Spaziergang mit der Königin

21. Reisebericht vom 27. August 2002 Cuenca/Ecuador - Trujillo/Peru

         

Die Cuencanos bedauern, dass ihre Stadt in Ecuador liegt. Die Strassen in den Rest des Landes sind löchrig. Während zwischen Quito und Guayaquil die Flugverbindung pünktlich und mehrmals täglich funktioniert, muss Cuenca sich mit drei Flugzeugen pro Woche begnügen. Es ist, als ob die blockierten Verkehrswege die ecuatorianische Lebensart von Cuenca fern hielten. In der Stadt hat eine konservative Weltanschauung überlebt, die den Verfall der Sitten ringsum verachtet. "Wir haben mit eigener Kraft geschaffen, was Cuenca heute ist", sagen die Cuencanos. "Gegen den Widerstand der Regierung", fügen sie hinzu. Elite ist, wem Elitäres gebührt, also verlieh die Unesco dem kolonialen Stadtbild den Titel "Kulturerbe der Menschheit". Die Cuencaneos feierten die Erhebung in den Stand der Einzigartigkeit, indem sie Werkstätten gründeten, deren Handwerker imstande sind, die Stuckornamente an den Hausfassaden detailgetreu auszubessern.

                   

Männer und Frauen, sie tragen Overalls, stehen auf Eisengerüsten und schrubben Ziegelsteine, kratzen in Mauerritzen, pinseln und schleifen. Der Vierradantrieb der Autos hilft den Fahrern mühelos über das Kieselpflaster der rechtwinklig aufeinander treffenden Strassen. Die Taxifahrer sind jederzeit bereit, die Herrschaft einer roten Ampel anzuerkennen. Keine Lebensgefahr also für Fussgänger und Radfahrer. Touristen in Cuenca stehen eher in der Gefahr, an Unterernährung einzugehen. Wir kommen am Sonntag Mittag an, bocken die Räder vor einer Parkbank auf, schauen uns um, versuchen, ein Bild von dem Ort zu gewinnen, in dem wir uns eine Woche aufhalten wollen. In den ersten Minuten wirkt alles wohltemperiert. Pärchen, Familien, Schuhputzer und Rentner schlendern oder wieseln über den Platz, je nach Profession. Der Freiluftfotograf neben uns macht gute Geschäfte. Wir sehen nicht, wodurch sich sein fellbezogenes Holzpferd von den Mähren der Konkurrenz unterscheidet. Zu ihm drängen beleibte Equatorianerinnen, um sich einen mit Goldfäden garnierten Sombrero überzustülpen und ihre Gesichter vor die Silhouette der Kathedrale zu halten. Die anderen Fotografen wechseln ihre Kameras aus der rechten in die linke Hand und versuchen, kreativ zu wirken, als ob sich aus der Landschaft mit zwei Palmen, Springbrunnen und kirchlichem Hintergrund eine Inspiration gewinnen ließe. Ein ganz gewöhnlicher Sonntagmittag, an dem das Leben aus Verdauungsspaziergang zu bestehen scheint. Die Feuerwehr ist bei der Suche nach einem Übernachtungsplatz keine rechte Hilfe. Der Wachhabende bietet einen Kaffee an und bedauert, dass die Station keinen Platz für Gäste hat. Beim Roten Kreuz erteilt eine pubertierende Helferin den Rat, es mal mit einem Hotel zu versuchen. Wir hatten gehört, dass es einen Radladen geben soll, vor dem man zelten kann. Kerstin hat die Idee, den letzten Suchversuch bei einem Sportgeschäft zu starten. "Wir brauchen einen jungen Verkäufer", sagt Kerstin. Kurz bevor wir uns endgültig mit der Pension begnügen wollen, sieht sie das passende Gesicht hinter einem Schaufenster. Der junge Mann blättert in einem Fahrradmagazin. "Wir suchen ein Geschäft, das heißt ,Biketech', oder so ähnlich!" Er deutet mit dem Daumen auf die Glasscheibe vor der Kasse, an der ein Aufkleber hängt. "Meint ihr etwa ,Tecnocyclo'?" Christian Ramirez Malo hat sein Geschäft in einer Garage eingerichtet, etwa einen Fünfminutenspaziergang von der Altstadt entfernt. "Der Chef liegt im Bett, er ist krank, aber wenn ihr in einer Stunde wiederkommt, wird er da sein. Es ist bestimmt kein Problem, bei ihm zu übernachten, hier sind schon öfter Radfahrer zu Gast gewesen", sagt Alfredo, der Mechaniker. Er grinst und reicht uns sein Handgelenk zur Begrüßung. Seine Finger sind schwarz von Kettenschmiere, er ist damit beschäftigt, ein Fahrrad zu zerlegen. Wir machen einen Spaziergang zur nächstgelegenen Kneipe und treffen Gott. Gott trägt einen leinenen Sonnenhut mit dreifingerbreiter Krempe und eine Großwildjägerweste. Er ist der Besitzer der Bar "Cuba Libre", in der man Cuba Libre zu trinken bekommt. Ausschließlich. Der Rum stammt aus Freddy Vegas Rumfabrik, schmeckt leicht und blumig, noch besser als der nicaraguanische "Flor de caña". "Ich will Euch was erzählen, aber Ihr dürft es niemandem verraten, vor allem nicht in Deutschland", sagt Freddy Vega. Er zieht das T-Shirt aus dem Hosenbund, zeigt auf eine fast unsichtbare Narbe knapp unter der linken Brustwarze. Er dreht uns den Rücken zu, damit wir eine andere Narbe sehen. Er zerrt am rechten Hosenbein. Auch über dem Knie trägt er eine Narbe. "Ich bin Jesus, Hitler und Gott, mein Kopf ist mit der Geschwindigkeit aller Motoren dieser Welt verbunden, weil ich sie gemacht habe. Sie sind mein Werk, wie alles andere auf dieser Welt. In meinem Kopf ist alles." Freddy legt den Zeigefinger über die Lippen: "Aber pssscht!" Wir nicken. Freddy lädt uns auf einen weiteren Cuba Libre ein, damit wir bei ihm bleiben und er uns noch etwas beweisen kann. Hinter seinem Tresen kramt er nach einem Block und einem Kugelschreiber, und dann malt er mit fahriger Schrift, liest laut die geschriebenen Worte vor: "Energie mal Weg ist gleich Geschwindigkeit ist gleich Frieden ist gleich Liebe ist gleich Gott." "Ich bin Gott. Gott ist Nichts." Er schlägt ein paar Seiten um, die mit ähnlichen Wahnsinnsgleichungen vollgeschmiert sind und sagt "Ich will Euch was anderes zeigen." Dann schreibt er die Ziffern Null bis Neun untereinander. "Welche der Zahlen ist etwas wert?" Wir antworten nicht sofort, weil wir nicht verstehen, wie sein Kopf funktioniert. Er stößt die Spitze des Kugelschreibers durch mehrere Seiten des Blocks und reißt einen Strich durch die Zahlen. "Sie alle sind nichts wert, alles ist nichts, das Nichts ist Alles!" Er schaut uns auffordernd an: "Hmm, was sagt Ihr dazu?" Ohne eine Reaktion abzuwarten legt er wieder den Finger über die Lippen: "Pssscht!" Wir schaffen es, mit ernsten Mündern seinen Blick auszuhalten, und fragen Freddy Vega, ob er uns einen Liter von seinem Rum verkaufen würde. Na klar macht Freddy das, es ist sein Geschäft, Rum zu verkaufen. Gott macht klasse Rum, zu zwei Dollar den Liter. Er füllt ihn in eine Einweg-Colaflasche. Die Nachbarschaft der Bar ist geeignet, degenerierte Typen hervorzubringen. An die Bürgersteige grenzen Mauern, gekrönt von Eisengittern, deren geschliffene Spitzen nach außen deuten. Dahinter stehen Villen, ein Geschoß auf 200 Quadratmetern, zwei Etagen mit der dreifachen Fläche, Portale in Marmor, Limousinen auf den Garagenzufahrten, über allem liegt alarmanlagengesicherte Stille. Der Reichtum ist in unausgesprochene Zutrittsverbote verpackt. Wir laufen durch einen ausgelagerten Teil der USA. "Tecnocyclo" liegt in einer Seitenstraße des Viertels, nahe an den Kunden, die ohne Reue 2000 US-Dollar für ein Fahrrad ausgeben können. "Wie geht's?", fragt Christian. Er streckt uns die Hand entgegen und bedauert, nicht mehr anbieten zu können als einen Zeltplatz im Garten und warmes Wasser aus der Dusche. "Keine Sorge, das ist perfekt, mehr brauchen wir gar nicht." Wir freuen uns darauf, wieder mal im Zelt zu schlafen.

         

Am Wochenende verreist Familie Ramirez aufs Land und lässt ihre Hündin Penelope in unserer Obhut. Penelope trägt Sorgenfalten auf der Stirn, am Hals und am Bauch. Sie sieht aus wie ein Hund, aber wir bezweifeln, dass sie von Hunden abstammt. Wir müssen jede unbedachte Bewegung jedes laute Wort vermeiden, denn solche Dinge erschrecken Penelope so sehr, dass sie sich für Stunden in eine Ecke des Gartens verzieht und ihre Patrouillengänge einen Tag lang mit eingezogenem Schwanz macht. Penelope sabbert, als wir versuchen, ihre Freundschaft mit Salamistücken zu erobern. Speichelfäden tropfen aus ihren Schlabberlefzen, ihre Augen schauen traurig unter Hängelidern hervor, die Gier zieht noch tiefere Falten in ihre Stirn, aber das Tier kann sich nicht überwinden, sich uns auf zwei Meter zu nähern. Wir müssen ihr die Wurst vor die Tatzen werfen. Zum Dank hustet Penelope ein Bellen hervor, asthmatisch und kraftlos. Mit Neid hören wir auf die Hundestimmen aus anderen Gärten, drohendes Knurren, raue Kehlen, denen kein Einbrecher zu nahe kommen dürfte. Ein unvorsichtiger Eindringling würde Penelopes Herztod verursachen. Sind wir in der Stadt unterwegs, hoffen wir, Cuencas Spitzbuben sind anderswo beschäftigt und an Zelten uninteressiert. Bevor Christian seiner Familie aufs Land nacheilt, lädt er uns zu einer Autotour durch die Provinz Cañar ein. Wir fahren die Panamericana zurück nach Norden, fast bis zum höchsten Punkt, an dem wir einige Tage zuvor durch die Scheiben der Käserei geschaut hatten.

                             

Kurz vorher biegt das Auto in einen Feldweg, der über den Schienen der ehemaligen Eisenbahnlinie Cuenca - Incapirca aufgeschüttet worden ist. Christian ist zuletzt vor 25 Jahren hier gewesen. Seine Erinnerungen lassen ihn vermuten, die Route könnte in das Angebot seiner Radtouragentur passen. "Das wäre eine perfekte Mischung, ein bisschen Sport und ein bisschen Kultur. Genau das, was sich Touristen von einem Tag auf dem Fahrrad versprechen." Incapirca heißt "Stein des Inka", es ist die bedeutendste Ruinenstätte Ecuadors.

         

Mehr als die alten Steine begeistern uns die Ausblicke auf schmale Täler, Hügel, das Bauernland der equatorianischen Sierra.

                             

         

Mais, Weizen, Gerste wiegt im Wind. Frauen treiben das Vieh nach Hause, Männer schichten Stroh zu Türmen. An einem Fluss veranstaltet die Nachbarschaft Waschtag.

         

Die Täler sind von Bächen zwischen die Hügel eingegraben. Hin und wieder taucht ein Eukalyptushain hinter einer Kurve auf. Der Baum, obwohl erst vor wenigen Jahren von einem Präsidenten nach Ecuador importiert, ist über die gesamte Sierra verbreitet. Vermutlich passt er Biologen nicht ins ökologische Konzept, doch wir Laien, Landschaftsbewunderer ohne Kenntnis, finden, er fügt sich gut ins Bild. Der Weg ist eine Piste, die bergab führt. Wir befinden uns wenige hundert Meter neben der Hauptverkehrsstraße des Landes. Ihr Teer läuft versteckt hinter ein paar Hügelbändern, es ist, als ob es die Welt jenseits der Weiden und Felder nicht gäbe. Ein paar Hochspannungsmasten stecken im Grün, aber das Leben ringsum hat seinen Rhythmus seit Jahrhunderten kaum verändert. In den Lehmhäusern hängt heute zwar eine Glühbirne an der Küchendecke, doch das Feld wird nach wie vor vom Ochsengespann mit einem einzinkigen Holzpflug umgebrochen. Die Frauen klatschen die Schmutzwäsche auf dieselben Steine im Fluss, wie ihre Mütter, Großmütter und Urgroßmütter, doch sie lassen sich mit dem Auto zum Wasser fahren.

        

Der Vater von Christian hat sein Haus einer kirchlichen Stiftung geschenkt. Das Ehepaar Ramirez bewohnt ein paar Zimmer neben der Garage. Alle anderen Zimmer gehören den Straßenkindern. Die Medizintechnikerin Alicia hat ihre Anstellung aufgegeben, um die acht Kinder in Vollzeit zu betreuen. Die Kinder sind der Abfall einer Gesellschaft, in der es als böses Omen gilt, ein behindertes Kind zu gebären. Die dreijährige Blanca wurde in einer Mülltonne gefunden, sie hat spastische Lähmungen an Armen und Beinen, ihr Gehirn ist nicht vollständig entwickelt.

         

Wir schauen der freiwilligen Helferin, Maria aus Spanien, zu, wie sie die Kleinen badet. Alicia hat diese Dinge organisiert. Maria legt das erste frisch geputzte Kind ihrer Schwester Rebecca im Nachbarzimmer in die Arme.

         

Die windelt, zieht die Kleinen an, während Maria das nächste Kind abduscht. Eine Stunde später sitzen alle im Speisesaal.

          

Blanca möchte sich nicht füttern lassen, sie beansprucht einen kleinen Einzeltisch und löffelt aus einem Teller voll Wackelpeter. Brayan und Pablo brauchen Hilfe beim Essen, die Volontärinnen lehnen sich mit dem Rücken gegen die Wand, nehmen die Kinder zwischen ihre Beine und schieben ihnen den Brei Löffel für Löffel zwischen die Zähne.

         

"Manche werden kaum einen Fortschritt machen", sagt Alicia. Sie ist stolz, dass Jorge, der auf seiner Hand herumkaute, bis die Haut in weißen Fetzen von den Fingern fiel, sich mittlerweile mit einem Zipfel seines Pulloverärmels begnügt. Cesár, 21 Jahre alt und so klein wie ein Grundschüler, hat gelernt die Toilette zu benutzen. "Das sind nur kleine Sachen, aber sie zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind", sagt Alicia. Einmal im Monat kommen Krankengymnasten und Logopäden vorbei, ihre Therapien sind gratis, aber viel zu selten. "Ihr könnt Loja leicht in drei Tagen erreichen", sagt Christian, als wir uns verabschieden. Ein paar Stellen der Straße seien steiler als anderswo, aber im großen und ganzen handle es sich bei dem Weg um ein radelbares Problem. Er macht Vorschläge, an welchen Orten wir wo um eine Unterkunft bitten sollen. Wir radeln mit etwas steifen Beinen aus Cuenca hinaus. Bald kommt das alte Gefühl für Geschwindigkeit zurück, die Kette zieht gleichmäßig über die Zahnblätter. Bis Cumbes steht uns kein Hügel im Weg. Dahinter beginnt der Anstieg auf den Tinajilla-Pass (3.520 Meter). Die Straße macht den Beinen keinen Spaß, der Schweiß sickert ins T-Shirt. Warm wird uns nicht. Nach zehn Kilometern, zwei Stunden Tretmühle, brechen wir den Tag ab. An den Hang neben unserem Rastplatz hat irgendwer ein ziemlich großes Haus bauen lassen. Sein weißer Anstrich sieht nach Geld aus. Kerstin steigt den ausgetreten Pfad durch eine Wiese hinauf, klopft, ruft, und nach ein paar Minuten kommt eine Indianerin aus dem Häuschen neben dem Haus. Maria ist Wärterin des Anwesens, solange die Besitzer in den USA arbeiten, um Geld für den Bau zu verdienen. Das Haus ist eine geweißelte Hülle. Innen sieht es aus wie ein leicht fortgeschrittener Rohbau. Ein paar Kabel liegen unter dem Putz, einige führen tatsächlich Strom. Zwischen Fensterrahmen und Wänden zieht der Wind durch Spalten. "Breitet Euch lieber im ersten Stock aus, dort wird es in der Nacht wärmer sein", sagt Maria. Ihr Sohn Boris ist schon unser Freund geworden. Der Jüngste, er heißt Elvis, hängt an Mutters Rücken in einem Tragetuch. Maria schaut zu, wie wir unseren Kocher für ein paar Tassen Tee anfeuern. "Habt ihr Hunger, mögt ihr meine humitas probieren?" Sie wartet die Antwort nicht ab und kommt mit zwei Tellern zurück, auf denen Päckchen liegen, eingerollt in Maisblätter. Wir beißen in den gelben Teig, er ist süß, schmeckt nach Eiern, Sahne, weichen Rosinen. Maria erklärt, wie sie das Maismehl mit Butter vermischt, welche Zutaten außerdem hinein müssen. "Schmeckts Euch? Wir essen das jeden Tag." Dann bringt Maria zwei Teller mit Milchsuppe, in der winzige Kartoffeln schwimmen neben Käsestücken, danach einen Teller voll chocle, gekochten großen Maiskörnern, einen halben Käse und einen halben Liter roher Kuhmilch. "Esst, esst", sagt sie. Ein Automotor brummt vor dem Haus. "Ich muss zu den Kühen gehen, die Besitzerin kommt", ruft Maria und knüpft einen zweiten, den Arbeitsrock, um ihre Hüften. Sie verschwindet um die Hausecke und eilt auf flinken Beinen die Wiese hinauf. Wir stehen am Weg, Zigaretten in den Händen, und gucken den beiden Frauen entgegen, die sich auf schmalen Schuhen heraufmühen. Sie sind an unseren Erklärungen kaum interessiert. "Wir sind gekommen, die Kühe zu inspizieren", sagt die Ältere und zeigt ihre vergoldeten Zähne. Später am Abend, wir hatten uns zwischenzeitlich vor der Kälte in die Schlafsäcke verkrochen, stehen wir noch einmal vor dem Haus und schauen in den bewölkten Nachthimmel. Maria stellt ihren Mann vor. Er ist eben aus Cuenca zurückgekehrt. Die Besitzerinnen sind die Besitzerinnen der Kühe und gleichzeitig die Oberbeauftragten für das Haus, erzählt Maria. Sie schaut uns an, ein bisschen prüfend, und sagt, die beiden Frauen hätten sie über uns ausgequetscht und dann gesagt, Maria solle ein Übernachtungsgeld von uns verlangen, 20 bis 30 Dollar wären gewiss nicht zu viel für Touristen. Wir wundern uns und staunen, reden noch ein bisschen über das Wetter, die Arbeit in den Bergen und versprechen, am Morgen würden wir gern etwas bezahlen. "Natürlich nicht 20 Dollar, das können wir uns nicht leisten." Über den Wiesen hängen feuchte Wolken bis zum Boden. Sie beginnen zu tropfen, als wir auf die Räder steigen, um über den Pass zu fahren. Wasserstaub, der in die Pullover kriecht und den Mund bei jedem Atemzug füllt. Wir sehen nicht, wohin wir trampeln. Die Aussicht endet in einem Kreis, der gerade bis zum gegenüberliegenden Straßenrand reicht. Eine Stunde, anderthalb, zwei, es tritt sich schwer, muss also aufwärts gehen. Oben ziehen sich die Wolken ein wenig zurück, ohne einen Blick auf die Täler unter uns freizugeben. Ein paar Kilometer strecken sich wellige Wiesen auf die Abfahrt zu, fast vierzig Kilometer lang windet sich die Panamericana in Schleifen zum Rio León hinunter.

                   

Wir passieren ein Ziegelbrennerdorf. Einer der gemauerten Öfen stößt den graubraunen Qualm von nassem Holz aus. Der Wächter des Feuers dosiert den Luftzug des elektrischen Gebläses. Zehn Cent, sagt er, kostet ein Ziegel. Einen Tag und eine Nacht wird der Ofen glühen.

                   

Ein paar Meter weiter unten treibt ein anderer Mann ein Pferdegespann durch eine Lehmgrube. Immer im Kreis, vier Stunden lang. Die Tiere staksen, die Leiber aneinandergedrängt, schwer atmend, durch den Schlamm. Ihre Beine versinken, die Hufe treten die Erde, um sie geschmeidig zu machen. Wenn die Kneterei beendet ist, formt der Mann aus dem Lehmteig 1.200 Steine. In La Paz hatte ein Jugendlicher erzählt, vom Fluss aus werde es eine halbe Stunde Arbeit sein, um Oña zu erreichen. Sein Fahrrad schien eine Garantie für Vertrauenswürdigkeit und auf der Karte sah es aus, als wenn wir höchstens vier Kilometer fahren müssten. Zehn Kilometer und 400 Höhenmeter weiter oben sind wir noch immer nicht in Oña. Zwei Stunden haben wir uns mit der Straße geplagt, die um so bösartiger wirkt, weil wir sie uns flacher wünschen. Oña, ein stiller Ort, in dem die Pfarrkirche sonntags die Gläubigen aus den umliegenden Dörfern empfängt. Der Priester hat ein großes Herz und nimmt auch fremde Radler auf. Wir übernachten zwischen Schulbänken, in die Kommunionskinder ihre Namen geritzt haben.

         

"Die Straße Richtung Loja ist schlecht. Aber nicht, was die Anstiege betrifft. In diesem Sinne ist sie gut", sagt der Pfarrer zum Abschied. Mit flatternden Pulloverärmeln schießen wir zum nächsten Fluss hinunter, keuchen um eine steile Kurve und schauen auf eine himmelhohe Felswand. Die Panamericana ist hineingemeißelt, von links unten nach rechts oben. Das reicht. Keine Lust mehr. Wir nehmen den Bus. Die spinnen wohl alle, was soll das heißen, "in diesem Sinne ist sie gut", he? Wir sind wütend auf Ecuador, seine zermürbenden Anden, die Berge, hinter denen weitere Berge lauern, die Tretmühle der ständigen Abfahrten, die wir mit Stunden schleichender Trampelarbeit büßen müssen. Wir bereuen unseren Zorn, als wir aus dem Busfenster die Trachten der Indianerinnen sehen, die Täler, den Ausblick auf raue Bergspitzen. Das alles ist so fern, rast so schnell vorbei. Wir sitzen im Bus, mitten in der Landschaft, und neben ihr. Busfahren ist einfach zu einfach. Die gelenkschonende Geschwindigkeit nimmt uns den Geschmack Ecuadors. Wir trösten uns. Vielleicht sind wir pünktlich genug in Loja, um die Prozession der "Virgen del Cisne" zu sehen. Wir haben eine Adresse in dieser Stadt. "Die Cuevas sind sehr nette Leute", hatte man uns gesagt. "Fragt bei der Apotheke Modeles." Wir schieben die Räder vor die Schaufenster, hinter denen Pillenschachteln, Pakete von Damenbinden und Pampers, Sonnencreme und Körperlotion gestapelt stehen. Rafael begrüßt uns mit ausgestreckter Hand: "Kommt mit, ich werde Euch zu meinem Haus bringen!" Sein Haus gehört seinen Eltern, es hat drei Stockwerke. Eines der Ladenlokale im Erdgeschoss ist an eine Eisenwarenhandlung vermietet. Wir beziehen ein Zimmer zum Hof. "Unser Haus ist Euer Haus", sagt Rafael. Sein Vater Don Lucho sagt dassselbe, als er uns in die Arme schließt. Die Cuevas sind ein mehrfaches Glück. Die Großherzigkeit, mit der sie sie Frühstückstisch, Mittagessen und Abendbrot teilen, die Sorge um Radler, die den Strauchdieben ausgesetzt sind, die Bereitschaft, uns als Schwester, Bruder, Tochter und Sohn auf Zeit anzunehmen. Jeden Dank beantworten sie mit dem Satz: "Verzeihung, dass es nicht mehr ist." Der Satz ist keine Floskel, sondern ihr unaufdringliches Verständnis gelebten Glaubens. Cuevas sind katholisch. In jedem Zimmer hängt mindestens ein Bild der "Jungfrau von Cisne". Sie ist die Schutzpatronin Ecuadors. Den Cuevas ist ihr Katholischsein eine Selbstverständlichkeit, die sie zum Ausdruck bringen, ohne je in Missionseifer zu verfallen. Carlos, der jüngste Sohn, ist gerade von der Papstvisite in Kanada zurückgekommen, rechtzeitig zur Prozession der "Jungfrau von Cisne". Die größte und längste Pilgerreise Südamerikas begleitet die Statue der Maria aus der Basilika von Cisne zur Kathedrale nach Loja. Die Gäubigen kommen aus Peru, aus Kolumbien und aus allen Teilen Ecuadors, um jedes Jahr zwischen dem 17. und 20. August die 74 Kilometer aus den Bergen ins Tal mitzugehen. Don Lucho Cueva ist einer der Organisatoren des Marsches. Wir sind zu früh in Loja angekommen, am Dienstag wird der letzte Teil der dreitägigen Prozession stattfinden.

                             

Übers Wochenende fahren wir nach Vilcabamba, ins Tal der Hundertjährigen. Wir mieten ein Zimmer in einer Hosteria außerhalb des Dorfes. Aus den Hängematten auf der Terrasse des Holzhauses schauen wir zu den Bergen. Vögel zwitschern aus den Kronen der Orangenbäume auf uns herunter. Ausgeruht kehren wir nach Loja zurück. Wir wollen der Virgen del Cisne 20 Kilometer entgegen gehen. Auf halber Strecke nach Catamayo werden die Pilger an einer Kapelle Halt machen, um die Messe zu hören. Die Panamericana führt in einem Bogen um Loja herum, in die Berge hinein. Am Straßenrand zimmern Männer Essensstände. Auf manchen Tischen flackert, eingehüllt von Ziegelsteinen, schon ein Feuer. In Aluminiumpfannen, groß wie Waschschüsseln, schmurgelt Schweinefleisch, Reishaufen, von Eiern gekrönt, liegen daneben, ein Geruch nach Volksfest weht über die Straße. Die Polizei hat die Panamericana gesperrt, die weißen Helme der Männer leuchten an jeder Zufahrt.

         

Mit uns gehen Familien in Gruppen, die Sonne steht weit oben am Himmel, obwohl es erst sieben Uhr ist. Je weiter wir aufwärts kommen, desto breiter wird der Strom der Menschen, die uns entgegen gehen. Sie sind der Maria vorausgeeilt. Manche humpeln, andere haben ihre Schlappen ausgezogen und sind barfuß unterwegs. Die Füße halten die harten Schuhe nicht aus, die forschen Schritte haben ihnen Blasen geschlagen, Religionseifer hin oder her.

                             

An der Kapelle liegen Tausende im Gras der felsumkreisten Wiese. Aus der schwächlichen Lautsprecheranlage quäkt die sich überschlagende Stimme eines Pfarrers, der die Ankunft des Nuntius Apostolicus bejubelt. Der Botschafter des Papstes lässt seine weiße Soutane durch die Reihen der Polizei schweben. Er hält das lila Käppchen im Wind fest und hebt den Siegelring an der Segenshand über die Köpfe der Pilger.

                   

Dann schwankt die silberbeschlagene Vitrine mit dem Püppchen heran. Die Statue, engelsbleiches Gesicht, trägt Pilgerkleidung. Einen Sombrero mit kurzem Schleier, einen Mantel, der ihr bis auf die hölzernen Füße fällt.

                   

Die Polizisten geben sich über Kreuz die Hände, machen einen lebendigen Zaun, der im Sturm der andrängenden Menschen schwankt. "Die Virgen del Cisne ist angekommen, unsere allerheiligste Mutter, unsere Fürbitterin", schreit der Priester ins Mikrofon, das seine Stimme mit Pfeifen und Rauschen an die Feldgemeinde weitergibt. Während der Messe steht der doppelte Polizeigürtel ruhig. Keiner der Uniformierten trägt eine Pistole, Achtung vor der Jungfrau, die so zart und unbeweglich hinter der Glasscheibe ihres Käfigs verharrt. Zum Abendmahl, der Priester hat entschuldigend wissen lassen, man führe nur wenige Oblaten mit, fassen sich die Polizisten wieder fest, um die Gemeinde vom heiligen Brot abzuhalten. Ein paar Nonnen, sie hielten während der Liturgie die Blicke auf die Rosenkränze in ihren gefalteten Fingern gesenkt, dürfen durchschlüpfen.

         

Eine Viertelstunde haben die Pilger Zeit, eine Schale mit Essen zu kaufen. Viele verzichten darauf, sie stellen sich in die Schlange an der Sperre, warten auf die Gnade, den Jungfrauenkasten mit der Hand berühren zu dürfen. Danach schlagen sie mit dem Daumen ein Kreuz über ihre Lippen. Polizeioffiziere lassen sich neben der verglasten Maria von Untergebenen fotografieren.

         

Don Lucho entdeckt uns in der Menge und lotst uns durch die Sperre, auch wir dürfen für einen Moment der Maria nahe sein. Der Nuntius ist in die Stadt zurückgefahren worden. Die Pilgermasse wälzt sich zähflüssig ins Tal. Mitten drin halten die Polizisten mit Schulterdruck und Befehlen ein Viereck frei, in dem sich Tragewütige unter die Sänfte drängen. Jeder darf den Kasten eine halbe Minute lang anfassen, dann muss der Platz geräumt werden, zu groß ist die Zahl der Mitlaufenden, die von hinten einer Berührung der versilberten Tragestangen entgegenschieben.

                             

Auf breiten und schmalen Schultern, starken und schwachen Händen, jungen und zitternden Beinen schaukelt Maria unbewegt auf Loja zu. Hinter ihr und vor ihr steuern stoische Fahrer Lautsprecherwagen. "Ruega por nosotros, Santa Madre de Dios." "Bitt' für uns, Heilige Mutter Gottes." Die Ave Marias plätschern über die Menge, so einschläfernd wie der Trott des Marsches.

                             

Wir gehen mit und wundern uns, dass die Teilnehmer zwar ein Ziel haben, jedoch aneinander wenig interessiert sind. Familien hängen mit verhakten Armen zusammen, doch zwischen den Gruppen fliegt keine gemeinsame Idee. Auf dem Weg nach Loja ist Pilgern Privatsache.

                   

Und weil viele mit der Maria ihr eigenes Ding abzumachen haben, sind viele Menschen auf dieser Straße unterwegs. Kurz vor den ersten Häusern von Loja drängen Seiteneinsteiger in den Zug. Sie haben auf den erhöhten Rändern der Panamericana gewartet, um der Statue eine Kurzbegleitung zu widmen. Die Schritte der Pilger stocken, die Straße ist ein Trichter in die Stadt. Fußgängerstau, 200.000 Menschen auf dem Weg. Die Mariensänfte wippt unvermindert schnell voran, sie wird in der Kaserne zum Gewändertausch erwartet. Aus der reisenden Heiligen soll eine Königin werden, die unter dem Stadttor vom Volk empfangen wird.

         

Die Stadtpolizei hat Ausgehuniform angelegt und steht Spalier, Gewehr bei Fuß. Auf der Bühne sitzt das Symphonieorchester Loja, der Bürgermeister steht am Mikrofon, das Stadttor ist mit Feuerwerk gespickt. Die Musiker versuchen, ihre klassischen Kompositionen gegen den Wind durchzusetzen. Der Studentenchor stellt sich zum "Ave Maria" auf, dann möchte das Orchester noch etwas spielen, etwas Stilles, damit die Herzen sich öffnen. Der Sprengmeister ist nervös und drückt den Zündknopf. Das Orchester ist in einer besonders gefühligen, leisen Passage angekommen. Die Geiger heben unrhythmisch die Bögen von den Saiten und das Publikum duckt sich, weil Raketen niedergehen und Funken über Köpfe und Jacken sprühen. "Bravo, bravo!" Maria ist angekommen. Der Nuntius scheut sich nicht, den Weg zur Kathedrale zu Fuß zu machen und geht der Maria voran. Er zeichnet gern Kreuze in die Luft, freut sich über den Andrang. Lojas Bischof ist bei ihm und eine Schar niederer Priester.

         

Die Goldstickereien auf dem Königinnenmantel der Maria funkeln im Licht der Straßenlaternen. Am übernächsten Morgen verabschieden wir uns von den Cuevas. "Wenn Ihr nur ein wenig für dieses Haus empfindet, nehmt bitte bis Catacocha einen Bus", sagt Don Lucho. Er hat Angst, dass uns die Banditen schnappen, denen auf diesem Stück schon mehrere Radler Räder, Gepäck und Kleidung überlassen mussten.

         

Wir empfinden, wollen aber auf die letzten Kilometer Ecuadors nicht verzichten. Zum Ausgleich versprechen wir, am übernächsten Abend anzurufen. Die Pilgerstraße ist vom Abfall längst befreit. Eine Stunde, nachdem die Welle verschwunden war, haben Straßenarbeiter ihre Müllspur beseitigt. Don Lucho hatte uns erzählt, Loja sei zur drittökologischsten Stadt der Welt gewählt worden. 1999 gewann sie die Bronzemedaille im Wettbewerb "Nations in bloom". Auch Theresa, das Dienstmädchen der Cuevas, war stolz darauf. Sie wies uns am ersten Tag in das Mülltrennungssystem ein. Bioabfälle und Papier werden aussortiert.

         

Keine Neuigkeiten auf dem Weg zur Kapelle. Hinter ihr liegt das Tal von Catamayo, 1.300 Höhenmeter unter uns sehen wir die betonierte Rollbahn des Flughafens. In einer halben Stunde sind wir am staubigen Boden des Kessels angekommen. Die Sonne zwiebelt uns nach langer Zeit mal wieder kräftig auf die Helme. Trocken und steinig liegt die Ebene, die Bauern haben einen Teil der Fläche zu Zuckerrohrfeldern gemacht, grüne Pflaster auf einem wunden Punkt der Erde.

                             

So steil wie wir die Höhe der Sierra verlassen haben, so steil klettern wir am anderen Talrand wieder hinauf. Am Nachmittag erreichen wir San Pedro de la Bendita, ein Bauerndörfchen, belebt nur von der jährlichen Wallfahrt und der Panamericana, die am Marktplatz zu ihrer weiteren Bergroute abknickt.

         

Der Pfarrer weist uns eine Pilgerkammer zu. Ein Bett ist frisch bezogen. Vor vier Tagen hat das Haus die Gäste nicht fassen können. Hunderte schliefen in den Blumenrabatten des Platzes, in der Kirche und im Patio des Pfarrhauses. San Pedro hat es überstanden, die Ladenbesitzer haben ihre Vorräte aufgefüllt und sind wieder überrascht, wenn ein Fremder eintritt, und ihre Beweglichkeit beansprucht. In der Nacht beginnt in einem der Nachbarhäuser eine Party. Eine grässliche Musikmischung aus lateinamerikanischen Schlagern und Importware härterer Gangart plärrt durchs Fenster. Kerstin steht nach drei Stunden Schlaflosigkeit genervt auf und verzieht sich in einen inneren Raum der Pfarrei. Die ecuatorianischen Anden verlieren Richtung Catacocha ihre Stacheln, wir reiten einen gemütlichen Bergfahrtag. 50 Kilometer, die zwar mit genügend Bergaufstückchen garniert sind, uns aber nicht aus der Ruhe bringen. Die Kleinstadt wurde, aus welchem Grund auch immer, auf eine Hügelspitze gesetzt. Sieht aus wie ein Putzlappen, der über einem Besenstiel hängt. Der Rand schlappt nach unten, das Zentrum liegt an der Spitze. Wir strampeln, weil wir uns vorgenommen haben, über Nacht hier zu bleiben. Der Pfarrer ist ausgegangen, sein Sekretär weiß nicht, ob Hochwürden Gästen zu- oder abgeneigt ist. Er empfiehlt uns die Polizeiwache, dort würden wir einen Patio finden, in dem sich bequem zelten lasse. Die Polizisten sind ratlos, geben sich dann einen Schubs. Wir bauen das Zelt neben eine freistehende Treppe, die Herren schauen uns, Arme in die Seiten gestemmt, mit fragenden Blicken zu. Dusche und Toilette sind nebenan, ein perfekter Schlafplatz. In der Nacht wiederholt sich das San-Pedro-Spiel. Diesmal unterlegt ein Diskjockey seine Stimme mit rassiger Musik. Das geht nicht so penetrant ins Ohr wie die Schlager. Am frühen Morgen zerrt uns ein Gewirr aus barschen und weinerlichen Stimmen aus dem Schlaf. Wir hören mit traniger Aufmerksamkeit, dass sich irgendwer gegen irgendjemanden durchsetzt. Dann wird es ruhig, und eine Weile später bullern Schläge gegen das Eisentor zum Polizeihof. Wir lassen uns nicht abhalten, weiter zu schlafen. "Tschuldigung für die Störung, aber wir mussten leider ein paar schlecht erzogene Menschen einsperren", sagt einer der Beamten am Morgen, als er, nur mit Badetuch bekleidet, an unserem Frühstückskaffee vorbei zur Dusche schlendert. Als ob diese Worte weckende Wirkung hätten, hören wir wieder erboste Stimmen und Schläge. Diesmal aus einer Ecke des Hofes. Gestern hatten wir übersehen, dass sich dort eine Zelle befindet. Schwarz gestrichene Eisentür, die obere Hälfte ist mit einem Gitter verschlossen. Der Raum wäre ein nackter Würfel, wenn die Maurer nicht einen Vorsprung hochgezogen hätten, den man als hartes Bett benutzen kann. Auf einigen Zeitungsblättern sitzen zwei junge Männer, glasige Blicke und vom Saufen geschwollene Zungen. Wir haben den Kaffee noch nicht ausgetrunken, als der Bräutigam, Chef des gestrigen Festes, in die Station kommt. Er hat ein paar Scheine in der Hand und versucht, den Polizisten mit diesem Wink und guten Worten zu beschwatzen. Unser Gastgeber bleibt hart. Er will die Verriegelten nicht freilassen, weil bei der Festnahme in der Nacht irgendein Vorgesetzter anwesend war, der sich die Randalierer selbst vorknöpfen wird. "Kommt um neun Uhr wieder", sagt er den Besuchern. Wir waschen das Geschirr an der pila, die gegenüber vom Zellenausgang steht. "Hey Mister, ich bin Ingenieur", ruft der eine, als ob sein Beruf seine Situation erklären könnte. Er sieht verschwollener aus als sein Saufkumpan. Ein bisschen Wasser wollen die Jungs haben. "Was ist mit Euch passiert?", fragen wir. Der Herr Ingenieur will sich nicht erklären, vielleicht leidet er an den Folgen zeitweiligen Stromausfalls. "Naja, was halt so im Leben passiert", sagt er. "Cosas de la vida." Um sich für die Wassergabe zu revanchieren verrät er, dass wir bis zur Grenze nach Macara etwa sechs Stunden auf dem Rad sitzen werden. Auf hundert Kilometern Länge laufen die Anden in einem heißen Hügelland aus. Die Steine platzen unter der Sonnenhitze von den Berghängen, wir kommen an drei Arbeitstrupps vorbei, die den Asphalt von Schotter freiräumen. Unsere letzte Nacht in Ecuador zelten wir vor einem kleinen Bauernhof auf einem Platz, der eigentlich einer vielköpfigen Schweinefamilie gehört. Die Dreckspatzen berüsseln die Halteschnüre unseres Zeltes, beißen probeweise hinein und akzeptieren uns dann als vorübergehende Nachbarn.

                   

Die Straßenbauer haben sich durch die Berge gegraben, geteerte Schluchten. Hinter den Felsen neigt sich Ecuador seinem Nachbarn Peru zu. Das Land endet im Städtchen Macara, das sich hauptsächlich vom Reisanbau ernährt.

                   

Am Grenzübergang, einem verlorenen Örtchen, drei Kilometer außerhalb von Macara, sprechen sich die ehemals verfeindeten Nachbarstaaten auf Plakatwänden ein gegenseitiges "Willkommen" aus. Ohne Hektik stempeln die Grenzer die Pässe, sie kennen lustige Sprüche, die sie gern an uns loswerden.

         

Einen Bus hätten wir gebraucht, ein Taxi nehmen wir. Der Fahrer schnallt unsere Pakkas auf den Dachgepäckträger und saust mit durchgetretenem Gaspedal durch die Gegend nach Sullana. Dreißig Kilometer vor der Stadt zwingt ihn die Neugierde zum Halten. Ein Fahrer-Kollege hat sein Auto über den Straßenrand geschleudert. "Schlimm, zwei Reifen auf einen Schlag geplatzt, da hat man natürlich keine Kontrolle mehr über den Wagen." unser Chauffeur wendet sich von dem Wrack ab, schlägt ein Kreuz über Brust und Stirn und fährt ein wenig langsamer in die Stadt hinein. Kurzer Weg in den Bus, wir wollen heute noch nach Trujillo kommen, wenn die Räder einmal abgepackt sind, geht das in einem Aufwasch. Der Bus brummt durch die Sechura-Wüste, ein Fleck Sand zwischen Anden und Pazifik, auf dem allen Südfahrern stets eine herbe Brise ins Gesicht bläst. Kurz nach elf Uhr nachts lässt uns der Fahrer Taschen und Räder aus den Staufächern heben. Taxifahrer stehen um den Gepäckberg herum, keiner bietet uns eine Fuhre an. Sie wollen sehen, was wir vorhaben. "De donde vienen?" "Wo kommt ihr her?" Am Bürgersteig halten zwei Rennradfahrer, Helm, bunt bedruckte Radlerhemden. Ein paar Fragen hin, ein paar Fragen her, dann sagt der eine: "Ihr könnt mit mir kommen, ich habe eine casa de ciclistas!" Wir halten beim Aufpacken inne. Kerstin schaut den Mann an: "Du bist doch nicht etwa Lucho?" Er ist es, kommt soeben von einer Trainingsfahrt zurück. Wir haben seine Adresse seit Quito in der Tasche, wollten ihn jedoch so spät am Abend nicht stören, sondern die erste Nacht in einem Hotel verbringen. Lucho diskutiert über solche Sachen nicht. Wir schieben die Räder ins Haus, er und sein Freund helfen, das Gepäck ins Zimmer zu tragen, und dann hat Lucho zu erzählen. Über die Radelei. Lucho ist besessen von Fahrrädern, er möchte uns am liebsten alles über seine Leidenschaft in einem Satz mitteilen, weiß nicht recht wo er anfangen, wie weitermachen soll. Er zerrt vier Bücher hervor, vollgeschrieben und zugemalt von Besuchern, die er in den letzten 15 Jahren beherbergte. Er schlägt Fotoalben auf, wälzt Stapel mit Infoblättern um, redet und redet mit einer Energie, als wenn er alle diese Dinge nicht schon tausendmal erzählt hätte. Lucho Ramirez d'Angelo ist eine Fahrradfahrerinstitution in Peru, fast kein Radler kommt an seinem Haus vorbei, ohne mindestens eine Nacht zu bleiben. An den ersten beiden Tagen sind wir allein mit Lucho, seiner Freundin Araceli und der achtjährigen Tochter Angelina. Dann kommen Alexandra und Thijs, ein Pärchen aus Holland. In der folgenden Nacht ziehen der Däne Leo und die Kolumbianer Maria und Francisco ein. Und am nächsten Tag klingeln Steffen aus Deutschland und Samuel aus der Schweiz.

         

Wieder machen wir ein Radlercamp. Alle sind in unterschiedliche Richtungen unterwegs, kennen Tipps und Tricks, wir tauschen Informationen, begutachten Ausrüstungen, reden über Politik und Müsli. Das Haus ist wie eine Jugendherberge. Ständig klingelt es an der Haustür, Freunde der Gastgeber schneien herein, auf fünf Minuten, zum Abendessen, für eine stundenlange Diskussion und zum Verlieben. Araceli macht sich einen Spaß daraus, die Romanzen zu entdecken. Das Leben in diesem Haus ist unüberschaubar. Es funktioniert tadellos, weil seine Bewohner Radfahrer sind, Einzelgänger, Individualisten, die für die Reise dieselbe Form der Disziplin brauchen, über die man sich nicht verständigen muss, weil sie sich auf dem Sattel von allein einstellt. Wir wundern uns, wie Araceli und Lucho ein Leben ohne Privatsphäre aushalten. Der Küstenstreifen Perus ist von drei indianischen Zeitaltern geprägt. Zuerst siedelten die Moche an diesem Teil des Pazifiks. Sie bearbeiteten Ton mit einer Meisterschaft, die später keine Kultur mehr erreichte. Formten sie die Skulptur eines lachenden Menschen, ist nicht nur der Mund in die Breite gezogen. Die Fröhlichkeit wohnt in allen Falten des tönernen Gesichts. Mond- und Sonnenpyramide sind Überbleibsel der Moche-Religion. An den Innenwänden haben einige Fresken überdauert, deren Farben kräftig aussehen, wie frisch gepinselt.

         

Die verwaschenen Lehmhaufen liegen etwa zehn Kilometer außerhalb von Trujillo. Sie beeindrucken durch ihre Masse, die leicht mit den steinernen Pyramiden Ägyptens mithalten kann. Ein Jahrtausend haben die Lehmziegel fast ohne Schaden überstanden. Die Spanier, blind auf der Suche nach Gold, brachen Gänge in die Etagen. Sie zerschlugen das sechste Stockwerk der Mondpyramide, ohne fündig zu werden. Die gröbste Zerstörung richtete El Niño an. Das Unwetter weichte die Ziegel auf und ließ sie zu unförmigen Lehmhügeln schmelzen. Mit einer Sintflut hatten die Moche-Indianer in der immertrockenen Wüste nicht gerechnet.

                             

Anschließend wohnten die Chimu in der Region. Sie machten die Architektur zu ihrer Spezialität. Araceli begleitet uns zu den Ruinen der Chimu-Stadt Chan Chan. Auf der steinigen, nackten Wüstenebene stehen die Mauern von Häusern und Palästen, sie bedecken fast einen Quadratkilometer. Wir laufen durch ein Labyrinth aus Lehmquadern, dessen Zusammenhang erst von einem erhöhten Besucherturm zu überblicken ist.

                   

                      

An einigen Stellen haben Archäologen die mythischen Tiersymbole an den Mauern restauriert und konserviert. Die Esmeralda-Pyramide wirkt nach Chan Chan unspektakulär. Unserem gewachsenen Anspruch an Ruinen kommt eher der Arcoiris-Tempel nach, an dessen Wänden feine Verzierungen zu sehen sind.

                             

Die Inkas eroberten das Chimu-Gebiet um 1400 nach Christus. Die Krieger hielten sich nicht mit Handwerk auf. Aus ihrer Zeit sind um Trujillo keine bemerkenswerten Relikte zurückgeblieben. Die Inkas bastelten an ihrem Riesenreich und bewaffnete Politik hinterlässt kaum Spuren. Joel Iglesias, ein Freund von Araceli und Lucho, den sie Pantani nennen, ist trotzdem begeistert von den Inkas. Er erzählt uns von ihrer Philosophie, die seiner Meinung nach in einem Imperativ gipfelt: "Ama sua, ama kella, ama llulla." Niemals rauben, niemals töten, niemals faul sein." Wir bezweifeln, ob die Eroberer es mit den ersten beiden Geboten ernst gemeint haben. Leider verabschiedet sich Lucho während der Woche, die wir in seinem Haus verbringen, um an einem Radrennen bei Tacna, im Süden des Landes, teilzunehmen. An seiner Stelle begleitet Araceli uns ein Stück aus der Stadt hinaus. Alexandra und Thijs kommen auch mit. Wir haben von Anfang an zu den beiden Holländern ein besonders freundschaftliches Verhältnis gehabt. Sie sind ein verrücktes Radlerpaar.

         

Ihre erste Tour haben sie in China begonnen. Sie waren mit Rucksäcken in der Transsib nach Asien gefahren. Unterwegs kam ihnen die Idee, auf Fahrrädern weiterzumachen. Sie kauften billige China-Schäsen, 25 Kilo schwer und ohne Gangschaltung, Satteltaschen aus gewobenem Stoff, und trampelten damit durch den Himalaya. Araceli ist nie zuvor über die Hügel um Trujillo geradelt. Sie keucht, unter dem Sonnenhut leuchtet ihr Gesicht rot, aber sie hält tapfer durch. Auf einer Anhöhe der Wüste bleiben Alexandra, Araceli und Thijs stehen. Sie winken uns nach, bis wir uns von der nächsten Bodenwelle verschlucken lassen.