Schneebedeckte Götter treffen

22. Reisebericht vom 14. September 2002 Trujillo/Peru - Lima

         

Der Streifen Sand, mit dem Peru den Pazifik begleitet, ist ein hässliches Stück Landschaft. Zwischen die grauen Dünen haben Hühnerbarone eingeschossige Hallen gestellt, unter deren Wellblechdächer zehntausende Hennen gepfercht sind, um Eier zu legen oder Fleisch anzusetzen. Das Gackern der Fabriktiere dringt nicht bis zur Straße, wohl aber der Gestank von Hühnerkacke und den Kadavern der Vögel, die das Geschäft nicht ausgehalten haben. Sie beginnen, vermutlich eine Sandfurche weiter hinten, zu faulen, bevor Wind und Sonne sie trocknen. Ein anderer Gestank mischt sich in den der Geflügelfarmen. Der Wind treibt eine Rauchwolke auf, weht den Qualm über die Panamericana, der Geschmack von Freiluftmüllverbrennung. Die Straße zeichnet in langweiligen Wellen das Profil der Sandhaufen nach. Ihre einzige versöhnliche Geste ist der Seitenstreifen, auf dem wir bequem und stoisch entlangradeln. Doch auch er ist eine Falle. Kurz vor dem Ortseingangsschild von Chao fährt Bernd über einen vertrockneten Busch. Er hatte die Stacheln der Äste nicht gesehen, war zu gleichgültig zum Ausweichen. Aus dem hinteren Reifen zischt Luft. Einer der sonnengehärteten Dornen hat sich vom Sicherheitsband im Mantel nicht abhalten lassen. Plattfuß Nummer drei seit Kanada. Schnell, schnell, Schlauch tauschen, wir wollen noch 15 Kilometer fahren, bevor es dunkel wird.

         

Am Ortsausgangsschild eiert Bernds Vorderrad schlapp. Plattfuß Nummer vier, der Dornbusch hat beidseitig zugestochen. Die Sonne sinkt auf die Spitzen der Bergketten zu und verlängert unsere Schatten auf dem Asphalt. Die dunstige Dämmerung färbt den Sand rot, mischt bläuliche Farben hinein, das Wüstenland bekommt einen freundlichen Ton. Kurz bevor die Farben in das Grau der Nacht wechseln, sehen wir links das Häuschen der Wächter zum Eingang einer Privatstraße. Auf ihr werden wir zu den Sierras Negra und Blanca hinauffahren. Unsere erste Portion peruanischer Andenstraße soll nahe an die immerverschneiten Gipfel heranführen und über den 4.100 Meter hohen Pasco de la Fortaleza zurück an die Küste. Steffen und Sami, der Deutsche und der Schweizer, die kurz nach Trujillo vorausgefahren waren, haben ihr Zelt hinter dem Schlagbaum aufgestellt. Wir sind zum Abendessen verabredet. Die Nudeln liegen auf den Tellern, über uns geht die Milchstraße auf. Die Wüstenkälte krabbelt die Arme hinauf und die Rücken hinunter. Außer den Lastwagen und Bussen, die ihre Lichtstrahlen über den steinigen Sand zucken lassen, unterbricht nichts die Stille.

         

Wir sehen Sami und Steffen auf die Panamericana biegen, sie beugen die Rücken über ihre Rennradlenker, sind ungeduldig, Lima zu erreichen, von wo aus sie ebenfalls in die Berge wollen, das erste Stück mit der höchsten Eisenbahn der Welt. Die Schienen sind über einen 4.850 Meter hohen Pass nach Huancayo gelegt. Vor dem Aufbruch schieben wir die Räder zu den Wächtern der Straße. "Dürfen wir hier entlang in die Berge fahren?" "Kein Problem, viel Glück!" Die Straße gehört zu einem Wasserkraftwerk, 50 Kilometer weiter oben. Sie ist für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Bei Radlern macht die Firma eine Ausnahme. Einer der Wächter greift in die Tasche, zieht eine Handvoll Karamellbonbons heraus. "Nehmt, die habe ich selbst gemacht, mit Kokos!" Die Männer winken uns nach. Dann sind wir allein mit den Felsbrocken, der aufgehenden Sonne, der Lehmstraße. Sie ist planiert, gestampft, glatt wie eine Teerdecke. Das macht Spaß, wir geben Gas, sind die Herren der Wüste und freuen uns auf die Berge. Wir sehen bis jetzt nur ihre Ausläufer. Sie liegen wie ein kantiger Wall vor uns. Keine Ahnung, wie uns die Straße über ihn hinweghelfen wird. Jede Kurve verschafft neue Ausblicke auf die immer steileren Felswände. Am Dorf Tanguche stoßen wir auf das Ufer des Rio Santa, den wir bis zur Abfahrt aus den Cordilleren nicht mehr verlassen wollen. Der Luxuslehm schlängelt sich flussaufwärts, aus den ungeordneten Bergen hat sich ein Tal geformt. Wenige Bäume wurzeln auf den spröden Steinen, und wenn wir an einem vorbeikommen, ist es eine vergreiste Pflanze, die zäh ihre dünnen Ästchen, die staubgepuderten Blätter, ins Sonnenlicht reckt.

         

Das Tor zum Elektrizitätswerk steht offen. Kerstin, in Angst, das Wasser könnte uns auf den Kilometern zum nächsten Ort ausgehen, tritt ein und ist sofort in ein Gespräch mit den Arbeitern verwickelt. "Ihr könnt soviel von unserem Wasser nehmen, wie ihr wollt." Der Fluss sei vergiftet, seit eine ausländische Firma in den Bergen Gold abbaut und ihr quecksilberhaltiges und säurebelastetes Abwasser ohne Umwege ablaufen lässt. "Daraus dürft ihr auf keinen Fall trinken", sagen die Elektriker. Sie würden uns zum Mittagessen einladen, wenn sie nicht bereits gespeist hätten. "Wollt ihr duschen? Das tut euch sicher gut." Wir lehnen ab, weil noch ein Stück Staubweg auf uns wartet. Die Limonade können wir nicht ausschlagen, und als wir auf die Räder steigen, denken wir, es wäre sicher angenehm, in der Nähe dieses freundlichen Arbeitstrupps zu zelten. Fünf Kilometer später erreichen wir die Brücke, auf der ein Tor fremde Autos von der Firmenstraße aussperrt. Der Wächter geht uns auf den Bohlen über den Fluss voraus. Bevor er aufschließt, notiert er Namen und Nationalität auf einem Formular. Von der Brücke an gibt uns die öffentliche Straße einen Eindruck, wie es in den kommenden zwei Tagen weitergehen wird. Busse und Lastwagen schleifen täglich an den zwei Rillen im Weg. In diesen Gräben liegen Steinbrocken, die die Lenker in unseren Händen zappeln lassen. Wir müssen uns ununterbrochen als Pfadfinder üben. Unsere Blicke hängen ein paar Meter vor dem Vorderrad. Wir versuchen, zwischen Geröllhaufen eine Passage zu finden. Fehllenkungen bezahlen wir mit wilden Rappelanfällen der Räder, die bis auf die Knochen gehen.

         

Selten fährt ein Auto vorbei, doch immer büßen wir den Komfort der Motorisierten, atmen den wirbelnden Staub. Er legt sich in Augen, Ohren, wird in den Nasenlöchern zu Zement, raut Zunge und Gaumen auf. Chuquicara, ein Nest, liegt acht Kilometer weiter oben wie ein Siedlungsstopfen vor der ersten Engstelle des Tals. Sieben Restaurantbesitzer haben die durchreisenden Buspassagiere unter sich aufgeteilt. Kein Busfahrer hält zufällig, sondern dort, wo er seine Provision ausgehandelt hat. Ein etwa 60-jähriger Mann geht an der Straße entlang. Als er uns sieht, hebt er den Arm: "Gringo, Gringo, hola Gringo!" Bernd ist genervt genug, die Bremse zu ziehen und dicht an den Alten heranzufahren. "Woher wissen Sie, dass wir Gringos sind?" "Ach, ihr seid keine Gringos?" "Nein, sind wir nicht." "Wir hier sind gewohnt, zu allen Fremden Gringo zu sagen." "Und ich bin gewohnt, zu allen Leuten, die in den Bergen wohnen ,Serrano' zu sagen." Der Mann zuckt mit dem Kopf und schaut sich blöde um. "Ach ja, ah so." Dann geht er weiter. Das Wort "Serrano" hat Lucho uns in Trujillo beigebracht. So bezeichnen Küsten-Peruaner die Bergler. Es bedeutet "Die in der Sierra wohnen", doch die Bezeichnung kommt als Beleidigung an. Berglern wird Bildungsmangel unterstellt. Die "Gringo"-Schreie aus Mündern von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Greisen nerven. Besonders am Ende eines Tages, wenn Berg, Staub und Hitze den Humor untergraben haben, hat keiner von uns beiden Lust, gute Miene zum bösen Wort zu machen. Wir verstehen die Ungezogenheit nicht. Schön, sie haben auf einen Blick erkannt, dass wir Ausländer sind. Gut so. Warum müssen sie das in die Welt schreien? Mit einem Wort, das keineswegs immer freundlich gemeint ist? Man mag in Lateinamerika die Gringos, die US-Amerikaner, nicht besonders. Das hat historische Gründe. Doch wir sind, auch wenn unsere Haut heller ist, als in Peru üblich, keineswegs Bürger der USA. Das interessiert außer uns leider niemanden. Sie stehen an der Straße und schreien "Gringo, Gringo". Aus ihren Stimmen hören wir den Ärger, mit dem sie sich abends im Dorf über den Kolonialismus grämen, mit dem die USA Lateinamerika knebeln. Wir bedauern diese Politik ebenfalls, aber wir sind keine Gringos und werden niemals welche sein. Sieben Restaurants, abgestoßene Fassaden, blinde Fenster, Menütafeln vor der Tür, auf denen in unterschiedlich gelenkiger Kreideschrift dieselben Gerichte zu denselben Preisen angeboten werden. Hühnersuppe, Reis mit Huhn, Reis mit Schwein, Reis mit Kotelett, man kann alles auf Reis legen, wenn man Reis hat, und den hat in Peru jeder. Wir haben keine Wahl, weil sie einen Unterschied erfordern würde. Wir halten an der breitesten Tür, durch die wir unsere Fahrräder bequem neben den Tisch in die Speisehalle schieben können. Der Besitzer reibt den Handrücken über seine grauen Bartstoppeln. "Zwei Menüs, Reis mit Huhn? Gut, kommt sofort." Er schreit die Bestellung durch die Luke, hinter der seine füllige Frau in Aluminiumbottischen, groß wie Kinderbadewannen, rührt. Zwanzig, dreißig Tische stehen leer, an jedem vier Stühle, wir sind die einzigen Gäste. Der Besitzer hat Zeit, sich uns zu nähern. "Wo kommt ihr her?" "Wohin fahrt ihr?" Die Eingangszeremonie, dann erzählt er selbst. Präsident Alejandro Toledo Manrique stammt aus einem Nachbardorf, der Wirt kennt die Familie. Sie waren immer arm, die Toledos, so wie alle Familien in den Bergdörfern. "Heute sind sie bescheiden, sehr demütig", sagt der Wirt. Ein Motor brummt die Straße hinunter. Der Restaurantbesitzer streckt seinen Oberkörper aus der Tür. "Der Bus kommt!", schreit er seinen Töchtern zu und der Gattin. Seine Mannschaft stellt sich an den Töpfen auf, hantiert hastig mit Kellen, Tellern und Gläsern. Zwischen den kleinwüchsigen Mestizen steigt auch ein riesiger Schwarzer aus. Seine Oberarmuskeln beulen die Ärmel des Baseball-Shirts. Noch bevor die Reisenden im Restaurant sind, sagt ein älterer Mann wohl etwas Beleidigendes zu dem Schwarzen. Der Riese schlägt zu und treibt den Hetzer über die Straße. Die Passagiere vergessen ihre durchgeschüttelten leeren Mägen und machen einen Zuschauerkreis. Der Wirt fürchtet ums Geschäft. "Pasen adelante, adelante, Kommen Sie herein, vorwärts zum Futter", er wedelt mit den Armen. Dann rennt er zwischen den Stühlen, Teller in beiden Händen, bekleckert den Betonboden mit Suppe. Das Geldbündel in seiner Gürteltasche wächst. Situation gerettet, wirtschaftsmäßig. Als der Bus abgefertigt und gefahren ist, hat er uns wieder allein. "Neger sind eigentlich keine Menschen, sie sind Sklaven, wie sie es waren, wie sie es immer bleiben werden. Glücklicherweise leben nur wenige von ihnen in Peru", sagt der Wirt. Seine Töchter, Isabell und Sandra, fett und unterbelichtet, nuckeln an roter Gelatina, sie assistieren ihrem Rassistenvater. Sie nicken, zu dumm und faul, ein Wort zu reden. Am Morgen fahren wir an der Kontrollstation der Nationalpolizei vorbei. Keiner der Herren interessiert sich für uns. Wind im Rücken, Berge an beiden Seiten, wir treten über den Holperweg. Die Steigung scheint uns nicht gar so steil. Links unter uns rauscht das Dreckwasser des Rio Santa.

                             

Das erste Tunnelloch sperrt sich vor uns auf. Es ist dunkel im grob ausgebrochenen Felsen. Die Straßenbauer Perus legen keinen Wert auf doppelte Fahrröhre, Abgasausleitung und Fluchtwege. Doch dann sehen wir dass es Fluchtwege aus den Tunnels gibt. Man hat Fenster in die Steinwand geschlagen. Wer mit dem Tunnel unzufrieden ist, darf in den Fluss springen, fünf bis zehn oder zwanzig Meter Fallhöhe in zwanzig Zentimeter tiefes Wasser. Wir fahren im Sonnenlicht, die Steine verstärken die Wärme, wir wechseln in den Schatten überhängender Felsbäuche. Da hängt lockerer Stein, als ob er mit der Gravitation nichts zu tun hätte. Die Styroporhelme kommen uns lächerlich vor, gegen einen fallenden Zentner würden weder sie schützen, noch unsere verkrampfte Haltung, mit der wir die Köpfe so tief wie möglich zwischen die Schultern ziehen. Wir sind diesen Bergen ausgeliefert, und versuchen unsere Schädel vor der Gefahr zu verstecken, lächerliche Radelwürstchen in einer gewaltig aufgerissenen Landschaft.

         

Die Strasse ist ein schlecht geebnetes Felsenband, auf dem Geröll in unregelmäßigen Haufen liegt. Wir versuchen, Fahrräder und Knochen zu schonen, doch sie rütteln aufgebracht vorwärts. Das beginnt nach zwei Stunden ziemlich zu schmerzen. Aus den Gelenkspalten an Händen und Knien zieht ein Stechen. Bernd leidet stärker als Kerstin. Sie ist begeistert von der Piste und lässt ihre Bedenken mit jedem Kurbeltritt weiter zurück, unten an der Küstenstraße, deren Asphalt ihr wie eine unerlaubte Bequemlichkeit vorzukommen beginnt.

         

Unsere Augen lassen sich von dem Schotter, den Ruckelsteinen ablenken. Sie suchen die Bergflanken nach immer neuen Farbmustern ab. Sandsteinrot dominiert, gelbe Schichten liegen dazwischen, wir sehen blaue und grüne Verwaschungen. Die Schlucht wirkt wie frisch gegraben, die Farben strahlen, als wenn die Sonne sie niemals bleichen könnte. Darüber zieht ein wahnsinnsblauer Himnmel den Blick ins Unendliche, gegen seine Transparenz wirken die Felsen noch plastischer, der Schattenwurf vertieft das Relief der Berge. Wir radeln im Stein, eingehüllt von seiner harten, unverletzlichen Schönheit. Hier und da plätschert ein Wasserfall über den Rand der Schlucht, das Wasser fällt in Kaskaden zur Straße hinunter und rinnt unter ihr hindurch in den Fluss.

                             

Das Santa-Tal weitet sich, genug Platz für eine Siedlung aus blassbraunen Lehmhäusern. Bäume werfen dünne Schatten, unter ihnen knabbern Ziegen an unverdrossen sprießenden Halmen. Die Bauern sitzen bei ihrem Vieh, halten die Hände im Schoß. Zur Zeit ist nirgendwo etwas zu bestellen, Dürremonate. Die Arbeit wird mit dem Regen kommen, den sie in den letzten Tagen des September erwarten. Dann wird auch der Fluss einen kleinen Gewinn bringen. Aus irgendeinem Hügel wäscht das steigende Wasser Goldkrümel. Die Nachbarn stellen sich nebeneinander ans Ufer, lassen Pfannen kreisen, waschen den Sand, bis ihnen ein paar glitzernde Kleinteile übrig bleiben. Geologen haben versucht, auch dieses Reservoir zu finden, bisher vergeblich.

         

Am Nachmittag beginnen die Beine, schwerer zu werden. Der Rütteltakt nimmt den Muskeln die Kraft, und vom Fluss aus sehen wir, dass Yuramarca, der Zielort, zwar nicht weit entfernt, aber mindestens 200 Meter über uns liegt. Die Sonne sinkt schneller, als wir vorwärts kommen, eine Stunde brauchen wir für die letzten fünf Kilometer, zum Schluss schieben wir über die bucklige Dorfstraße nach Yuramarca hinein. In der "Casa de Salud" lässt der Arzt nicht zu, dass wir das Zelt auf den umzäunten Hof stellen. Er öffnet die Tür zum Schulungsraum. "Ist das okay?" Durch das Geburtszimmer erreichen wir Bad und Dusche, wo wir aus einem Eimer kaltes Wasser auf unsere wehen Körper plätschern lassen. "Wir haben in der Nacht eine Geburt gehabt, Mutter und Kind sind gesund", erzählt die Krankenschwester. Viele der Frauen im Tal gebären nicht zu Hause, sondern vertrauen sich der professionellen Hilfe an. Die besteht in dem abstellraumgroßen Zimmerchen mit graugrün gestrichenen Wänden, aus einer fleckigen Plastikpolsterliege, einem Brutschränkchen, dessen Kabel keinen Stecker hat, ein paar Colaflaschen mit Desinfektionslösung und einer Reihe glänzender Spekula, die in einem Dampfapparat sterilisiert werden. Wir sind weit von Münchens Universitäts-Medizin entfernt. Nachbarsjunge Yordi drückt sich durch das Gittertor, um uns beim Kochen zuzuschauen. Er hat noch nie gesehen, wie jemand einen Campingkocher aufbaut und anzündet. Die Neugierde lässt seine Hände nicht ruhen, er fasst alle greifbaren Teile der Ausrüstung an. "Was ist das?" "Und was ist das?" Yordi ist aufgeregt. Seine Mutter ruft ihn, er bleibt bei uns, und bald stehen sämtliche Erwachsenen aus dem Nachbarhaus hinter der Mauer, strecken ihre Köpfe und lachen über die Kapriolen des Dreijährigen und unsere ausfransende Geduld. "Yordi, hör zu. Du darfst mit den Augen schauen, aber nicht mit den Händen. Bitte fass nichts an." Yordi schaut uns an, spielt mit dem scharfen Dolch, der die Tomaten und sicher auch seine Finger wunderbar leicht schneidet. Seine Schwester Gemela, ein angeschmutztes Püppchen mit schwarzem Schopf und glitzernden Braunaugen steht dabei und freut sich über das Kirschbonbon, das Kerstin in einer Tasche gefunden hat. Wir essen einen Brei aus Reis, Kartoffeln, Tomaten und Knoblauch. Schmeckt gar nicht schlecht. Das findet auch der Hund des Hauses, der sein Maul tief in den Topf steckt. Von diesem Vieh lassen wir uns den Appetit nicht verderben und wärmen die Reste für das Frühstück. Kerstin findet, es sei nicht normal, dass Bernds Knie fünf Minuten nach Beginn der Tagesetappe zu drücken beginnt, sich der Druck über den Tag zu einem stechenden Schmerz steigert und so stark wird, dass er sein Bein kaum noch über den Sattel schwingen kann. Sie plädiert für einen Ruhetag, nur 14 Kilometer soll er lang sein, bis Huallanca. Ein paar Stunden mehr Ruhe seien angebracht, sagt die Krankenschwester. Bernd setzt sich durch, wir fahren nach Caraz, die volle Etappe über 57 Kilometer, weil dort von Anfang an eine mindestens zweitägige Pause geplant war. Huallanca ist ein trügerischer Ort. An den ersten Häusern löst eine betonierte Hauptstraße den Pistenstaub ab. Wir hoffen, schließlich entwickelt sich auch im peruanischen Straßenbau manches schnell, das könnte der Beginn der durchgehenden Teerdecke sein. Eine Frau, sie sitzt neben uns auf der Bank vor einem Geschäft, beerdigt unsere Träume. "Hinter dem Ort müsst Ihr weit hinauf fahren, das ist ein sehr hässliches Stück, Ihr Armen. Natürlich gibts dort keinen Asphalt. Die Strasse ist sehr schlecht, sie wird erst hinter dem Canyon del Pato besser."

         

Gut ist, man kennt seinen Feind. Unter der Mittagssonne radeln wir los und finden die fünf Schleifen, die zum ersten der 38 Tunnel im Canyon raufziehen, gar nicht so schlimm. Die Straße streckt sich, läuft bergauf durch den Schlitz, den die Sierra Blanca und die Sierra Negra zwischen sich freilassen.

         

Alles, was wir vorher an diesen Bergen bewundert haben, wird auf diesen 20 Kilometern zum Dauerkitzel. Die Bergzüge küssen einander, an einer Stelle stehen sich ihre Wände im Abstand von einem Meter gegenüber. Die Arbeiter haben den Weg in die Flanke der schwarzen Cordillera gestemmt und wenn nötig als Loch durch den Stein gebohrt. Die Tunnel sind mit roter Sprühfarbe numeriert, wir können mitlesen, wie lange das Felsspektakel noch dauern wird. Zur Pause sitzen wir, Kopf in den Nacken gelegt, schauen an hunderten Metern gewachsener Mauer vorbei zum Himmelsstreifen, der in den Spalt leuchtet. Wir fahren nicht auf der Erde sondern durch sie, sind ihrem Inneren näher als der Oberfläche, fühlen uns von den starken Steinen beschützt. Das ist Radeln im Embryonalzustand. Vor dem letzten Tunnel hat uns die Freiheit erwachsener Verkehrsteilnehmer wieder. Wir sind auf den Teer gehoppelt, ab jetzt gelten die Verkehrsregeln Perus, wir müssen wieder nachdenken statt nur zu fühlen, denn unerklärlicherweise fahren hier mehr Autos. Es ist, als wenn sie aus dem synthetischen Straßenbelag wachsen würden. Die ersten Kilometer auf dieser Strecke, die kein Hindernis mehr zulässt, fliegen vorbei, die Räder scheinen sich selbst zu treten. Wir, Zivilisationsverwöhnte, lassen uns von der einfachen, platten Welt innerhalb von zwei Stunden einwickeln und schnaufen den letzten Anstieg vor Caraz hinauf, als wenn nie ein Steinchen den Lauf der Räder gehemmt hätte, wir uns nie mehr als notwendig angestrengt hätten.

         

Der Portier des Krankenhauses in Caraz ruft den Arzt zu Hilfe, der ihm die Entscheidung, wo wir unterzubringen seien, nicht abnehmen will. Der Mann zeigt ratlos auf eine Pförtnerkabine gegenüber vom Fenster der Apotheke. Bernd hat Mühe, ihn von der Idee abzubringen. Als nächstes fällt dem Mann der Gang vor der pädiatrischen Ambulanz ein. "Ihr müsstet allerdings um sieben Uhr morgens verschwunden sein." Bernd schaut sehnsüchtig aus dem Fenster auf einen Spielplatz, wo zwischen Klettergerüst und Gartenmauer ein Rasenstückchen der ideale Zeltplatz wäre. "Ihr wollt wirklich draußen schlafen? Nachts ist es sehr kalt." Fein, der Mann hat also nichts dagegen, sondern Sorge um unsere Gesundheit. Mit flinker Zunge zählt Bernd auf, wie wir uns gegen zudringliche Nächte schützen: "Zelt, Schlafsack, Innenschlafsack, zur Not lange Hosen. Uns wird bestimmt nicht kalt sein, keine Sorge, wir sind ans Zelten gewöhnt!" Nach Mitternacht beginnt Bernds Bauch zu rumoren. Fühlt sich nach Durchfall an, dieser Magen. Wir werden von Geschrei, Kinderstimmen, Trampeln geweckt. Die Morgensonne hat das Zelt aufgeheizt, die Schlafsäcke sind klebrig und feucht. Bernds Magen hat sich nicht beruhigt. Kerstin beschließt, die Krankheit lässt sich nicht im Krankenhaus sondern viel besser im Hotel kurieren. Wir packen. Zwischendurch muss Bernd auf die Toilette rennen. Kerstin mimt die Erklärungstante, hat zwanzig Kinder um sich versammelt und übt Geduld. "Ja, das ist ein Zelt, dies ist ein Schlafsack. Wir brauchen das alles, weil wir mit dem Fahrrad unterwegs sind. Deutschland liegt nicht in den USA. Wir sind verheiratet. Nein, Kinder haben wir nicht, erst nach der Reise. Ja, viele Frauen in Deutschland haben blonde Haare und blaue Augen, das ist bei uns so normal, wie bei Euch schwarze Haare und braune Augen. Ich heiße Christina, und wie heißt Du?" Kleine Hände probieren die Bremsen, drücken an der Gangschaltung herum, betasten den Dynamo, in vierzig Augen schimmern tausend Fragen. Endlich hängt das Zeug an den Gepäckträgern. Wir schieben um das Krankenhaus herum auf der Suche nach einem breiteren Ausgang. Vor der letzten Tür muss Bernd das Rad abstellen, er drückt die Hände vor den Mund, läuft zurück in den Garten, kniet auf den Rasen und kotzt im Schwall. Zwei Kinder haben uns begleitet, sie schauen zu und fragen dann: "Was machst Du da?" "Ich musste erbrechen." Die Jungs begleiten Bernd zum Wasserhahn, bestaunen einen käsegesichtigen Radler, der seinen Mund ausspült und stellen zum Glück keine Frage mehr.

         

Caraz, ein Städchen, das vom Tourismus angesteckt ist, aber nicht so stark, dass es seinen Charakter verloren hätte. Um den Hauptplatz haben sich einige Agenturen eingerichtet, die den Fremden Wandertouren zu den Gipfeln der weißen Berge einreden. Einer der Nevados ragt über die näheren Hügel hinaus, scheint über der Kirche zu stehen.

         

Im Ort streichen politische Maler die Hausfassaden frisch. Caraz, wie alle anderen Kommunen Perus, wird von viel zu vielen Bürgermeisterkandidaten für die Wahlen im November gerüstet. Als wenn die Aspiranten fürchteten, die Wähler könnten in der Vielfalt den Überblick verlieren, lassen sie neben ihre Namen die Listenzahl schreiben und daneben die Forderung "Vota asi". "Wähle so", empfehlen Kandidat eins bis achzehn, derselbe Slogan für denselben Drang zum Chefsessel, wir finden allenfalls noch ein schüchternes "Menos palabras, mas obras" "Weniger Gerede, mehr Handeln".

         

Unsere Perspektive hat ihre Nähe zu Europa verloren. Wir sehen Viertausender als Halbwüchsige an, weil dahinter die Sechstausender ihre Köpfe gegen den Himmel strecken und wir bei 2.300 Metern auf dem Boden des Tals laufen. Wir gehen über den Markt, auf dem zwar einige Souvenirstände aufgebaut sind, dessen Händler ihr Geld jedoch mit den täglichen Bedürfnissen der Einheimischen verdienen. Eine Frau hockt hinter einer Kartoffelpyramide. Während sie auf den nächsten Kunden wartet, zwurbeln ihre Hände Schafwolle auf einer Spindel zu Garn. Als Kerstin fragt, ob wir fotografieren dürfen, reibt sie Daumen und Zeigefinger gegeneinander: "Wenn Ihr Geld habt." Mit ihren Kolleginnen gackert sie uns hinterher.

                   

Wir machen einen Ausflug zum Portachuco-Pass, dessen Zufahrt an Perus höchstem Berg, dem Huascarán und an der Laguna Llanganuco vorbeiführt. Um die fünfzig Kilometer von der Teerstraße mit dem Fahrrad hinaufzufahren, müssten wir mindestens zwei Tage hart arbeiten. Wir nehmen den einfachen Weg. Um sieben Uhr morgens bindet ein Gepäckmann unsere Räder auf einen VW-Bus. Wir fahren nach Yungay und steigen dort in einen anderen Bus um, die Verbindung über die Passhöhe ins nächste Tal. Die Löcher in der Straße misshandeln die Busfedern, die Reifen bollern gegen die Karosserie und wir stoßen mit den Köpfen gegen das Busdach. Eine Indianerin, sie sitzt mit dem Rücken zum Fahrer scheint krank zu sein. Ihr Gesicht wird mit jedem Kilometer der groben Piste grauer. Das beeindruckt weder sie selbst noch die Mitfahrenden. Bevor die Straße ins nächste Tal absteigt, durchbricht sie die Felsen in einer künstlichen Schlucht. Der Fahrer bindet unsere Pakkas los und wider Erwarten haben sie die Huckepackfahrt heil überstanden. Wir packen uns ein, Jacken gegen den eisigen Wind, Sonnencreme auf die Nasen, stülpen Helme über, eine hilflose Versicherung gegen den Schädelbruch.

         

Wir stehen auf 4.750 Metern, auf Hüfthöhe der weißen Anden. Von hier aus müssten wir drei Tage lang klettern, zuerst im Felsen, danach in Schnee und Eis, bis wir einen der Gipfel anfassen könnten. Die zwei Massive des Huascarán ruhen in unberührbarer Majestät. Getrieben vom Wind schleichen sich Wolkenfetzen an die Flanken, streicheln den Berg, kriechen in seine Spalten, umschmeicheln die Konturen und ziehen weiter, zum nächsten Nevado.

         

"Du sollst Dir kein Bild machen", hat der Gott der Juden befohlen. Die schlichteren Christen stellen sich einen gütigen Greis mit Bart vor, aus dem der Zorn sprechen kann. Die Inkas schauten ihre Heimat an und erkannten, dass jede der schneebedeckten Spitzen ein Gott ist. Ein unnahbares Stück der Landschaft, von der die Menschen ein Teil sind. Die Berge sind in uns und unberührbar.

         

Unter uns liegt eine Schotterschlange. In engen Kurven ist sie um haushohe Felsbrocken planiert. Wir stottern in Laufgeschwindigkeit über die Piste, trauen uns nicht, die Bremsen loszulassen. Einen halben Kilometer fahren, anhalten, versuchen, den Ausblick einzuatmen.

         

Die Augen lassen sich ins Tal fallen, und huschen leicht an den Wänden hinauf. Die Ohren lauschen der Stille und dem Spiel der Windböen mit Felskanten und Büschen. Auf der Zunge liegt der dünne Geschmack der Luft. Die Nase schnuppert an Miniblumen. Die Haut zieht sich zusamnmen im Wasser des Baches, der aus den Gletschern sprudelt.

         

Kurz bevor wir die Laguna erreichen, halten wir an den Mauerresten eines steinernen Dorfes. Die Grundrisse der Häuser stehen knöchelhoch zwischen den harten Büscheln der Bergwiese. Ein Team japanischer und peruanischer Archäologen pinselt und kratzt in grabähnlichen, exakt rechtwinklig ausgebuddelten Löchern.

         

Die Grabungsleiterin, eine Japanerin mit Sonnenhut und grüner Anglerweste, sagt, sie hätten bis jetzt keine Knochen gefunden, statt dessen Tonscherben. Seit zwei Monaten versucht sie, das Geheimnis des Dorfes zu heben. Bislang glauben die Forscher, dass die Erbauer lange vor den Inkas hier wohnten. Die Hand voll Scherben wird die Wissenschaftler monatelang im Labor beschäftigen.

                             

Wir biegen um eine Kurve und sehen die Laguna Llanganuco liegen, eingekesselt von den Ausläufern des Huascarán und namenlosen Hügeln. Sie ist ein Auge der Erde, aus einem so türkisen Blau, als würde an ihrem Boden eine Sonne leuchten, als wäre ein Stück vom Himmel ins Wasser gefallen. Wir pausieren in der Nähe eines Parkplatzes, an dem Busreisende für einen Zweistundenaufenthalt von den Sitzen gelassen werden. Sie finden uns fast genauso attraktiv wie den See und bitten zu Gruppenfotos, sie selbst, wir und die Fahrräder. Autogramme verlangen sie ebenfalls.

         

Durch Dörfer fällt die Piste ins Tal, Kühe und Schafe knabbern an grasigen Hangkanten, Hunde versuchen Selbstmord unter unseren Reifen, Kinder schreien aus Verstecken ihr Lieblingswort: "Gringo, Gringo!" Bis Huaraz, dem Basislager der fleece- und membranverpackten Bergsteigertouristen, fahren wir auf der langweiligen Carretera de Sierra. Die Eisgipfel sind zu weit entfernt, um uns zu beeindrucken. Wir kommen zwischen den Häusern am Stadtrand an, als es zu regnen beginnt. Zwischen den Tropfen fallen auch Eiskügelchen vom Himmel. Sie zwirbeln auf unseren Händen, die Finger werden taub und wir schieben die Räder unter das Vordach, der ersten Kirche, an der wir vorbeikommen. Der Mann hinter dem Schreibtisch im Pfarrsekretariat lächelt, als Bernd um Odach bittet. "Wir haben leider nicht genug Platz, aber fahrt doch die Straße runter, zwei Blocks weiter, dann nach rechts. Dort findet Ihr die Schule der Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu, die nehmen Euch auf." Die Sekretärin bittet um einen Moment Geduld, Madre Directora werde in ein paar Minuten Zeit haben. Dann kommt eine Nonne auf Bernd zu, ein strenges Gesicht, das wohl auch lieb sein kann. Sie trägt eine graue Kutte, die Haare unter einer Haube verborgen und die siebzigjährigen Schultern sanft gebeugt. "Ich bin Schwester Maria!" Sie möchte wissen, warum wir den Wunsch haben und hört Bernds Erklärungen zu, erlaubt sich keine Geste der Ablehnung oder Zustimmung. Die Tür öffnet sich, Madre Gina tritt ein. Die lustige, etwa 45-jährige Peruanerin mit kurzen Locken und ohne Tracht möchte ebenfalls wissen, was zwei Radler in die Schule bewegt hat. Bernd erzählt dieselbe Geschichte noch mal, versucht, in die spanischen Sätze ein unaufdringliches Drängen, den Charme der Überredung zu legen. Die Nonnen schauen sich an. Sie sind unentschlossen. "Ihr habt Matratzen und Schlafsäcke dabei?", fragt Madre Gina. Dann geht sie mit Maria in einem Dialog, der aus wenigen Worten, vielem Kopfnicken, Schütteln und Augenzwinkern besteht, die Räume des Schulhauses durch. "Das Appartement?", fragt Gina. Maria deutet ein nonnenmäßig zurückhaltendes "Warum nicht?" an. Sie haben sich entschlossen. "Lass uns die Räder holen", sagt Gina und begrüßt vor der Tür eine nassgeregnete Kerstin mit Wangenkuss. "Kommt schnell, Ihr seid ja total nass, ich mache Euch einen Mate de Coca." Sie setzt uns in das Speisezimmer und eilt in die Küche. Wir müssen Brot mit Marmelade essen, von der Radelei berichten. Was wir über Peru denken, möchte Gina wissen. Nach anderthalb Stunden fällt ihr ein: "Oh, vieleicht wollt Ihr gern duschen?" Und sie führt uns in das Appartement. Es liegt neben Klassenzimmern, ein Raum mit zwei Betten und Kreuz an der Wand, Badezimmer. "Das ist der Schlüssel, hier findet Ihr mehr Decken, falls Euch in der Nacht kalt werden sollte. Willkommen, fühlt Euch daheim." Um viertel vor acht am Morgen stehen wir an der Treppenbrüstung und schauen den Schülerinnen und Schülern zu, wie sie eilig ihre zweirädrigen Schulkoffer über den Bürgersteig holpern lassen. Pünktlich schließt ein Lehrer, ebenfalls uniformiert, das Tor zum Schulhof und empfängt die unglücklich zu spät Gekommenen mit strengem Blick und aufgeschlagenem Notizblock. Während er die Namen der Spätaufsteher notiert, tönt von drinnen das Morgengebet und dann ein Lied. Die Schule der Schwestern vom Heiligen Herzen Jesu genießt seit 40 Jahren die Begeisterung der Eltern. 1.500 Kinder werden in dem dreistöckigen Bau unterrichtet. Den traditionsliebenden Peruanern gefällt die milde Strenge, mit der die Lehrerinnen und Lehrer die Regeln des Lebens vermitteln. Wie überall in Lateinamerika ist man überzeugt, dass allzuviel Freiheit der Feind der Erziehung ist. Schwester Gina hat Mühe, alle Anmeldungen zu akzeptieren, ein Erweiterungsbau, sagt sie, wäre nötig. Derweil unterrichtet man die Kinder in zwei Schichten, am Morgen und am Nachmittag, die Klassenzimmer leeren sich erst am Abend. "Wollt Ihr nicht noch einen Tag bleiben?", fragt Madre Gina. Sie lässt uns gar nicht gern gehen. "Wenn Ihr jemals wieder nach Huaraz kommt, denkt daran, dass Ihr hier ein Zuhause habt", sagt sie.

         

Die Carretera durchschneidet die Stadt, deren Einwohner hektisch dem Geschäft mit den fremden Bergsteigern nacheilen. Huaraz ist das kommerzielle Zentrum der Sierras und entsprechend abgenutzt. Wir radeln zügig hindurch, entdecken nicht einen schönen Fleck, der uns zum Absteigen bewegt hätte.

         

Ohne Übergang fängt das Land an. Neben dem Rio Santa beackern Bauernfamilien ihre Felder, zerren Ochsengespanne den einzinkigen Holzpflug durch die steingesprenkelte Erde. Am Straßenrand kniet ein Junge auf Plastikfolie und scharrt mit beiden Händen in safrangelben Weizenkörnern. "Vier Stunden muss das Getreide trocknen. Wir machen daraus Suppe", sagt er.

         

Wir fahren an "Gringo"-Rufen vorbei, wollen uns die Laune nicht verderben lassen. "Die Leute müssten längst an Touristen gewöhnt sein, weil jeder, der nach Huaraz fährt, an diesen Dörfern vorbei kommt", sagt Bernd. "Wahrscheinlich sind Busreisende unsichtbar, solange sie hinter den Fenstern sitzen. Sie werden erst zu Personen, sobald sie aus dem Bus geklettert sind", vermutet Kerstin. Hinter Catac beginnt eigenartiges Grünland. Wir nähern uns den 4.000 Höhenmetern, haben die scharfnasigen Felsvorsprünge zurückgelassen. Weiche, blondgrüne Hügel schwingen kilometerweit, sie enden zu Füßen der letzten Riesen der Sierra Blanca. Der Rio Santa ist schmaler geworden, sein grobsteiniges Bett wirkt zehn Nummern zu weit für das gluckernde Rinnsal, dessen Wasser noch klar sein darf. Pachacoto ist zu klein, um Dorf heißen zu dürfen. Ein paar Lehmhäuser sind um ein Straßen-T versammelt. Hier zweigt die Piste ab, auf der man weitere 1.000 Meter in die Sierra aufsteigen kann, um nach Huallanca zu kommen, 650 Kilometer entfernt, in der Mitte der großen Andenkette. Ein paar Kinder spielen auf dem Kiesplatz eines Restaurants, an dessen Wand wir in sauber gepinselter Lackschrift lesen können, dass fritierte Forelle heute, morgen und in den nächsten Jahren das Hauptgericht Nummer eins bleiben wird.

                   

Kerstin begeistert die Kleinen, indem sie einen Fahrradhelm losbindet und ihn probeweise auf einen der Kinderköpfe setzt. Sie lachen, lassen sich den Dynamo erklären und zeigen dann auf den Regenbogen, der sich vor der heranziehenden Gewitterfront über die Hügel gespannt hat. Das Licht der Sonne ist in ein bedrohliches Glänzen verwandelt, wir treten hastig in die Pedalen und werden trotzdem vom Regen erwischt, bevor wir die fünf Kilometer entfernte Mautstation erreichen. Aus einem Streifenwagen der Nationalpolizei, er parkt hier zum Zeichen, dass zahlungsunwillige Autofahrer nicht unbestraft davonfahren werden, lädt uns ein uniformierter Arm mit freundlichem Winken ein, unter dem Dach der Mautverwaltung Schutz zu suchen. "Dürfen wir bei Ihnen zelten?" Der Verwalter schüttelt den Kopf. "Besser, Ihr breitet Eure Matten in unserem Vorraum aus, hier oben wird es nachts sehr kalt." Er ist redselig, vertreibt sich die Langeweile seines Jobs mit Fragen und unseren Erzählungen. Sein schweigsamer Kollege verbringt den Abend im Schlafzimmer. Während wir in der Küche unseren Kocher anwerfen, kommt einer der Polizisten ins Haus. Auch er findet es interessanter, sich mit Radlern zu unterhalten, als still hinter dem Lenkrad zu sitzen und auf die nasse Straße zu starren. Er hat die schwarze Wollmütze tief in die Stirn gezogen, die schusssichere Weste spannt über seiner Brust. "Brr, ist das eine Kälte!" Rodrigo arbeitet seit 18 Jahren als Polizist, vor zwölf Jahren hat er sich für den Einsatz auf der Carretera ausbilden lassen. Er erzählt: "Eben ist ein Funkspruch durchgekommen, zwei Spaziergänger sind in den Hügeln vom Blitz getroffen worden." Ein paar Minuten später fährt eine Ambulanz ohne Halt an der Mautstelle vorbei. "Gefällt Ihnen die Polizeiarbeit?" "Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Manchmal leben wir ein bisschen gefährlich, wenn Banditen auf uns schießen, aber das ist ein Teil der Spannung, deshalb bin ich Polizist geworden." Peruanische Carretera-Polizisten arbeiten in Schichten. Ohne Unterbrechung müssen sie vier Tage im Streifenwagen ausharren. "Danach haben wir drei Tage frei, das gefällt mir." Rodrigo mag es auch, dass sein Dienstausweis ihm kostenlosen Eintritt zu allen Fußballspielen verschafft, egal ob er uniformiert oder in Zivil an der Kasse erscheint. Er hadert mit dem Lohn. "600 Soles, das sind nichtmal 200 Dollar monatlich, das ist viel zu wenig." Egal, wieviele Jahre Rodrigo noch arbeiten wird, an dem Lohn wird sich nichts ändern. "Das Leben als Polizist ist wunderbar", sagt Rodrigo. Er hat einen Sohn und eine Tochter. "Mein Sohn will auch Polizist werden. Ich habe nichts dagegen." Später fährt die Streife zum Abendessen nach Catac. Als Rodrigo zurückommt, hat er ein Beutelchen Mais dabei. Er gießt Öl in einen Topf und brutzelt einen Korb voll Popcorn. "Greift zu, lasst es Euch schmecken, ich mag die Palomitas am liebsten mit Salz." Wir sitzen um den Tisch, vergleichen unsere Heimatländer. Draußen fegt der Nachtwind, der Verkehr ist dünn geworden. Die Straßenbauer haben einen sanften Weg durch die Hochebene zur Laguna Conococha gesucht. Über die Mauer einer steingezäunten Weide streckt eine Herde Alpaca die Köpfe auf langen Hälsen zu uns herunter. Noch ein paar Kilometer, dann liegt der See unter uns, eine weitere Kurve, die Abfahrt beginnt.

                             

"Helme aufsetzen", befiehlt Kerstin. Wir rasen auf der Asphaltschlange entlang, vor uns türmen sich wieder Felswände, wir schnurren ohne Trampelsorgen, die Straße muss auf 128 Kilometern mehr als 4.000 Höhenmeter lassen. Die solide wirkenden Berge weichen zurück, lassen uns in die nächste Talsenke rollen, wir schauen in Schluchten, tief unter uns sehen wir einen geschwungenen grauen Strich. Dahin gehts, runter, runter. Das sind verdiente Überraschungen. Wir fahren an diesem Tag weiter, als geplant, ziehen das Vergnügen in die Länge, Lastwagen überholen zu können, uns kräftig in die Kurven zu legen. In Chusquitambo, zwischen Bergen, die wie schuppige Echsen herumliegen, weist ein junger Capitan uns den leeren Speisesaal der Polizeiwache als Nachtquartier zu. Ein Beamter schreibt die Daten der Reisepässe ab. "Wenn Euch auf dem Weg nach Lima etwas passiert, können wir nachvollziehen, wann Ihr bei uns durchgekommen seid."

         

Zehn Kilometer vor der Panamericana weitet sich das Staubtal, Kanäle ziehen das Wasser des Rio Fortaleza in die Breite. Wir sind von Zuckerrohr umgeben. Das Grün glänzt, als würden Arbeiter täglich die schlanken Blattbüschel polieren. Trotzdem fehlt den Feldern das Leben. Sie haben das Tal mit Pflanzenvernichtungsmitteln vergewaltigt. Wo Zuckerrohr sich lohnen soll, darf nichts anderes wachsen. Die Küstenwüste schluckt uns.

                             

Der Sand rahmt die Straße, auf der sich der Verkehr Richtung Lima bündelt. Zwei Tage lang lassen wir uns von der Ödnis zwingen, das Radeln wieder als Arbeit zu begreifen. Nur selten gewinnt der Sandstreifen Majestät. Wenn er seine Hügel verliert, noch leerer wird, als er sowieso ist, und uns Sahara-Illusionen vermittelt.

         

In Ancon, mehr als 40 Kilometer vom Zentrum der Hauptstadt entfernt, beginnen ihre Randbezirke. Die Stadt hat sich wie ein Hefepilz in die Umgebung ausgebreitet und benutzt dazu die strahlenförmig abgehenden Überlandstraßen als Haltegerüst. Der vom Wind gehäufelte Sand ist von ehemals provisorischen Siedlungsflecken bedeckt. Ein Müllwall ist neben dem Seitenstreifen aufgeschüttet. Männer und Frauen reißen die gärenden Abfälle mit Eisenhaken auseinander, finden Glas, Plastikflaschen, Lumpen. Centimoware, die ihnen einen frühen Tod im Unrat bringen wird. Die Suchenden sind so schmutzig wie ihre Schätze, die sie auf eiernden Lasten-Fahrrädern zu weit entfernten Sammelstellen schieben. Zwischen Plastiktüten voll Küchenabfällen und verschissenen Einmalwindeln endet die Zukunft der Campesinos, die in ihre Hauptstadt ausgewandert sind, um Geld zu verdienen.