¡Sigue, no mas!

20. Reisebericht vom 6. August 2002 Quito/Ecuador - Cuenca

         

Papa Medrano, besorgt, dass seine Schützlinge sich, die Räder und die Satteltaschen heil aus Quito hinausbringen, hat uns vorgeschlagen, den Südteil der Hauptstadt zu umfahren. Seinen Ratschlägen folgend bringen wir einen Bergrücken zwischen uns und die Stadt. Die Avenida Oriental Nueva steigt mächtig an auf diesem Stück. Wir haben 35 Kilometer auf dem Tacho, als wir an Quitos südlichem Ende ankommen. Eine Autobahnschleife verwirrt, aber wir treffen die richtige Wahl und schnurren bergab nach Sangolqui. Zeit für die Mittagspause. Am Zentralplatz, er hat gerade genug Raum für ein paar Rasenflecken und einige Bänke, hängt ein Restaurantschild. Suppe, ein Teller voll Fleisch, Yucca und Reis plus ein Fruchtsaft, das kostet jeweils einen Dollar, so darf das bleiben. Wir fahren mit schweren Mägen weiter. Sangolqui zieht sich über mehrere Täler. Hinter dem Ort stoßen wir auf eine Überlandstraße. Wir haben die Himmelsrichtungen durcheinander gebracht, ohne nach dem Weg zu fragen wären wir glatt nach Quito zurückgefahren.

         

Ecuador beginnt. Indianerinnen sitzen am Straßenrand, sie haben Wolltücher um ihre Schultern und Gesichter gezogen, schauen auf den Asphalt Richtung Nirgendwo. Selten können wir erraten, wie alt die Frauen sind. Die Sonne sinkt, die Finger frieren am Fahrradlenker. Die Panamericana gefällt und langweilt zugleich. Der Seitenstreifen hält die Busse von uns fern. Wir radeln durch den Atemraum der Hauptstadt. Ihr Einfluss verschmutzt das Landschaftsbild mit grauen Flachdächern, unter denen sich Minifabriken, Handwerksbetriebe und Werkstätten wohl fühlen.

         

In Alaug, ein Dorf, das von der Straße aus gesehen ein Busbahnhof ist, handelt man mit Wassermelonen. Sie sind zu Pyramiden geschichtet, deren Spitzen die Kopfhöhe der Verkäufer überragen.

         

Noch finden wir die Vorstellung von Ecuador nicht bestätigt. Lamas hätten wir erwartet. Kühe, Schafe und Ziegen stehen auf den Weiden. Wir glauben, Südamerika versteckt sich vor uns.

         

In Machachi finden wir die Feuerwache auf Anhieb. Die Gattin des commandante sieht uns durchs Tor. Ohne unsere Frage abzuwarten öffnet sie weit: "¡Sigue, no mas!" Ein paar Minuten später kommt Don Hugo, schüttelt uns die Hände und erzählt, dass er schon häufiger Radler beherbergt habe, zuletzt einen Argentinier, der zwei Wochen lang krank im Schlafsaal der Feuerleute lag. Wie lange wir bleiben werden? Die Kommandatin ist fast beleidigt, als wir sagen, am nächsten Morgen würden wir weiterfahren. Sie fühlt sich als Mutter der Station, hat die ehemaligen Gäste in ihr Familienalbum aufgenommen und weiß noch alle Namen aus dem Kopf herzusagen, sogar den von Claude Marthaler, dem "Yakman" aus der französischen Schweiz.

         

Am Morgen geben wir die erste Autogrammstunde, Hugo II., der Sohn des commandante, hält uns fünf Zettel hin, für jedes seiner Geschwister einen. Der Sekretärin müssen wir die Fotos ihres Töchterpaars signeren. Die Mannschaft winkt uns nach, bis wir auf die Panamericana biegen.

         

Wir fahren auf den Cotopaxi zu, ein Berg wie ein Brocken halb geschmolzenes Straciatella. Die Nachbartäler sind vergilbt und die Hänge bis zur Spitze mit einem Flickenteppich aus Feldern bedeckt. Ein magerer Nadelwald begleitet uns zu den Ausläufern des Cotopaxi hinauf. Wir erreichen ein Plateau, der Berg könnte als kompakter Kegel vor uns liegen.

         

Leider sehen wir nur die sanft geschwungenen Flanken, hin und wieder einen Schimmer der Gletscher, die an ihm herunterrinnen. Seinen Gipfel hält das dickschädelige Schneemonstrum umwölkt. Der Wind kommt aus Süden, gar nicht mal so sanft. Er hält den Wolkenhimmel in ständiger Bewegung, nur am Cotopaxi kleben die Schleier. Wir warten mehr als eine Stunde und beugen uns dann der hartnäckigen Scheu des Berges. Nach Latacunga geht es bergab. Die Stadt, offiziell Wohnort von 50.000 Einwohnern, in Wahrheit werden es wohl doppelt so viele sein, enthält einen spanisch geprägten Kern mit kolonialer Architektur.

         

Die Feuerwehr residiert mitten drin, in einem betonierten Funktionsbau. Wir beeilen uns mit dem Abendessen, um Zeit für das Tagebuch zu haben, doch Feuerwehrmann Marco verhindert diese Pläne. Er zitiert uns in die Stube, in der er am Telefon Wache schiebt. Zum ersten Mal fragt jemand, den wir nur für einen Abend kennen lernen, so, dass wir über die Antworten nachdenken müssen. Als Marco weiß, was er wissen will, nutzt er die Zeit für Missionsarbeit. Er gehört zu einer evangelischen Kirche, die sich eifrig um das seelische Heil der Mitmenschen sorgt. Ein bisschen Bibelauslegung schadet auch Fremden nicht, denkt Marco. Er erzählt von seinem Leben, bevor er sich bekehrte. Damals hatte er eine Freundin, die gern zum Tanzen ging. Als die Erleuchtung kam, beendete Marco die Beziehung, die seinem Glauben zu schaden drohte. Er fand eine Partnerin, heute ist sie 17 Jahre alt, die seinen Drang zum Bethaus teilt. "Das macht mich glücklich", sagt Marco. Kollege Miguel hört das Loblied auf weibliche Ehrsamkeit an. Er grinst. Als Latino-Katholik hält er wenig vom strengen Leben. Er geht gern auf fiestas, und wenn er ein paar Runden getanzt hat, gefallen ihm die Frauen so, dass er aufhört, an seine fünf Kinder und das ärmliche Leben zu denken, das er von 140 Dollar Monatslohn als bombero führen muss. Im Nachbardorf, sagen die Feuerwehrleute, müssen wir unbedingt den Straußenzüchter besuchen.

         

Die Hacienda "La Frisia" liegt am Ende von Salcedo. Der Kieselsteinweg beginnt neben der Tankstelle, schwingt den Hügel hinauf und endet vor dem Portal einer Burg. Unser Klopfen erregt keine Aufmerksamkeit. Wir pochen nochmal. Eine Frau öffnet, und als wenn jeden Tag zwei Radler vorbeikämen, führt sie uns sofort an der anderen Seite des Hügels hinunter zu den Zäunen, hinter denen nervöse Miniköpfe auf Schlangenhälsen wippen.

         

Dona Barbara erzählt, dass sie vor vier Jahren mit der Zucht begannen. "Die Vögel halten sich wunderbar in dem rauen Klima", sagt sie. Die Chefin führt uns in die Ställe der Küken. Das Jüngste, zwei Monate alt, überragt einen ausgewachsenen Truthahn. Es ist noch ein bisschen wärmebedürftig und darf sich zur Nacht unter Rotlicht betten.

         

Die Dona krault den Großen die harten Federn. Die Züchter sperren einen Hahn zu zwei Weibchen, das ist die fruchtbarste Kombination.

         

Ein Gockel wirft sich auf die Knie, er breitet die Flügel aus, schüttelt sich und versetzt seinen Geschlechtstrakt in Schwingungen, bis das Hinterteil anschwillt und blitzerot wird. Seine Damen danken ihm die Balzerei. Pro Legeperiode produzieren sie mehr als 100 Eier und ruhen danach einige Monate aus. Innerhalb von Minuten haben wir einen Film verknipst und die Batterien der digitalen Kamera sind leer. "Natürlich dürft ihr noch mal runter zu den Straußen, mein Mann wird Euch begleiten", sagt Dona Barbara. Wir laden die Kameras. Ein gewichtiger Mann kommt mit ausgestreckten Armen auf uns zu. "Son Alemanes", sagt seine Frau. "Das habe ich schon gesehen", antwortet Uwe Nickelsen. Er spricht mit friesischem Zungenschlag. "Nee, ich bin nur besuchsweise an der Nordsee gewesen. Den Dialekt hab' ich von meinem Vater", sagt er. Der "Criador de avestruces" schlendert voran. "Das war ganz einfach. Wir haben immer Rinder gehalten. Unser Wasser beziehen wir aus einem Arm des Rio Cutuchi, und es ist abzusehen, dass es weniger werden wird."

         

Also schauten Nickelsens sich nach einem anspruchsloseren Tier um. Der Züchter zählt die Vorteile auf: "Eine Kuh frisst am Tag mindestens 100 Pfund Grünes und dazu eine Menge Kraftfutter. Ein Strauß kommt mit einem Zehntel davon aus." Er tätschelt dem Gockel "Chimborazo" die Brust. "Ich brauche die Vögel nicht zu bewachen. Die können sich selbst ausreichend wehren. Einmal lief ein Hund dummerweise in das Gehege. Er ist nicht lebend rausgekommen." Die Beine der Straußen sind Mordwerkzeuge.

          

Bisher hat Nickelsen lebende Tiere an andere Farmer verkauft, doch Ecuadors Markt ist gesättigt und bald wird auch bei ihm die Metzgerei beginnen. "Wir hatten schon kolumbianische Interessenten zu Besuch. Die wollten einen Vertrag abschließen. Ich hätte 20 Straußen pro Woche liefern müssen." Mehr als drei oder vier wären nicht möglich gewesen. Nickelsen lehnte ab. Er schwärmt von den Superlativen seiner Vögel. Ein Ei entspricht 24 Hühnereiern. "Wir haben mal eins in die Pfanne geschlagen und waren hinterher mehr als satt. 18 Leute saßen am Tisch." Um ein Straußenei hart zu kochen braucht man eine Stunde.

         

Der Züchter erwartet nicht nur Einnahmen aus dem Fleisch. "Das Leder wird zu Stiefeln verarbeitet." Nickelsen bedauert, noch keinen Gerber gefunden zu haben, der die sehr fetthaltige Haut fachgerecht bearbeiten kann. Auch die Medizin ist auf den Strauß gekommen. Die Sehnen könnten in der Orthopädie bald als Prothesen gefragt sein. Auch die Linsen der Augen sind interessant. Die Ophtalmologen beneiden die Tiere um ihren Weitblick, der über 12 Kilometer reicht. Klauen und Schnäbel wird Nickelson nach China exportieren, wo schwache Männer an die aufrichtende Wirkung des Hornpulvers glauben. "Ihr dürft die Federn nicht vergessen. Sie sind absolut antistatisch, also für manche Industriezweige sehr geeignet. Außerdem brauchen die armen Frauen, die für den Carneval in Rio nichts rechtes zum Anziehen finden, immer Nachschub." Nickelsen ist ein professioneller Straußenführer, doch das Herz seiner Zucht, die Brutanlage, verweigert er allen Besuchern. "Als ich die ersten Vögel in Florida kaufte, haben die Züchter zu mir gesagt, es sei unmöglich, Straußeneier oberhalb von 2150 Metern über Meereshöhe auszubrüten." Seine Hacienda liegt deutlich weiter oben in der Sierra. Er tüftelte monatelang über einer Maschine, die Temperatur, Feuchtigkeit und alle anderen Bedingungen ideal hält. Als er seinen Erfolg in die USA meldete, fragten die Kollegen: "What had you done, that's impossible!" "Den Teufel werde ich tun, denen zu sagen, was ich gemacht habe. Wenn sie Straußen brüten wollen, sollen sie sich von mir aus selbst auf die Eier setzen", sagt Nickelsen. "Nichts ist unmöglich, nicht für mich."

         

Bevor er uns verabschiedet, lädt er in seinen Salon. Mit schweren Möbeln wirkt er wie ein Ausschnitt aus "Jenseits von Afrika." Aus allen Winkeln scheint zurückhaltender Glanz, hier wohnt traditionelle Wohlhabenheit. Nur, um zu prüfen, wie sich die Eier vermarkten lassen, ließen Nickelsens einige Schalen mit Ornamenten aus Tafelsilber beschlagen. Die Probestücke sehen aus wie riesige weiße Trauben an Metallstängeln. Der Züchter ist mit den exotischen Accessoires zufrieden. Bevor wir gehen, reicht er uns eine Eierschale. "Habt ihr Platz in Euren Taschen?" Natürlich haben wir, denn bei ungewöhnlichen Souvenirs soll man nicht nein sagen, obwohl sonst jedes Gramm Gepäck abgezählt ist. Wenigstens sind wir die ersten Radler, die ein Straußenei über die Anden schleppen. Ambato ist so langweilig wie die Panamericana, die auf die Provinzhauptstadt zuführt. Früh gegründet, bei einem Vulkanausbruch zerstört, modern und eckig wieder aufgebaut, das ist ein durchschnittliches Stadtschicksal in der Nähe der "Avenida de los Volcanes". Capitan Marco Sanchez weist uns ein Turmzimmer in der Festung zu, die seine Feuerwache ist. Die Mauer um die Dachterrasse hat sogar Zinnen.

                   

"Vor einer Woche hat der Tungurahua so viel Asche gespuckt, dass wir stundenlang zu tun hatten, sie von den Autos zu waschen", erzählt Sanchez. Dieser Berg, mit 5023 Metern ein Knirps zwischen seinen Kollegen, gleicht die mangelnde Größe durch Bösartigkeit aus. Wir verlassen Ambato auf steiler Straße, um ins Nachbartal zu fahren. Der Abstecher von der Panamericana gilt einem Besuch von Baños. Das Städtchen ist uns als "wunderschön" beschrieben worden. In Pelileo, auf halber Strecke, begegnen wir einer Mini-Prozession. Hier geht auch die Frömmigkeit mit der Zeit. Die Stratue wird nicht mehr auf den Schultern getragen sondern per Auto spazierengeführt.

         

Jeans, "made in USA", T-Shirts und Unterhosen hängen bündelweise vor den Schaufenstern. In diesem Dorf verkaufen sie nichts anderes als Kleidung, ein halber Kilometer voll schlapper Baumwolle. In einer Lücke zwischen den Geschäften entdecken wir einen Holzkohlegrill.

         

An die aufgeschnittene Blechtonne ist ein Rad mit Metallspießen montiert. Ein Junge dreht die Kurbel. Cuy, Meerschweinchen sind an die Eisen gespannt. Die Hitze hat die nackten Rattenleiber weiß gefärbt. Bis sie knusprig sind, wird es noch eine Weile dauern. Wir verschieben die Geschmacksprobe auf die nächste Gelegenheit. Die Straße läuft ins Tal hinunter. Die Hänge verdanken ihre Fruchtbarkeit dem Tungurahua. Die Nähe zu dem lebendigen Berg ist für die Bauern ein gefährlicher Gewinn. Auf der schwarzen Vulkanerde wuchert das Getreide die Blätter der Kartoffelpflanzen glänzen in dunklerem Grün als anderswo. Mit einem Husten kann der Vulkan alles das vernichten.

         

Eigentlich müsste die Region noch evakuiert sein, seit der Tungurahua im März 2000 zum letzten Mal Feuer spritzen ließ. Die Bewohner erzwangen die Öffnung der Militärsperren und leben seither auf eigene Verantwortung in ihren Häusern. Über das Tal hinweg sehen wir den wolkenverhangenen Vulkan. Plötzlich wächst über den weißen Schleiern ein grauer Atompilz. Der Tungurahua atmet, erinnert daran, dass es in ihm noch immer kocht. Eine Kapelle steht zwischen Straße und Schlucht, ein paar Schritte entfernt, noch näher am Abhang, haben sie eine Krippe mit dem Jesuskind aufgestellt. Vulkanbeschwörung auf katholisch?

                   

"Er ist seit vielen Monaten friedlich", erklärt ein Feuerwehrmann in Baños. "Todo tranquilo." Jeden Tag trifft ein Bericht der Vulkanologen in der Wache ein. Die Beobachter der Zitteranfälle haben ihre Sensoren nahe am Gipfel eingegraben. Neben der Telefonanlage hängt eine Detailkarte vom Tungurahua, in Rot sind die wahrscheinlichen Abflussrichtungen der Lavaströme aufgemalt. Doch was weiß man schon genau bei diesem verrückten Berg? Die Bewohner schützen sich mit Fatalismus und die Feuerwehrleute hoffen, dass sich ihre Evakuierungspläne erfüllen, wenn es eines Tages notwendig ist. Es hilft, dass in Baños, der am nächsten am Tungurahua liegenden Ortschaft, von der Gefahr nichts zu bemerken ist. Um die Kathedrale quellen Andenkenstände über, in den Cafés sitzen Busladungen von Touristen. Auch Ecuatorianer kommen gern. Sie füllen die Becken im Schwimmbad "De la Virgen". Zwischen den ausgeleierten Badeanzügen hat das schwefelgelbe Wasser, das hier warm aus der Erde sprudelt, kaum Platz. Man pflegt hier eine Zweiklassengesellschaft. Ausländer zahlen zwei Dollar, doppelte Eintrittsgebühr. Wir drängen uns mit zwanzig anderen Gästen unter drei Duschen, versuchen, auf den glitschigen Fliesen Gleichgewicht zu wahren, beschauen uns das fröhliche Durcheinander der Badenden. Wir wollen dem Feuerberg noch näher kommen und fragen in der Wache, ob die direkte Straße nach Riobamba passierbar ist, sie führt um den Fuß des Tungurahua herum. "Claro, da gibt es zwar ein paar Verschüttungen, aber mit dem Rad kommt man leicht vorbei", sagt man uns. "Steigt sie steil an?" "I wo, kein Problem, alles plan. Na ja, medioplan." Für Busse sei die Passage gesperrt, sagen die Männer noch, aber Lastwagen seien dort unterwegs. Die Feuerwehr wirds wissen, denken wir, und starten am Morgen. Es regnet. Die ersten vier Kilometer, zurück Richtung Ambato, gehen bergauf. Das haben wir gewusst, beruhigen wir uns. Der Eingang zur Tungurahua-Straße scheint beweisen zu wollen, dass Ecuador wirklich ein Andenstaat ist. Zu Fuß würden wir an dieser Stelle Wanderstecken zu schätzen wissen. Zwei Arbeiter montieren in der Nähe eine Schaufel an einen Bagger. "Tschuldigung, können Sie uns sagen, wie die Straße nach Riobamba ist?" "Immer gradeaus, ohne Schwierigkeiten", antwortet einer: "¡Sigue, no mas!" Das ist eine ecuatorianische Einladungsformel. Die Kaufleute sagen es, wenn man ihren Laden betritt: Beim Essen ermutigt man uns mit diesen Worten, tüchtig zuzulangen. Mach weiter, hau rein, immer vorwärts, bloß nicht nachlassen, bleib am Ball und lass Dich nicht stören. Alles das verpacken sie in den drei Mutmacherworten "¡Sigue, no mas!". Wir fahren los. Aufwärts, aufwärts. "Zum Glück gibts hier wenigstens Asphalt", brummt Kerstin unter ihrem Jackenkragen, den sie bis zur Nase hochgezogen hat. Ja, zum Glück. Allerdings hat der Teer den Ausbruch des Tungurahua nur teilweise überstanden. Nach ein paar hundert Metern müssen wir zum ersten Mal absteigen. Eine Rampe aus gestampfter Vulkanasche führt seitwärts über die Straße hinauf. Steil, zu steil zum Radeln, führt sie in eine Scharte der Bergflanke. Die Piste mündet in eine Holzbrücke und kehrt dahinter auf die Straße zurück.

         

Wegen der offiziellen Sperrung der Region hält die Regierung, traditionell an knappen Finanzen leidend, es nicht für nötig, die Straße zu reparieren. Also haben sich die Dörfler allein an die Arbeit gemacht. Mit Hacke und Schaufel haben sie die Umgehungen in die Hänge gegraben. Seit zwei Jahren balancieren ihre Autos über Behelfsbrücken, notdürftig aus Balken zusammengezimmert. Gelegentlich haben die Konstrukteure am Material gespart, zwei hölzerne Spuren laufen von Ufer zu Ufer. Dazwischen ein Spalt, breit genug für Fahrrad mit Radler. Wir tappen unsicher über die Bohlen, mögen den Ausblick nach unten gar nicht.

         

Metertief unter den Stämmen rauschen Flüsse den Tungurahua hinab. Das Wasser gurgelt, schwarz wie Schmieröl, gesättigt mit der Asche des Berges. Manchmal verstehen wir die Steine falsch, die als Hinweise auf der Fahrbahn liegen und stehen unvermittelt an einem Abriss der Straße. Es sieht aus, als ob ein wütender Riese die Teerdecke mit einer Axt gespalten hätte. Es gruselt uns vor der Macht des Vulkans, dessen Rauchzeichen wir wegen der Regenwolken nicht sehen. "Haben Sie Angst, hier zu wohnen?", fragen wir eine Indianerin, die vor ihrem Laden sitzt. "Nein", antwortet die Frau, und schaut uns an, als ob sie den Sinn der Frage nicht verstünde. Fast zwanzig Mal stemmen wir die Räder über solche "quebradas". Einmal müssen wir die Straße für mehrere Kilometer verlassen, auf nasser Aschebahn tief in das Tal rutschen. Steinchen haben sich in die Bremsbeläge gegraben, sie schleifen Späne von den Felgen.

                   

Auf der gesamten Strecke begegnen wir fünf Autos und drei Spaziergängern. Penipe liegt jenseits der Alarmzone. Die Ortschaft ist von Riobamba aus über eine unversehrte Straße zu erreichen. Fünf Stunden Plackerei und 36 Kilometer liegen hinter uns. Wir sind nass wie junge Hunde. Der Regen hat sich verzogen. Es ist zu spät, nach Riobamba hineinzufahren, bis dorthin sind es zwar nur 22 Kilometer, doch die bedeuten als Bergaufstrecke mindestens zweieinhalb Stunden Arbeit. Bernd hat sich in das Pfarrhaus verguckt, dessen Patio Platz und Sicherheit für die Nacht bieten würde. Leider ist der Pfarrer nach Quito gefahren und seine Köchin weiß nicht, ob er am Abend zurückkehren wird. Allein will sie uns nicht aufnehmen. Wir stehen vor dem Bürgermeisteramt. "Es gibt zwar ein Haus, in dem ihr bleiben könntet, aber in den Räumen haben wir gestern Insektengift versprüht", sagt der Chef der Verwaltung. Er muss ohnehin mit einem Lastwagen nach Riobamba fahren und lädt uns ein, mitzukommen. Wir bleiben zwei Nächte in der Hauptfeuerwache, um den Zug nach Alausi abzuwarten. Dreimal in der Woche schaukelt die ecuatorianische Eisenbahncompanie eine Ladung Touristen von Riobamba über die laut Eigenwerbung "schwierigste Strecke der Welt" zur "Nariz del Diablo". Die Landschaft, so hatte uns Daniel Medrano erzählt, sei von der Eisenbahn aus viel schöner als aus der Perspektive der Panamericana. Morgens um sieben Uhr soll der Zug starten. "Punkt sieben", sagt der Gepäckchef. Gemeinsam mit den zwei Maschinisten, dem Lokomotivführer und den Bahnhofsbeauftragten steht er vor dem Fahrkartenschalter, der jeden Abend eine Stunde lang öffnet. Sie haben das Vergnügen, die Rangelei der Fahrgäste anzuschauen, die nicht die Geduld aufbringen, in der Schlange zu warten, bis sie an der Reihe sind. Man vermutet auf französisch, italienisch, englisch und deutsch, dass die Tickets ein knappes Gut sind, weil die Schalterzeiten begrenzt sind, die Interessenten so zahlreich und die Fahrpreise elf Dollar exklusiv. Niemand mag ausgeschlossen sein, alle benutzen die Ellenbögen.

         

Die aufgehende Sonne färbt den Himmel grau, und die Kämpfe des Vortages setzen sich fort. Diesmal geht es um einen Sitzplatz auf dem Dach der Güterwaggons. Die Ellenbögen sind von den Ärmeln wollener Pullover und wetterfester Jacken gehemmt, böse Blicke kreuzen. Mittelalte Rucksackträger, sie vermuten wohl, durch Mitreisende oder den kalten Morgenhauch Schaden zu nehmen, verziehen sich hinter die Fenster der halb leeren Abteile. Auf den Dächern gibt derweil jeder Quadratdezimeter einen komfortablen Sitzplatz. Der Zug rollt an, die Mienen entspannen sich, die Kameras schlafen auf fleeceverhüllten Schößen. An den Beinen der Passagiere vorbei, knapp neben dem Dachrand, balancieren Verkäufer Körbe mit Schokoriegeln, Eimer mit Eis, in denen Bierflaschen noch kälter werden, Drahtringe, an denen Beutel mit Kartoffel- und Bananenchips hängen. Der höchste Berg Ecuadors, der Chimborazo, hat seinen Gipfel zur Morgenaudienz von Wolken befreit.

                   

Links läuft die Panamericana und auf ihr begleiten ein paar Touristenbusse den Zug, von dem sie ihre Ladung in Alausi übernehmen werden. Die Gleise biegen von der Straße ab, man hat künstliche Schluchten durch das brüchige Gestein geschlagen. Wir nähern uns Dörfern, in denen der Tag seit Stunden begonnen hat. Gruppen von Kindern stehen winkend am Weg.

         

Im ersten Moment halten wir das für eine freundliche Geste, die etwas befremdlich wirkt, weil sie sich dreimal pro Woche wiederholt. Als vom Dach Lutscher, Kugelschreiber und Bonbons ins Gras fliegen, verstehen wir. Verdrehte Welt, in Ecuador fährt der Zoo, gezogen von einer Lokomotive, am Leben vorbei.

         

Die Verkäufer nutzen das Spiel. "Lollis para los ninos!", schreien sie, und wedeln mit Süßigkeiten.

         

In Guamote machen die Eisenbahner 20 Minuten Pause, der reisenden Blasen zuliebe. Der Zug dringt in tiefere Falten der Landschaft. Gelbes Gras steht im Mittagslicht. Die Passagiere haben ihre Jacken weggepackt, viele Nasen leuchten weiß, sonnengeblockt.

         

In Alausi steigen jene zu, die aus dem Süden kommen. Der Platz auf den Dächern wird noch knapper, jetzt gehts hinunter zur "Nariz del Diablo". Die Schienen liegen im Zickzack.

                   

Die Lokomotive schnauft, weiter unten warten noch mehr Schienen und dann kann man dem abgewrackten Stationsgebäude an der "Teufelsnase" zwischen den Dachsparren hindurch auf die Bodenfliesen schauen. Am Himmel wandern wenige Wolken, die Sonne lässt die Umrisse des Tals unscharf werden. Ausgetrocknete, aufgeworfene Landschaft, das bedeutet Sommer in Ecuador.

                   

Eine halbe Stunde, nachdem der Zug nach Alausi zurückgekehrt ist, liegt der Bahnhof wieder still. Der Kampf um Rucksäcke ist verklungen, die Busse nach Cuenca sind abgefahren, der Ort hat zwei Tage Zeit, sich von der Trampelei zu erholen. "Monos", sagen die Einheimischen, "Affen", das sind sie, die Touristen, die eingesperrt in ihre Reisepläne durchs Land hetzen. Auch wir werfen uns das Wort an den Kopf, obwohl wir eine Nacht bleiben. Rodolfo Segundo hat Dienst in der Feuerwache, und seine Frau Maria-Isabell verbringt die Tage dort mit ihm. Sie hat sowieso nichts anderes zu tun, in ihrem Dorf, das eine Stunde zu Fuß bergab liegt. Maria-Isabell spricht leise und schnell, hält sich Daumen und Zeigefinger vor den Mund, weil sie nicht gewöhnt ist, mit Fremden zu reden.

         

Das Paar hat vor vier Monaten geheiratet. Sie kennen sich, seit sie Kinder sind und sie kennen nichts außer dem Dorf und Alausi, über dem Petrus als Riesenstatue wacht, und das für sie eine große Stadt ist.

         

Maria-Isabell ist neugierig, sie fragt nach unserem Wörterbuch und liest sich selbst die deutschen Begriffe vor. Den Reiseführer will sie geschenkt bekommen, obwohl der auf Englisch geschrieben ist, und sie Kischwa und Spanisch spricht. Sie lässt sich erklären, wie ein Feuerzeug funktioniert und ist froh weiterhin Streichhölzer benutzen zu dürfen. Wir sitzen neben der kleinen duldsamen Frau auf der Bank. Zwei Radler in Funktionswäsche und eine Indianerin mit Wickelrock und Tirolerhut versuchen, einander die Leben zu erklären, aus denen sie stammen. Hinter Alausi verlassen wir die versteppten Hügel, ein einziger Bergrücken trennt Klimazonen. Die Bauern bestellen ihr Land, gleichgültig, ob es eben ist, oder sich zur Senkrechten entwickeln will. Die Felsen liegen unter einem Gras- und Getreideteppich verborgen. Sie müssen vorhanden sein, wir schauen auf Hänge, die weich über die 3.000-Meter-Marke hinausgehen.

         

Die Panamericana ist, so sagt man uns, von einem Bergrutsch verschüttet und die Umleitung hat eine Umleitung, weil auch diese Straße unter dem Geröll abgerissen ist. Dieser Tag ist für uns etwas mehr als 40 Kilometer lang, wir haben keine Ahnung, wohin diese Steilheit führen soll. Um 14 Uhr sitzen wir in Chunchi und glauben nicht, dass wir weitere 40 Kilometer bei Tageslicht schaffen werden. So weit ist jedoch Zhud entfernt, das unsere Landkarte als nächste ernst zu nehmende Siedlung ausweist. Wir quartieren uns bei der Feuerwehr ein. Diesmal machen wir eine neue Erfahrung. Es gibt einen Feuerwehrmann. Er verfügt über ein Telefon, nimmt jedoch die Anrufe nicht entgegen, die durchs Haus klingeln, weil das Feuerwehrauto in der Werkstatt ist, seit Tagen schon. Es wird wochenlang dort bleiben, sagt er. Ihn stört es nicht, dass Rettung nicht funktionieren würde, selbst wenn jemand Hilfe bräuchte. Erstens passiere hier sowieso nie was. Zweitens passt das alles recht gut zu dem Gebäude, an dem man aufhörte zu bauen, als Mauern und Dach standen. Der Mann lebt auf einer Müllhalde und stolziert vor uns auf und ab wie ein Gockel vor einem Hühnerschwarm. Um sechs Uhr abends verlässt er das Haus, sperrt uns darin ein. "Ich muss an einer Zusammenkunft der Autroritäten von Chunchi teilnehmen", sagt er und klemmt sich einen dünnen Aktenordner tiefer unter die Achsel. Das Haar hat er mit Brillantine in glänzende Kurven gelegt, auf seinem Jackenkragen liegen Schuppen, wie Schneeflocken. Ein Mann auf der Straße hatte uns den Weg zur Wache gewiesen und mit einer Handbewegung grinsend angedeutet, der Herr des Feuers zwitschere gern einen. Die wässrigen Augen lassen daran keinen Zweifel. Die Panamericana folgt einem weiten Tal, erreicht um eine Bergnase ein weiteres Tal, die Majestät der Landschaft scheint kein Ende zu nehmen und wir wollen während des stummen Tretens gar nicht wissen, dass die Anden noch tausende Kilometer dauern werden. Lieber schauen wir uns satt an den Sätteln, Furchen, Buckeln, Gipfeln, die uns umgeben. Weit unten, die Dächer eines Dorfes, zweitausend Schritte über unseren Köpfen zieht ein Ochsengespann den einzinkigen Holzpflug durch ein Feld. Alle Stadien des Wachstums und der Reife sind in einem Blick versammelt. Die Erde ist reich hier, und sie verteilt ihre Früchte scheinbar freigiebig. Trotzdem sind die Dörfer entvölkert. Manche nur von Kindern und Frauen bewohnt. Vor einer Schule liegen Bohnen auf dem Basketballfeld ausgebreitet. Zwei Kinder knien vor den Schoten und dreschen mit Stöcken.

         

Eine Frau stellt sich zu uns. "Das Dorf ist arm", sagt sie. Die Männer sind ausgewandert in Länder, in denen höherer Stundenlohn üblich ist. Vorzugsweise gehen Ecuatorianer nach Spanien oder in die USA. Zhud verdankt seine Existenz der abzweigenden Straße, die aus den Bergen nach Guayacil an die Küste geht. Den Bedürfnissen der Reisenden entsprechend haben sich Restaurants angesiedelt. Manche sind Essbuden, ein paar Tische, ein Pfosten an den die Besitzer ein Schwein hängen. Sie schnüren einen Strick um den Unterkiefer und ziehen das Tier kopfaufwärts hoch. Die Portionen werden vom Schwanz an abgeschnitten. Zuletzt kommt der Schädel in den Topf. In einigen Kochständen darf das Tier auf einem Tisch liegen.

         

Die Kadaver sehen aus, als ob sie über das letzte Stadium ihrer Existenz erstaunt wären. Ein freundlicher älterer Herr sitzt im Verwaltungsgebäude von Zhud und blättert in gestempelten Dokumenten. Er weist uns einen Raum zu, ebenso klein wie sein Büro. Die Räder und wir passen nebeneinander auf die vier Quadratmeter, die Satteltaschen müssen wir stapeln. Die Anden sind Berge, das haben sie bewiesen. Sie können unfreundliches Wetter machen, das beweisen sie jetzt. Fünf Kilometer hinter dem Mini-Schlafplatz erwischen uns Windböen hinter einer Kurve. Sie werfen uns beinahe aus dem Sattel, reißen die mit zwei Druckknöpfen befestigten Landkarten von den Lenkertaschen und zwingen uns zum Halten. Hinter einer Böschung schnappen wir nach Luft. Der Wind lässt nach, um einige Sekunden später mit glecher Gewalt zu fegen. Als wenn er Anlauf nähme, um uns zurückzudrängen. Wir warten, schauen den Büschen zu, sie verbeugen sich zitternd. An ihren Ästen hängen nur so viele Blätter, wie unbedingt notwendig, die fehlenden sind dem Überleben geopferter Schmuck. Wir brauchen einige Zeit um zu begreifen, dass alle Pflanzen hier windschnittig gebaut sind, biegsam, zäh. Geeignet, die Stürme zu ertragen, selbst wenn sie sich dazu auf die Erde legen müssen. Um weiterzukommen, lehnen wir uns mit ganzem Körpergewicht gegen die Fahrradlenker. Schritt für Schritt gewinnen wir Straße, eine Kurve. Hundert Meter entfernt laufen zwei Indianer. In ihren Schultertüchern tragen sie geschnittenes Gras. Die Bündel sind Segel. Halb schleudert der Wind die Männer über den Rand der Straße, halb rennen sie. Hinter einigen Felsen warten sie auf bessere Zeiten.

         

Die zweite Kurve, ein paar Schritte gehen, bis der Wind den Höhepunkt erreicht. Drücken, warten, mit abgewandten Gesichtern Luft holen, wieder ein paar Schritte gehen. Als wenn die Fahrräder viereckige Reifen hätten. Vor uns liegt ein neues Tal. Kaum sind wir ein paar Meter tiefer als der Straßengipfel, erreicht uns der Wind nur noch mit zahmem Blasen. Geschafft. Weit hinten vermuten wir Canar. Bis dorthin haben wir noch einige Wellen abzuarbeiten. Und dann ginge es noch mal fünf Kilometer richtig aufwärts, der Rest bis Cuenca sei eine Schussfahrt, hatte der Urkundenmann in Zhud gesagt. Wochenmarkt in Tomba, wir werfen einen oberflächlichen Blick über die Stände. Tomaten, Karotten und glänzende Zwiebeln, von den indianischen Bauern zu Türmen geschichtet, Käse, Schuhcreme und Maiskörner, Limonen, Papayas, Wassermelonen und unsere Lieblingsfrucht: Tomate de arbol.

         

Warum sie Tomate heißt, hat uns keiner erklären können. Das Früchtchen, halb so groß wie ein Apfel und an beiden Enden spitz zulaufend, hat nichts von einer Tomate. Die Ecuatorianer machen Saft aus dem Fruchtfleisch, ein milchiges Rosa mit umwerfendem Geschmack. Auf dem Markt findet sich alles, was das Haus braucht. Dazwischen die Trachten, erdige Farben, tuchverhüllte Gestalten, aus den Bündeln auf den Rücken der Frauen strecken Kleinkinder die nackten Füße in die Bergkälte. Wir werden uns an einem anderen Tag, zwischen anderen Marktleuten, genauer umschauen. Heute wollen wir nach Cañar und dann noch weiter.

         

Eine kurze Rast am Straßenkreuz des Städtchens, wir pedalen rhythmisch los. Im Kopf sind wir auf Berg eingestellt, nicht die Kilometer zählen, sondern die Geduld, mit der wir uns ein Restchen Kraft aufbewahren, für den Fall, dass es noch steiler wird oder länger dauert. Wie immer zieht sich der Berg weiter hinauf als angekündigt. Aus den fünf sind zehn Kilometer geworden, ein echter Berg mit allen Schwierigkeiten. Der Wind richtet sich nicht nach den Schlangenwindungen der Straße und kommt immer in den steilsten Passagen von vorn. Als wir denken, so, das reicht jetzt, beginnt eisiger Sprühregen. Zu wenig, um die Regensachen rauszukramen, genug, um uns den Spaß zu verderben. Die Panamerikana erreicht zum ersten Mal die Höhe, in der die Bergwiesen Paramo heißen. Das kurze Gras, Weide für schwarzbunte Milchkühe, wächst dicht. Sonst stehen die Berge kahl, bei 3.300 Metern hört Pflanzenvielfalt auf. 200 Meter höher erreichen wir eine Ebene, die von Hügelchen eingefasst ist. Eine Käserei liegt am Weg, wir halten im Schutz des Gebäudes, tauschen einen Gruß mit den drei Männern, die bierkästengroße Blöcke aus Holzformen kippen. Der Frischkäse zappelt, wenn er auf dem Edelstahltisch aufschlägt. Kühlung braucht er hier oben nicht. Wir ziehen die Handschuhe über die klammen Finger, fassen die Lenker fest, die Räder rennen von allein. Dreißig Kilometer, ohne zu trampeln, das fühlt sich gut an, auch wenn die Ohren glühen. Zwischendurch halten wir am Straßenrand, ein Foto machen. Die Berge sehen alpenähnlich aus. Vielleicht glauben wir es später selber nicht, wenn wir die Beweise vernachlässigen.

                             

Die Häuser in den Senken tragen rote Tonpfannen, wir schauen auf Sprossenfenster. Sind die Häuser gestrichen, leuchtet die Farbe fleckenlos. Die Hunde, sie bellen uns rudelweise hinterher, die Schweine, angepflockt, damit sie nicht ins Maisfeld oder vor ein Auto rennen, eine blau-weiß gestrichene Dorfkirche, mit diesen Zeichen beansprucht Ecuador die untypische Landschaft. In Azogues, eine Mittelstadt von mittlerer Mittelmäßigkeit, suchen wir eine Pension. Warm duschen nach der Frierfahrt, außerdem haben wir uns drei Tage lang nicht gewaschen - mehr wollen wir nicht von diesem Ort, und mehr bietet er uns nicht. Cuenca liegt 35 Kilometer entfernt. Wir machen aus der Strecke einen gemächlichen Vormittagsausflug mit Schokoladenstopps am Straßenrand. Keine Hektik bitte, nicht heute, am letzten Tag vor der Radlpause.