Bedürfnis sich mitzuteilen kann nicht warten, also reißen sie die Arme hoch, winken, rufen, brüllen sich Intimitäten über die Köpfe der anderen zu. Die Atmosphäre vibriert von Körpern, Geistern, die sich zwar täglich bewegen dürfen, aber eben doch eingesperrt sind, Wildvögel, deren Käfig im Wald steht. So klingt es, wenn 330 Frauen Besuch empfangen. Es dauert Minuten, bis unsere Ohren über den Lärm hinweghören. "Wen wollt ihr sehen?" Eine Schwarze mit Wuschelkopf, den Bund ihrer Jogginghose hat sie über die Bauchrollen gezogen, stellt sich in unseren Weg. "Wir besuchen Angelika Wichmann." "Wartet, ich werde sie für Euch holen." Sie rennt die Stufen im Treppenhaus hinauf. "Anchelieka, Ancheliiieekaa!" Eine Minute später ist die Dicke wieder unten, hinter ihr kommt die Deutsche auf uns zu. "Gebt mir was für die Hilfe", fordert die Botin und hält die Hand auf. "Ja, gebt ihr 25 Cent, das machen die hier so", sagt Angelika Wichmann. Bernd legt der anderen die Münze auf die Finger. "Was? So wenig? Und dafür bin ich bis in das oberste Stockwerk gelaufen?" Sie verzieht sich schmollend. "Schön, dass ihr gekommen seid, setzen wir uns hier draußen irgendwo hin." Angelika Wichmann geht voraus und findet einen freien Platz auf einem Mauervorsprung am gegenüber liegenden Gefängnistrakt. Wie beginnt man ein Gespräch mit einer Eingesperrten? Wir haben uns vorgenommen, direkte Fragen zu stellen, ohne Zurückhaltung. Wir hätten uns keine Gedanken zu machen brauchen, Angelika will erzählen, und sie tut es mit Routine. Natürlich hat sie sich für diese Fälle eine Geschichte ausgedacht, wir sind auch nach der Unterhaltung nicht sicher, an welchen Punkten sie uns hinters Licht geführt hat. "Ich sitze, wie alle Ausländerinnen hier, wegen Drogen." Sie war 28 Jahre alt, als sie, Friseuse aus Düsseldorf, die ganz große Chance bekam, auf einen Schlag viel Geld zu machen. Hörte sich ziemlich einfach an, der Plan. Du steigst in ein Flugzeug nach Quito, bleibst acht Tage dort, steckst fünf Kilogramm Koks in deinen Koffer und fliegst zurück nach Deutschland. Schon bist du um 25.000 Dollar reicher. Am Tag, bevor die Polizei sie am "Mariscal Sucre" schnappte, saß Angelika Wichmann in ihrem Hotelzimmer und schaute auf die Landschaftsbilder, in deren Rahmen der Schnee versteckt war. "Soll ich, soll ich nicht, soll ich?" Sie blieb bei ihrem Plan, und auch nach drei Knastjahren bereut sie es nicht. Sie ärgert sich nur über ihre Dummheit. "Es war mein erstes Mal, und so schlau wie ich waren die Bullen längst. Sie haben mich ohne Schwierigkeiten rausgezogen." Angelika hat sich auch für diesen Teil ihres Lebens eine Geschichte ausgedacht, diesmal, um sich selbst zu überzeugen. "Mein Kontaktmann hat hundertprozentig mit der Polizei zusammengearbeitet. Ich hatte überhaupt keine Chance." Die Richter gaben ihr zehn Jahre. "In Ecuador ist es vollkommen egal, ob sie Dich mit einem Gramm oder einem Zentner erwischen, die Strafe ist immer gleich hoch." Angelika findet das Rechtssystem in diesem Staat bescheuert. "Für Drogen bestrafen sie Dich zu hart, aber wenn Du jemanden umgebracht hast, bist Du schon nach wenigen Monaten frei." Sie erzählt von einer Kollegin, die ihr Kind kaltgemacht hatte und nach 12 Monaten rauskam. Unsere Unterhaltung wird spätestens alle zwei Minuten von einer knatternden Lautsprecherstimme unterbrochen. Eine Inhaftierte wird am Telefon verlangt. Das Gefängnis wird oft angerufen. Angelika bleibt fünf Jahre im Knast, sie gehört zu den Verurteilten, für die die Regel "uno por dos" noch gilt. Ein Jahr zählt für zwei. "In Deutschland zählt meine Haftzeit sogar dreifach." Weil die Gerichte annehmen, es sei hart, in einem ecuatorianischen Gefängnis zu überleben. Gar so schlimm fühlt sich Angelika nicht. Abends werden die Zellen um 21 Uhr abgeschlossen, morgens um sieben ist Aufschluss. Tagsüber dürfen sich die Häftlinge sich im Haus und im Hof, auf dem Basketballfeld frei bewegen. Gewalt im Knast? Angelika lacht ihr nervöses Lachen, zieht an der Zigarette. Auch sie hat die flatternden Augen einer Unfreien. "Also, die Wärter tun uns nichts." Die kann man für alles kaufen, sagt Angelika. Hast Du Geld, kriegst Du alles was Du willst, keine Schwierigkeit bei Wärterlöhnen von 100 Dollar monatlich. Angelika gluckst und verschluckt sich. "Wir haben einen, der ist erst seit drei Wochen da. Der lässt sich sogar fürs pimpern bezahlen. Einmal kostet 10 Dollar." Zwischen den Farbigen hats früher öfter mal eine Schlägerei gegeben, aber wenn man sich da raushielt, war alles in Ordnung. Der Abstand fällt in dem Knast leicht. Die Direktion steckt alle Schwarzen in einen Bau. Angelika findet das ziemlich rassistisch, ist aber froh, nicht mit diesen Frauen unter einem Dach zu leben, weil sie in ihrer Hierarchie zwangsläufig unter die Fäuste geraten würde. "Nee, mit Drogen habe ich nie was zu tun gehabt", sagt sie. Mal, ganz früher, erinnert sie sich, hat sie Marihuana probiert. Wahrscheinlich ohne zu inhalieren. Das hört sich wie ein echtes Clinton-Märchen an, vor allem, weil sie uns wenig später erzählt, dass sie sich in den ersten Knastwochen alles reingepfiffen hat, was sie in die Finger bekam. "Ich war die ganze Zeit breit, aber gelohnt hat es sich nicht." Der Wärter, es ist der mit den Zehn-Dollar-Diensten, hat nichts dagegen, dass wir uns im Stockwerk von Angelika umschauen. Er nickt gelangweilt, die Augen hinter der Sonnenbrille versteckt. Er fummelt an seinen Handschuhen. Die Frauen haben Rüschengardinen wie Vorhänge als Raumteiler in den Gang gehängt und die Wände in der Farbe von sonnenbeschienenem Rasengrün streichen lassen. Zwanzig Frauen teilen sich drei Duschen, in deren Abfluss kein Härchen klebt. Eine Mikrowelle steht in der Küche. Der Herd ist mit Gas betrieben. Im Kühlschrank hat jede ein Fach mit Namen gezeichnet und tagsüber schließen die Frauen ihr Stockwerk ab, damit nichts geklaut wird. "Wie schauts mit Heimweh aus?" "Ich muss oft an meine Tochter denken." Das Mädchen war zwei Jahre alt, als Angelika auf Kuriertour ging. Im nächsten Jahr wird sie zur Schule gehen. Die Mutter kommt frühestens nach den ersten großen Ferien heim. "Und natürlich an meinen Vater." Sie hat sich nach der Verhaftung nicht getraut, ihn anzurufen. Nach dem ersten Wutanfall hat er 3.000 Dollar zusammengekratzt, damit sie ihren Anwalt bezahlen konnte. Von Ecuador hat Angelika die Nase voll. Wenn für sie die Eisentür aufgeht, gibts nur einen Weg: "Ins Flugzeug und ab nach Deutschland."

                   

Am Samstag kommt Papa Luis Medrano von der Arbeit nach Hause. Er ist als Ingenieur bei einer Erdölfirma angestellt. Drei Wochen im Campo, eine Woche Heimaturlaub, das ist sein Rhythmus. Don Luis hat ein Huhn mitgebracht, einen der Vögel, die sie im Camp mit Mais füttern und das die Nächte auf den Bäumen im Urwald verbringt. Seine Frau Silvana dreht dem Tier den Hals um, rupft es, und dann kocht Don Luis eine Suppe. Sie schmeckt nach Wild, das Fleisch ist kernig und saftig. Papa Medrano umarmt uns zur Begrüßung, wir sind in seine Familie aufgenommen. Er ist in den 60ern, als in Ecuador noch niemand an Radreisen dachte, nach Chile geradelt. Seit vier Jahren stellt er Radlern sein Haus zur Verfügung, und er hat das Gartenhaus nur zum Herbergszweck gebaut. Seine Herzlichkeit ist selbstverständlich und unaufgeregt. Er hat die Begeisterung an seine drei Söhne vererbt, sie alle radeln. Am weitesten hat es Christian gebracht. Er ist vor drei Wochen aus Chile zurückgekommen. Fünf Jahre war er unterwegs, mit kurzen Unterbrechungen. Christian Medrano plant, das Studium des "Ökotourismus" zu beginnen. Das passt zur Radelei und es passt zu seiner zweiten Leidenschaft. 1996 hat er mit Freunden das Rettungszentrum für Tiere des Urwalds gegründet. Es ist das einzige in Ecuador. Eine typische David-gegen-Goliath-Geschichte. Vier Studenten allein gegen Händlerringe, die die Tiere im amazonischen Urwald einsammeln lassen und sie an Exotenfreunde verkaufen, gegen eine Gesellschaft, in der das Umweltbewusstsein so deutlich ausgeprägt ist wie das Großhirn einer Nacktschnecke. Christian nimmt uns mit zum Zentrum, und wir fahren, in dem Glauben, eine Spielerei idealistischer Jugendlicher zu sehen zu bekommen.

         

Kleiner Traum von Freiheit

Der altersschwache Lada-Geländewagen der Medranos jault über die Hügelstraßen Quitos. Christian Medrano geht nicht gern vom Gas. Er stoppt vor der Praxis des Tierarztes Leonardo Arias. "Leonardo ist eine der Schlüsselfiguren in unserem Projekt. Er begutachtet die Tiere, wenn sie zu uns kommen, bevor wir sie aussetzen, und er behandelt die Krankheiten, die durch falsche Haltung verursacht sind." Kostenlos natürlich, denn so viel Enthusiasmus die vier Freunde haben, so wenig Geld haben sie, eigentlich gar keins.

                   

In der Praxis kurieren sich zwei mittelgroße Boas und eine Eule. Dort treffen wir Danny Aguilar, den zweiten Tierretter. Der Tierarzt hat einen vielseitigen Brief aus dem Ministerium erhalten. Darin wird dem Rettungszentrum die Genehmigung erteilt, namentlich genannte und abgezählte Wildtiere aus dem Hochland in den Dschungel zu fahren, um sie dort freizulassen. Christian sieht den Brief, Voraussetzung für jede Auswilderung, und ist schon bereit, sich über Ecuador zu erregen. "Jeden Tag werden zig Tiere aus dem Wald geholt und verkauft, darum kümmert sich keiner, aber wir, die diese Tiere zurückbringen, brauchen eine Genehmigung in doppelter Ausfertigung mit Stempel und Unterschrift." Er steuert das Auto nach Sangolqui, wo Patricio Meza wohnt, der dritte Freund. Lina Santacruz, das Mädchen im Bunde, lernen wir nicht kennen. Früher haben sie die Tiere im Garten um das Haus von Patos Eltern gehalten. "Lo que pasó es", sagt Christian. "Was passierte, war", so beginnt er gern Geschichten, die ihm wichtig sind und ihn auf die Palme bringen. Sie hörten davon, dass eine Familie in Sangolqui eine Galapagos-Schildkröte hielt. "Das ist natürlich illegal, erstens, weil die Tiere aus einem Naturschutzgebiet stammen, und zweitens, weil unsere Gesetze den Besitz von Wildtieren grundsätzlich verbieten - zumindest theoretisch." Die Studenten hatten sich lange vorher schon Ausweise vom Umweltministerium ausstellen lassen, die ihnen erlauben, Tiere zu konfiszieren, notfalls mit Hilfe der Polizei. Sie holten also die Schildkröte aus dem Haus und brachten sie ins Zentrum. "Leider, und das hatten wir nicht bedacht, war der Halter ein Mitglied der Familie des Bürgermeisters von Sangolqui." Das verhinderte den Abtransport der Schildkröte nicht, doch ein paar Tage später erschienen Polizei, Lokalbehörde und Gesundheitsamt im Haus von Patos Eltern und beschlossen, es sei nicht zulässig in dem Wohngebiet Tiere zu halten. Das störe den nachbarschaftlichen Frieden und sei eine allgemeine Belästigung. "Hört euch um, hier quiekt aus jedem Garten ein Schwein, krähen Hähne den ganzen Tag, aber Tierhaltung ist verboten", Christian mag sich gar nicht mehr ereifern. Sie mussten die Tiere auslagern.

         

Wir fahren durch die Berge nördlich von Quito. Ohne Übergang stoßen Metropole und Land aufeinander. Die chromblitzenden breiträdrigen Geländewagen, auf der ganzen Welt als ideales Transportmitel im Stop-and-Go-Verkehr angesehen, bleiben zurück. Pferdewagen und Lastesel kreuzen die Fahrbahn. Die Landstraße krümmt sich um Sandsteinfelsen, streift Eukalyptuswälder, sticht in Dörfer. Nach einer halben Stunde haben wir Yaruqui erreicht. Das Auto fährt an der blau gestrichenen Kirche vorbei, in einen holprigen Seitenweg, hält vor einem Torbogen. Dahinter erstreckt sich ein weites Grundstück, auf dem der Besitzer früher ein Restaurant betrieben hat. Die Fischteiche sind übrig geblieben, in einigen schwimmen Karpfen und Forellen.

         

In einer zweimonatigen Hauruck-Aktion hat Danny mit Rodrigo, dem Wärter der Tiere, aus Schweinekoben am Rand des Grundstücks Gehege gebaut. Sie sammelten alten Maschendraht und Holzabfälle, und machten die Räume so groß wie möglich. Demnächst, vielleicht, wenn alles läuft, wie geplant, werden die Tiere noch einmal umziehen. Zum letzten Mal. Danny und Pato haben in einer Schule Unterrichtsstunden zum Thema "Ökologie" gegeben. Man versprach ihnen 50 Cents pro Kind. Die Schule schuldet jetzt 1.500 Dollar. Danny und Pato hatten die Schule mit Umsicht ausgesucht, weil sie ein Wochenendheim an der Küste besitzt. Dort gibt es genügend Platz für großzügige Gehege. Sie könnten mit der dritten Phase der Auswilderung beginnen, die vor allem für Affen notwendig ist. Die Entwöhnung vom Menschen und das Training des natürlichen Gruppenverhaltens fällt bislang flach. Bisher müssen sie die Primaten als verwöhnte Individualisten in den Wald entlassen. Doch zur Zeit ist es unklar, ob sie dieses Ziel erreichen. Der Direktor der Schule sträubt sich und erfindet für jede Besprechung neue Einwände. Die Studenten werden nicht locker lassen. Das Klima in den Bergen ist den Dschungel-Tieren viel zu kühl. Natürlich gibt es keine Heizung in den Käfigen. Statt dessen sind sie mit Plastikplanen verkleidet. Darunter speichert sich die Hitze der Sonnenstrahlung. "Drinnen ist es sogar in der Nacht ziemlich warm", sagt Danny.

         

Er studiert Biologie und leidet darunter, den Tieren nicht das gewohnte Ambiente bieten zu können. Eben ist er von einem einem Projekt der Nationaluniversität in Kolumbien zurückgekehrt, in dem Professoren, Tierärzte und Studenten Primaten auswildern. Die zwei Monate als Volontär, sagt Danny, haben ihn viel gelehrt. Mit diesen Eindrücken kommen ihm die eigenen Bemühungen ärmlich vor, aber notwendiger denn je. Ecuador hat eine spezielle Beziehung zum Rettungszentrum entwickelt. Finden die Zöllner an Quitos internationalem Flughafen ein Wildtier im Gepäck, rufen sie einen der drei Jungs an, um es abholen zu lassen. Das Umweltministerium hat eine Abteilung, die sich um Auswilderung kümmern soll. Sie ist mit Etat und Personal versehen, ein Tier betreut hat sie nie. "Wir machen die Arbeit, haben aber noch keinen Cent Unterstützung bekommen", sagt Christian. Das Land Ecuador, Teilhaber des einzigartigen Dschungels um den Amazonas, Besitzer von tausenden Hektar Naturschutzgebiet, Quelle des internationalen Tierschmuggels, hat zur Rettung verschleppter Exoten nicht mehr aufzubieten, als vier Studenten, von denen bei der Gründung des Rettungszentrums keiner älter als 20 Jahre war. Das Zentrum rettet sich von einer Woche zur anderen. Im Moment kostet die Nahrung für die Pfleglinge 200 Dollar monatlich. Spenden? Null Dollar. Patenschaften? 20 Dollar im Monat. Die Eltern von Pato, Danny, Christian und Lina legen zusammen, um die Bananen, Küken, Karotten und Salatköpfe zu kaufen. Und der Lohn aus den gelegentlichen Jobs landet sowieso direkt in den Futtertrögen. Das geht an die Grenze der Belastungsfähigkeit in einem Land, in dem ein Lehrer im Monat 80 Dollar verdient. "Es ist eine Sache, die Tiere anzunehmen und eine ganz andere, sie zu erhalten", sagt Christian. Vor Wochen hat ein Anrufer mitgeteilt, dass in drei Haushalten um Quito Galapagos-Schildkröten gefangen sind. "Wir müssen sie auf Weiteres dort lassen, uns fehlen Platz und Geld." Sie haben den Namen des Zentrums auf ein Holztäfelchen gepinselt und an einen Holzpfahl zwischen die Doppelreihe der Gehege gehängt. "Kishpichiwan Muscushpa" "Den Traum der Freiheit fühlen". Das lässt sich für sie am besten in der Sprache der Indianer, auf Kichwa, ausdrücken.

         

In einem blinden Aquarium liegen zwei Boas ineinander verschlungen. Danny hebt einen der warmen Leiber an. "Alle sagen, im Gesicht einer Schlange könne man keine Gefühle lesen, doch ich sehe, wie sich ihr Ausdruck verändert." Die Schlangen leiden am stärksten unter der menschlichen Gier nach Sensation. Schamanen benutzen Boas, um in den Straßen Quitos die Aufmerksamkeit der Kundschaft zu erhöhen. Die Schlangen überleben diese Behandlung, so lange wie sie den Hunger ertragen können. In der Natur kommen sie schon mal sechs Monate ohne Futter aus. Sind sie zu Tode präsentiert, kauft der Scharlatan einfach ein neues Tier, das kostet im Schnitt 30 Dollar. Sein Gewinn bleibt prächtig, selbst wenn eine Schlange mal nicht so lange durchhält. Christian, Danny und Pato zielen auf die Zwischenhändler. Sie kennen die Märkte, auf denen die Exoten gehandelt werden und laufen regelmäßig in den Straßen Patroullie. Werden sie fündig, müssen sie eine Polizeistreife zum Mitmachen bewegen und schnell zugreifen, bevor die Händler sich davonmachen. Bei den Aktionen haben sie schon gezogene Messer gesehen und Morddrohungen gehört. "Nein, wir haben keine Angst. Wenn wir nichts unternehmen, kümmert sich niemand um das Thema. Selbst die Polizisten sehen nicht ein, dass Tierhandel eine Straftat ist. Sie sagen immer: Das ist doch nichts besonderes, es geht doch nur um ein Tierchen, oder zwei", sagt Pato.

         

Er hat einen Überfall erboster Händler überlebt, weil er schnell genug Hilfe holen konnte. Aus dem Papageienkäfig hören wir "Hallo! Hola!", in der gequetschten Tonlage von Kehlen, die zu einer Fremdsprache überredet worden sind. Die Warteschleife der Vögel zwischen Gefangenschaft und Urwald dauert lang. Menschen, gewohnt, Einkäufe als Eigentum zu betrachten, reißen den Tieren die Flugfedern aus. Das verstümmelte Flattern nennen sie putzig. Es dauert Monate, bis die Federn nachgewachsen sind. Affen sind leichter zu quälen, weil sie den Menschen ähnlicher sind. Man kann ihnen Löcher in den Schwanz stechen, um sie anzubinden. Die Wunde vereitert, ein Teil des Schwanzes stirbt ab und mit ihm die fünfte Hand der Kletterer.

                   

In einem der verlandeten Fischteiche wohnen Schildkröten. Liegen im Gras, das in Büscheln wächst, lebendige Steine. "Sie sind besonders einfach zu fangen, weil sie nicht fliehen", sagt Pato. Bei Gefahr verstecken sie Beine und Kopf in der Schale. Das reicht nicht als Schutz gegen Menschen. Zum Kundenservice gehört, den Panzer mit einem Holzbohrer zu löchern, einen Eisenring hindurchzuziehen, um auch diese langsamen Kriecher an die Leine zu legen. Die Sonne nähert sich den Bergspitzen. Christian, Pato und Danny beginnen, die Tiere, die morgen in den Urwald am Rio Napo gebracht werden sollen, ein letztes Mal einzufangen.

                   

Ein schwarzer Affe schreit erbärmlich, als sie ihm einen Sack über den Kopf stülpen, um ihre Finger vor seinen blitzenden Zähnen zu schützen. In der Transportkiste beruhigt sich das Tier und verschlingt eine Banane. Die Papageien drängen sich in eine Ecke des Käfigs, doch sie entkommen den geübten Befreiern nicht. Christian hält eines der grünen Tierchen in der Höhle seiner Hände.

                   

Pato zieht die Flügel auseinander, sie untersuchen ihren regelmäßigen Wuchs. Der Guacamayo, ein Ara, fast ein Meter roter Federn, mächtig gekrümmter Schnabel, Kaiser der Papageien, hackt gewaltig nach seinen Rettern. Dann sind die Tiere verpackt.

         

Die Kisten stehen auf der Ladefläche des Pickups, zugedeckt mit einer Plastikplane. Die Sonne ist untergegangen. Mehr als 700 Tiere haben die Studenten bisher versorgt. In den ersten Jahren fuhren sie in einen Teil des Dschungels, der den Einwohnern eines Indianerdorfes gehört. "Ein ideales Gebiet, wenn auch die Dörfler einmal im Jahr anlässlich eines Festes eine Jagd auf Wildtiere veranstalten." Morgen werden sie einen neuen Ort ausprobieren. Die Schweizerin Angelika Reimann hat Land erworben und das private Naturschutzgebiet "Selva Parque Amazonico" eingerichtet. "Das sind ebenfalls 1.500 Hektar, und wenn wir sehen, dass sie sich gut eignen, bleiben wir vielleicht dabei", sagt Christian. Die Reise in die Freiheit wird sechs Stunden dauern, in einem Auto über Schotterpisten und in einem Boot auf dem Napo. Pato, Christian und Danny hoffen, die Tiere müssen anschließend nie mehr so engen Kontakt zu Menschen dulden. Es ist nicht mehr als eine Hoffnung. Aber auch nicht weniger.

Kontakt zum "Centro de rescate por animales del silvestre Kishpichiwan Muscushpa": crostybici@hotmail.com guacamayolibre@hotmail.com sachaali@yahoo.es Telefon: 593/2/2332547

Spendenkonto: Banco del Pichincha Cuenta de Ahorro: 12 36 32 713

         

Nach zehn Tagen verabschieden wir uns von der Familie Medrano und von der Kurzzeitheimat, die sie uns geschenkt haben. Sie geben uns ihre guten Wünsche auf den Weg, aber was fast noch mehr wiegt, sind die Erinnerungen, die wir behalten werden.