Inkas und ihre Erben

23. Reisebericht vom 27. September 2002 Lima - Cuzco/Peru

                   

Die Tupac Amaru trägt den Verkehr zwischen Limas Zentrum und seinen nördlichen Vorstädten. Wir suchen Ano Nuevo, wollen den niederländischen Priester Jan Brinkhof besuchen, um seine Arbeit kennenzulernen. In Ano Nuevo wohnt der ärmere Teil der armen Bewohner des Stadtteils Comas. Irgendwer hat sich für die Barackensiedlungen an den Rändern der Hauptstadt den Namen "Barrios jovenes", "junge Viertel" ausgedacht. Der Begriff ist eine bösartige Teilbeschreibung der Wahrheit. Comas wurde gegründet, nachdem Limas Kathedrale schon mehrmals durch Erdbeben zerstört und von den Limenos wieder aufgebaut worden war. Der Hauptunterschied zwischen den Bezirken liegt nicht im Alter. Die Tupac Amaru teilt die Häuser wie eine bolzengerade Schneise. Auf mehr als 30 Kilometern gleicht keine Fassade ihrer Nachbarin. Handgebaut sind sie alle, ohne Wasserwaagen und mit unsicherem Augenmaß. Eine Etage, zwei, drei oder vier, spielt keine Rolle, weil es sich ändert, sobald die Besitzer Geld übrig haben. Man verzichtet auf Dächer. Aus den obersten Decken schauen Armiereisen, die Betonplatten können jederzeit zum Fußboden der nächsten Etage werden. Dachziegel würden in dem Ambiente wachsender Provisorien wie eine vorzeitige Ankündigung von Impotenz wirken. Gegeneinander laufende Fahrspuren, zwei für jede Richtung, zwängen einen darbenden Erdstreifen ein, auf dem stellenweise graue Grasstrünke, weit häufiger jedoch Müllhaufen wachsen. Seitwärts zieht die Straße "secundarias" mit, Reservestraßen, auf denen sich die Kunden der anliegenden Geschäfte ins hupende Chaos treiben. Wir radeln stadtauswärts und schauen zwischen den aufgerissenen Eisengittern in Werkstätten. Die Höhlen nehmen den meisten Platz am Straßenrand ein. Ölverschmierte Mechaniker hämmern auf Kardanwellen, Auspufftöpfen, Zylinderköpfen und Blechen herum, lassen Schweißdrähte blitzen. Schwitzende Männer schneiden die Pelle von abgefahrenen Lkw-Reifen, um sie zu vulkanisieren. Rundumerneuerung kann man diese Arbeit nicht nennen. Auch die Mechaniker reparieren nicht. Alle kämpfen gegen den Stillstand. Sie verhelfen stummen Motoren zum Stottern. Jedes Auto fährt, man muss es nur richtig auseinandernehmen. Straßenverkäufer schieben dreirädrige Lastenfahrräder auf und ab. Sie pressen Säfte, braten Fleischspieße, schälen Zuckerrohr. Mototaxis, ebenfalls mit drei Rädern, pusten Zweitaktgestank zwischen uniformierte Schulkinder, die in Gruppen nach Hause laufen. VW-Busse, die Micros, liefern sich auf der Jagd nach Passagieren ein kurviges Rennen, das sieht aus wie Autoscooter mit Aufprallverbot. Aus ihren Türen lehnen heisere Bengels. Sie verdienen ihren Lohn mit Schreien und Fahrpreiskassieren, aber vor allem mit Schreien: "Comaskilometreveintedosveintedoskilometroveintedoscomasporcinquen- taaaaa!" Sie rufen ihre Fahrziele in die Smogluft über der Tupac Amaru, als ob die Passanten die Aufschriften an Windschutzscheiben und Busflanken nicht lesen könnten. Wir halten vor einer der Werkstätten, die Mannschaft hockt zum Mittagessen auf fransigen Autoreifen. Es gibt Reis mit Huhn auf Plastiktellern. "Tschuldigung, wir suchen Ano Nuevo." Der älteste aus der Runde schluckt runter, hebt seine Gabel: "Hier um die Ecke!" "Wir suchen einen Fußballplatz." "Gibts in der Gegend viele." "Wissen sie vielleicht, wo Padre Jan wohnt?" "Ist ein bisschen kompliziert, besser ihr fahrt auf der nächsten Straße rechts zur Kirche, dort zeigt man Euch den Weg." Uns fällt auf, man kann sich dem Viertel nicht nähern. Drin oder draußen, zu diesen beiden Stundpunkten gibt es keine Alternative, und zwischen ihnen liegen zwei, höchstens drei Schritte. Die Hauswände wirken so grau und so staubig wie die Straßen, obwohl sie fast immer mit irgendeiner Farbe gestrichen sind. Würden wir zu Besuch gebeten, müssten wir in den meisten Häusern den Kopf einziehen, um nicht an die Wellblechplatten zu stoßen, die als Dachersatz auf den Mauern liegen, von Steinen beschwert oder mit Drahtresten festgebunden.

                   

Der Garúa, Perus Küstennebel, hindert die Sonne während zehn Monaten des Jahres, über Ano Nuevo aufzugehen. Sie schickt zwar ihr Licht, bleibt jedoch hinter einem deprimierend farblosen, zähen Schleier verborgen. In den anderen zwei Monaten spielt der Smog Garúa. "Hola, como estan? A quien buscan?" "Hi, wie gehts? Wen suchen Sie?" Alle Passanten haben ein Lächeln. Das sind keine Gewohnheitsfloskeln sondern Willkommensgrüße. Wir hatten uns ein Armenviertel anders vorgestellt. Im Reiseführer lasen wir eine Generalwarnung: "Am besten, man umgeht diese Regionen weiträumig." Wir verfahren uns zweimal, doch wer Padre Jan sucht, kann in Ano Nuevo nicht verloren gehen. "Dort müsst Ihr lang, die Straße runter, zweite rechts, hinter dem übernächsten Block links, er wohnt im vorletzten Haus auf der linken Seite." Carmen lässt uns hinein, der Padre ist unterwegs, aber wir sind angemeldet. Sie, ihr Mann Alfredo, die Kinder Ruben und Andrea sind die Familie des Padres. Wir setzen uns in die Küche, trinken einen Kaffee und quatschen eine Runde über unsere Tour, den Weg nach Lima und alles, was uns in den Sinn kommt.

         

Die Haustür schlägt, schwere Schritte auf der Treppe, der Padre kommt. Er ist ein 65-jähriger Limburger Bulle, die Brust breit wie ein Schwimmer. Lachfalten hinter der randlosen Brille und Lehmspritzer auf der Jeans und den rötlichen Lederschuhen. "Hola! Bienvenidos! Como estan?" Padre Jan breitet seine Arme aus. Seit 22 Jahren arbeitet er in Peru, die meisten davon in Ano Nuevo. Das Spanisch rumpelt ihm eilig aus dem Mund, wenn er nicht weiter weiß, hilft er sich mit holländischen Worten. "Que vamos a hacer?" "Was können wir tun?", einer der Liebingssätze des Paters. Er hat einen kleinen Schatz an holländischen Redewendungen ins Spanische übertragen. "No me interesa ni pepino", "Interessiert mich nicht die Gurke", sagt er gern. Wenn er ein drastisches Bild der Armut geben will, gebraucht er Worte, die er von seiner Mutter gelernt hat: "Die haben nicht mal die Nägel um den Topf auszukratzen." Das heißt in Ano Nuevo: "No tienen las unas para raspar la olla." Mit Spanisch hat das wenig zu tun, aber seine Predigten gehen den Menschen hinter die Stirn, mindestens eine Woche lang, bis sie wieder in die Messe kommen, um sich neues Denkfutter abzuholen. Wir erfahren innerhalb einer Stunde, wie ein Priester beschaffen sein muss, der in Limas Armenvierteln eine Gemeinde beieinanderhalten will.

         

"Wer nichts zu essen hat, ist an der Kirche nicht interessiert." So heißt Padre Jans erste Regel. Deshalb hat er sich auf die Förderung von "Comedores" verlegt. Die Gemeinschaftsküchen haben das Potential, die Strukturen peruanischer Familien umzukrempeln. In der Idee verbindet sich Küchenarbeit mit Frauenbildung. "Morgen werdet Ihr sehen, wie die Comedore arbeiten", beschließt der Padre. Er steht auf, führt uns aufs Dach. "Wie groß ist Ihr Bezirk?" Padre Jan streckt die Hände nach vorn, zu den Seiten, nach hinten: "Dort, wo ihr den Park seht, ist irgendwo die Grenze, Richtung Norden geht es noch ein ganzes Stück weiter und hinter uns endet der Bezirk mehr oder weniger an der Spitze der Hügel. Das ist genug Arbeit, mehr brauch' ich nicht."

         

Comas hat mindestens eine Million Einwohner, und Ano Nuevo ist nicht sein kleinster Teil, aber wer wird die Menschen zählen, in einem Barrio, an dessen Rändern fast jeden Tag neue Hütten aufgestellt werden, um die sofort Kinderhorden herumspringen, als wenn sie nie woanders gewohnt hätten. "Que vamos a hacer?", fragt der Padre. Am Morgen holen wir gemeinsam im Auto die Präsidentin der Comedores von Ano Nuevo ab. Flor hat jede Menge Durchsetzungskraft und zeigt es mit Worten und Gesten. Sie erklärt uns die Strukturen der Gemeinschaftsküchen. Jeder Comedor besteht aus 15 bis 20 Frauen und ihren Familien. Sie arbeiten in einem Genossenschaftssystem. Von Montag bis Samstag kocht jeweils eine andere Gruppe das Mittagessen für alle, jede Frau ist einmal pro Woche an der Reihe.

         

Die Comedore erhalten vom Staat regelmäßig kostenlos Säcke mit Reis und Kartoffeln. Die fehlenden Zutaten kaufen sie gemeinsam ein und erwirtschaften so einen Mengenrabatt. "Jede Frau ist von einem großen Teil der Hausarbeit entlastet und gewinnt Zeit", sagt Flor. Zeit, die sie für ihre Weiterbildung nutzen kann. Die Organisation bietet Kurse an zu Ernährung, Gesundheitsfürsorge, Frauenrechten, Arbeit mit Computern und Erziehung. "Mehr als alles hilft der gegenseitige Austausch", sagt Flor. Die Frauen lernen, dass sie sich in der von Männern dominierten Atmosphäre behaupten können, und sie tun es. Der Padre stoppt das Auto vor dem Comedor "Las Gardenias". Er wurde erst vor zwei Monaten von jungen Nachbarinnen gegründet, und ist derweil noch in einem gemieteten Raum aus Lehmziegeln mit Bambusdach eingerichtet. Der Besitzer wohnt nebenan und ist über die selbstbewussten Mütter nicht recht froh. Aus Missgunst hat er das Klo versperrt, die Köchinnen dürfen es nicht benutzen. Auf dem Kerosinherd wallt Gemüsesuppe in einem 50-Liter-Topf. Eine der Frauen kniet am Boden und zupft Federkiele aus einem Huhn.

                   

Auf dem Tisch liegen Karrotten, Lauch und Spinat. Die Frauen rühren, schnitzeln und schrubben Gemüse. Entspannte Gesichter: "Leider können wir Euch noch nichts anbieten, wir sind noch nicht so weit." Eine Frau hat den Padre am Arm beiseite gezogen, sie will ein Problem besprechen, unter vier Augen. Padre Jan hört zu, redet dann, hört wieder zu, schließlich notiert er irgendwas auf einem Zettel. "Gracias Padre", sagt die Frau. Zwischen 12 und halb ein Uhr werden 50 Portionen fertig sein, Suppe und Hauptgericht. Dann kommen die Kinder der beteiligten Familien, holen ihre Rationen mit Eimerchen, Schüsseln und Töpfen ab, die tägliche warme Mahlzeit.

Die Comedores regeln die Verteilung des staatlichen Programms "Vaso de leche" "Glas Milch". Morgens, bevor die Schule losgeht, rühren sie in Kübeln vitaminreiches Milchpulver an, jedes Schulkind bekommt seinen Teil. "Man muss sich hin und wieder sehen lassen", sagt Padre Jan. Auch wenn die 32 Comedore der Pfarrei im großen und ganzen gut funkionieren, gibt es immer wieder mal einen Streit, den der Pater zu schlichten hat. Schließlich geht es bei der Kocherei um Geld, und das ist ein heikles Ding im Armenviertel. "Wir sprechen hier über 500 beteiligte Familien", sagt Flor. Ein Potenzial, das auch die Lokalpolitiker anzieht, besonders in den Monaten des Wahlkampfs. "In diesem Punkt sind wir strikt. Politische Diskussion erlaubt, Parteiarbeit verboten."

         

Die Idee der Comedore ist in Peru verbreitet. Meist laufen sie unter der Hand staatlicher Sozialarbeiter und nicht besonders gut. "Wir sind selbstverwaltet", sagt Flor. Jeder Comedor wählt seine Präsidentin, einen Vorstand, die Frauen müssen das Ding mit eigener Motivation am Laufen halten. "Wir schulen die Gesellschafterinnen von jedem neu gegründeten Comedor und helfen natürlich bei allen schwierigen Fragen." Nicht umsonst haben einige der Frauen 18-jährige Erfahrung. "Und dann haben wir natürlich unseren Padre", sagt Flor. Der Priester war von Anfang an beteiligt. Er besorgte Kücheneinrichtungen, zog die Kommunalverwaltung auf die Seite der Frauen, gründete Gruppen.

         

"Padre Jan, Padre Jan!", schreien die Kinder, wenn er aus dem Auto steigt. Sie zerren an seinen Hosenbeinen, wollen ihm dies erklären, oder jenes. Er tätschelt Köpfe. Hört zu, lässt sich nicht von seinem Terminkalender drängen. Jan Brinkhof hat ohnehin eine gewaltige Abneigung gegen Zwang. Vor einer Woche hat ihn der Kardinal von Lima geärgert. Der erklärte öffentlich, Menschenrechte seien ein Werk des Teufels. "Wie kann dieser Mann das sagen, ich versteh' nicht, warum man so jemanden zum Kardinal macht!" Padre Jan schlägt mit der Hand auf den Zeitungsartikel, den er aufgehoben hat, um ihn demnächst in der Messe zu verwenden. Die schwarz gekleideten, zugeknöpften Priester regen ihn auf, die ihre Menschlichkeit unter Glaubensprinzipien erstickt haben. "Que vamos a hacer, das ist meine Kirche", sagt der Padre, und er bleibt ihr ungehorsamer Sohn. So feiert er die Messe in seiner Kirche, die keine Kirche ist, sondern ein weiß gestrichener Saal, dessen Betondecke von eckigen Pfeilern getragen werden. Der Padre steht unter dem Kreuz an einem Tisch, der sein Atar ist und der seiner Gemeinde. "Wer erinnert sich an das Wort dieser Woche?", fragt er. Aus den Reihen vor ihm raunen sie: "Perdonar, perdonar." "Jawoll, Verzeihung ist unser Wort, und wie wir in der Bibel lesen können, sollen wir nicht einmal verzeihen und danach nie mehr, sondern sieben mal siebzig mal." "Was bedeutet das?" Der Padre richtet seine Brille auf die Gesichter. "Dafür brauchen wir keinen Taschenrechner. Sieben mal siebzigmal bedeutet, wir verzeihen immer, immer wieder, ohne mitzuzählen." Neben dem Altar sitzt eine Gruppe junger Musiker, Gitarren und laute Stimmen, doch sie brauchen die Gemeinde nicht durch das Lied zu führen. In den Messen von Padre Jan singt jeder mit, so laut er kann, reckt seinen Hals, selbst wenn er dreckig ist, um die Stimmbänder zu lockern. Zum Abendmahl holt der Priester Oblaten und Wein aus dem hölzernen Tabernakelwandschränkchen. Der Kelch passt nicht zu den Steingutnäpfen, in denen die Hostien liegen. Wen störts, hier gehts um den Glauben an die Wandlung, und den verstärkt kein Goldgeschirr aus irgendeinem Domschatz. "Wasser, Padre, mehr Wasser!" Der alte Mann mit Hut macht sich nicht die Mühe, seinen Neid auf die Kinder zu verbergen, zu denen sich der Pater niedergebeugt hat. Schuldbewusst richtet sich Padre Jan auf. Er schwingt kräftig eine Art schwarzer Klobürste, unter dem Weihwasserregen drängen die Messbesucher ins Freie. Die Falten das Alten glätten sich, als er die Spritzer fühlt. Er geht, gesegnet bis zum nächsten Mal. Und Padre Jan plantscht weiter, er lacht und scherzt und schwingt die Bürste, der Ärmel seines Messgewands ist bis zum Ellenbogen durchnässt. Die Gläubigen trampeln durch geweihte Pfützen. In den siebziger Jahren hat Padre Jan in Chile die Befreiungstheologie gelernt und er ist auf ihrer praktischen Ebene geblieben. Rom und seine Dogmen stehen auf einem anderen Kontinent, Ano Nuevo liegt in Lima und hat einen Padre, dem zuallererst das Leben und Überleben seiner Nachbarn wichtig ist. Er fasst weder das Wort Familienplanung mit spitzen Fingern an, noch schließt er sich bei sonst einem Thema ohne Prüfung der Lehrmeinung an. Padre Jan ist Christ, und das bedeutet für ihn Nächstenliebe, Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer, auch wenn sie nicht seine eigenen sind. "Könnten Sie mir den Gefallen tun?", fragt der Mann einer Genossenschafterin in einem anderen Comedor. Padre Jan seufzt, nimmt dann die Tasse mit Wasser aus der Hand des Mannes, reißt eine Geranie aus dem Vorgarten und läuft um das parkende Auto. Der Besitzer hält die Hände gefaltet, steht mit geneigtem Kopf daneben. Padre Jan murmelt ganz und gar unverständliche Worte und besprenkelt den Wagen mit Wasser. Zum Schluss wedelt er die Blüte gegen den Kopf des Mannes, in dessen Haar Tropfen hängen bleiben. "Gracias Padre", sagt der Mann, lächelt erleichtert und winkt uns nach. Er wird mit seinem gestern gekauften Auto und einem sicheren Gefühl die Arbeit als Taxifahrer beginnen. "Bendición, Bendición, ich weiß gar nicht, wieviele Autos ich schon gesegnet habe, immerzu kommen die Leute und wollen irgendetwas gesegnet haben. Naja, wenn es ihnen hilft, das ist ja an sich nichts Schlimmes." Und er, der Spitzbub, fügt hinzu: "Ich habe ihnen schon tausendmal gesagt, dass ich aus einer alten Karre keine neue machen kann. Wenn das Ding stehen bleibt, will ich keine Beschwerde hören."

         

Unser Lima besteht tagelang aus Ano Nuevo. Wir haben kein rechtes Bedürfnis, uns eine weitere Stadt anzuschauen, die groß und unübersichtlich ist, trauen uns aber nicht, die Hauptstadt komplett zu vernachlässigen. Außerdem müssen wir Bustickets nach Cuzco besorgen, denn wir haben beschlossen, einen weiteren Teil Perus abzukürzen, zugunsten von Bolivien, Chile und Argentinien. Ausserdem ist unser Radelkollege Micha Merz aus Schweinfurt angekommen und hat 20 Diafilme mitgebracht. Wir verlassen das Haus. Gegenüber arbeitet der Nachbar. Wir können ihm jeden Tag zuschauen. Der Schweißer besitzt keine Werkstatt. Sein Schraubstock steht am Straßenrand, und die Eisenrohre, aus denen er Türen und Fenstergitter macht, legt er über zwei Böcke, das ist sein Arbeitsplatz. Er reicht uns das Handgelenk, findet seine Finger zu schmutzig für einen Gruß. "Como estan? Van a salir?" "Wollen Sie ausgehen?" "Ja Meister, ein bisschen nach Lima hinein, wir müssen ein paar Sachen besorgen." "Oh, da müssen Sie aber aufpassen, seien Sie vorsichtig. Lima ist gefährlich, da laufen viele Banditen rum." Der Bus ist eine Stunde unterwegs, bis er das Zentrum erreicht, obwohl der Verkehr am Morgen relativ flüssig läuft. Wir steigen in Miraflores aus, suchen Michas Hotel und haben eine Menge zu reden, vor allem über Michas Homepage, auf der er alle Radreisen durch Südamerika versammelt hat, die im Netz zu finden sind. Im Museum des Tribunals der "heiligen" Inquisition sind lebensgroße Puppen aufgebaut, die ein kirchliches Verfahren zur Bestrafung von Gotteslästerern nachahmen. Die aus Rom gesandten Hüter des einzigen und wahren Katholikentums waren in Peru nicht besonders erfolgreich. In 250 Jahren brachten sie nicht mehr als 32 Menschen zu Tode, obwohl man nicht sagen kann, dass sie nachlässig arbeiteten. Streckbank, Wassertrichter, einfache Schläge auf die Fußsohlen, Aufhängen an auf den Rücken gebundenen Armen, jahrelange Einzelhaft in Dunkelheit, man mühte sich redlich, gegen Häretiker und Hexen vorzugehen. Das Museum ist nur in einer geführten Runde zu besichtigen. Unser Führer hat Spaß daran, die steinernen Kellerlöcher zu zeigen, in denen die Gefangenen steckten. Zum Schluss gibt er uns einen Tipp: "Sie können auch das Parlament besuchen, wissen Sie, das liegt gleich um die Ecke. Es ist das Haus, in dem Präsident Toledo vorgibt, ungeheuer viel zu arbeiten. Natürlich tut der Mann gar nichts, jedenfalls habe ich noch keine Wirkung gespürt."

                   

So empfinden auch andere Peruaner. Jeden Tag formiert sich ein Demonstrationszug vor dem Palacio del Gobierno an der Plaza de Armas, eingekreist von Schildwachen der Nationalpolizei winken die Protestler hilflos mit Spruchbändern. Der Bus nach Cuzco fährt 24 Stunden lang durch Wüste und Hochland. Gegen Mittag rollt er aus den Bergen in ein Tal, wir sehen die Dächer der Stadt. Sie haben sich auf die Hänge ausgedehnt, ein steinernes Omelett in einer zu kleinen Pfanne. Cuzco gehört so wenig zu Peru, wie Antigua zu Guatemala passt. Die Häuser stehen nebeneinander wie in einem überfüllten Architekturmuseum. Die hölzernen Balkone lassen ihre lackierten Schnitzereien über die mit Bedacht krumm gepflasterten Gehsteige hängen. Die Bürgerhäuser stehen auf Inka-Fundamenten, die mindestens kniehoch aus dem Boden ragen. Eben so weit, dass man sie unmöglich übersehen kann.

         

Der spanische Eroberungswahn streckt seine gemauerten Relikte vor die Kameraobjektive, und die Touristen belohnen die Anstrengung mit dollarstarker Begeisterung. Cuzco ist schön, zu schön, um echt zu sein. Deshalb passen die Teile der Stadt nicht zusammen. Das Zentrum mit seiner harten Eleganz darf sich niemals verändern, muss Kulturerbe der Menschheit bleiben, sein Gesicht für immer auf Postkartenformat trimmen. Drumherum wuchert Siedlungswildwuchs über die Landschaft. Die Stadtmitte stirbt aus, am Hauptplatz wohnt noch eine Familie mit einem Kind. Die Häuser sind zu Hüllen für Restaurants, Hotels und Kneipen degeneriert, Objekte von Gewinnerwartungen. Cuzco ist in die Hände der Reiseveranstalter gefallen, und die werden ihren Schatz niemals loslassen.

         

Wir stellen die Räder auf die Plaza de Armas. Setzen uns auf eine Bank und schauen auf das von rötlichem Stein gerahmte Portal der Kathedrale. "Das gefällt mir gut", sagt Kerstin. "Mir auch", antwortet Bernd.

         

                   

                   

Wir sitzen und innerhalb von zehn Minuten treffen uns die Nebenwirkungen der Schönheit Cuzcos. "He mai frend, yu laik postcards?" Ein Halbwüchsiger öffnet eine Schachtel und blättert die Geschichte der Fotografie am Machu Picchu von vorn bis hinten durch. "No, gracias, vielleicht später." "Hai, ai häf nais piktschas!" Wir können kaum an der Mappe mit naiven Indianerportraits vorbeischauen, die uns ein Fräulein mit Zahnlücke vor die Gesichter hält. "No, gracias, vielleicht ein bisschen später." "Schuschain?" Wir schicken den Schuhputzerjungen weiter. Eine Indianerin bietet sich und das Kind in ihrem Tragetuch an. "Hola amigo, foto?" Das würde nicht mehr als einen Dollar kosten. Wir schütteln die Köpfe, genervt und synchron. Kommt ein ganz Geschickter. "Cigaretts, speschl prais!" "Por favor, noo!" "Wer a yu from?" "Wir kommen aus Burundi, kennst Du das?" Kopfschütteln. "Ist ein kleines Land, in der Mitte von Afrika, ziemlich unbekannt." Er hat keine Lust, länger über unsere Herkunft zu sprechen und beugt sich vertraulich herüber: "Laik grass?" Wir schauen nur. Er missversteht das Schweigen als Verständnislosigkeit, kommt näher, ahmt hastiges Ziehen an einer Zigarette nach. "Marihuana, grass?" Bernd macht große Augen: "Ja sag mal, das ist doch bestimmt verboten in Peru." "Jaja, total verboten", unser Verkaufswunder nickt. "Dann ist das ja sehr gefährlich, was Du hier machst. Was glaubst Du, was die Polizei dazu sagen würde?" Sein Grinsen verschwindet, er dreht sich um und geht.

                   

Es dauert zwei Tage, bis wir das Verkaufsgeplärr überhören und die Straßen gefunden haben, in denen Altstadt und Stille eine erfreuliche Mischung ergeben. Wir suchen die Casa de Ciclistas. Als wir vor dem Geschäftshaus in einer der Seitenstraßen der Plaza Regocijo von den Rädern steigen, schaut uns ein Mann erwartungsvoll an. Er trägt grauen Anzug, graues Hemd, sein Haar sorgfältig nach hinten gekämmt. "Wir suchen Senor Martinez." "Der bin ich, kommt hoch." Im Büro hängt die Ernennungsurkunde zum Rechtsanwalt, wir fühlen uns in der Radlerkluft ein bisschen fehl am Platz. Doch Mario Yepez Martinez sagt: "Ich habe noch ein paar Stunden zu tun, wenns Euch nichts ausmacht, kommt um halb zwei wieder, dann zeige ich Euch mein Haus." Er nimmt seit mehr als zwanzig Jahren Radler auf.

         

Familie Martinez wohnt im Süden der Stadt, fast am Rand, unter einem Berg, von dessen Vorderseite ein Erdrutsch die Hälfte der Grasnarbe abgerissen hat. Wir dürfen uns in einem Zimmer ausbreiten, das Fenster geht zum Garten. Beim Abendessen erzählt Don Mario, wie er sich 1979 auf die Olympiade in Moskau vorbereitete, im peruanischen Radteam. Der Boykott verhinderte die Teilnahme. Das Radfahren hat er aufgegeben, er organisiert Rennen mit Tourenwagen. Seine Frau Marieta und die 13-jährige Tochter Gabi sitzen uns gegenüber. Wir reden über Politik und Wirtschaft, fragen, wie sich Cuzco in den letzten Jahren veränderte. Don Mario hat die Entwicklung seiner Stadt im Blick. Seine Kanzlei ist auf Immobilienhandel spezialisiert, er beschäftigt sich vor allem mit Erbrecht, die Besitzdokumente der meisten antiken Häuser sind in Unordnung. "Ich hab mal ein Haus gekauft. 30.000 Dollar schienen meinen Kollegen viel zu viel." Sechs Stunden später rief ein Deutscher an, der ein Hotel eröffnen wollte und griff zu, für 42.000. "Die Altstadt Cuzcos gehört inzwischen fast komplett ausländischen Geschäftsleuten", sagt Don Mario. Zumindest die gewinnträchtigen Teile. Die Fremden spielen sich die Preissteigerungen zu wie bei einem Pingpongspiel. Unser Gastgeber erzählt: "Als ich das Geschäftshaus kaufte, in dem mein Büro liegt, hielten mich alle für verrückt, als ich 300.000 Dollar zahlte." Er gliederte es in Ladenlokale und Büros, verkaufte einzeln. "Die Summe liegt etwa bei einer Million, und wenn wir uns entschließen, zu einem gemeinsamen Zeitpunkt erneut zu verkaufen, wäre der Erlös noch viel höher." Wir verabschieden uns für den Ausflug zum Machu Picchu. Die Kultstätte der Inka-Wallfahrer liegt knapp 100 Kilometer von Cuzco entfernt, hinter dem Ende der Straße, im letzten Winkel des Valle Sagrado.

         

Reiseveranstalter haben die versteckten Ruinen in den Mittelpunkt aller Touristenrouten gezerrt und dazu verschiedene Wege geöffnet. Der Inka-Trail, ein Pfad über drei Pässe, auf dem man vier Tage lang unterwegs ist, kann die Besucher längst nicht mehr fassen. Um den Gewinn aus dem Ruin der Bergflanken zu optimieren, hat die Regierung beschlossen, täglich maximal 500 Wanderer einzulassen. Sie müssen sich in geführten Gruppen zusammenschließen und zahlen für das Abenteuer des Massenerlebnisses pro Nase 200 Dollar. Gepäckträger inklusive. Wir unterhalten uns mit einem der Kulis. Er hat seine Last schnaufend am Wegrand abgelegt. Mit Stricken schnüren sich die Männer 25 Kilo auf den Rücken, Gasflaschen, Zelte, Lebensmittel, Wasser und die Rucksäcke der schwächelnden Touristen. Für einen Tag Schlepperei erhält der Mann sieben Dollar. Er und seine Kollegen gehen den Trail einmal im Monat, weil an den anderen Tagen andere Träger an der Reihe sind. Ihr Monatsverdienst beträgt 28 Dollar. "Haben Sie noch eine andere Arbeit?" "Casi no." "Fast nicht." Der Mann klagt nicht. Vor einigen Jahren, vor dem Streik der Lastenträger, schleppten sie bis zu 120 Kilogramm durch die Berge, für vier Dollar Tageslohn. Wir nehmen den dreiteiligen Weg zum Machu Picchu, die Billigversion der Pilgerreise. Bus Nummer eins fährt bis Urubamba, Bus Nummer zwei geht nach Ollantaytambo.

                   

Über dem bewohnten Inkadorf erhebt sich eine verfallene Inkastadt. Die Eroberer haben die Steine für Tempel und Häuser aus den Felsen der gegenüberliegenden Talseite gebrochen und sechs Kilometer weit herübergezerrt. Die Quader, groß wie Autos, sind liebevoll mit Hammerschlägen geglättet. Die Baumeister erlaubten sich nur Millimeterfugen ohne Mörtel.

         

Wir stellen uns vor, wie sie arbeiteten. Tagelang hämmern, dem Stein alle Unebenheiten austreiben, das Tonnengewicht auf seinen Platz an der Mauer hieven. "Passt noch nicht." Quader zurückwuchten, weiterhämmern, bis sich die harten Rundungen aneinander schmiegen, als ob der Stein für einen Augenblick flüssig geworden wäre und an der Form seines Nachbarn erstarrt.

         

Auf unserem Spaziergang durch die Straßen Ollantaytambos, an denen sich die aus Kieselsteinen gemauerten Hauswände eine Spannweite entfernt gegenüberstehen, treffen wir am Ufer eines Gebirgsbachs vier Männer. Sie mischen Lehm mit Wasser und Stroh für die ungebrannten Ziegel, aus denen man hier die Häuser baut. Einer von ihnen kann kaum stehen. In einer Hand hält er eine Plastikflasche, in der anderen ein fleckiges Glas. "Hey, hola, wollt Ihr unsere Chicha probieren. Alles total natural, ganz ohne Alkohol!", lallt er und zeigt grinsend seine Zähne, zwischen denen Fasern von Cocablättern hängen. Der Mann schwankt vor und zurück, verschüttet ein paar Schluck des hausgemachten Maisbiers und streckt Bernd dann das Glas hin. "Wirklich, ganz ohne Alkohol!" Die feinen Bläschen des gärenden Suds prickeln auf der Zunge, es schmeckt sauer, fremd, zieht ein wenig die Wangen zusammen. Kerstin nimmt einen Schluck und sagt: "Lecker, aber vielleicht ist chicha doch eher etwas für Männer." Die Lehmmischer lachen brüllend. In Ollantaytambo endet der Straßenverkehr auf dem Parkplatz vor dem Bahnhof. Abends um acht Uhr verlässt ein Zug den Ort für die 30 Kilometer nach Aguas Calientes, dem Dorf, das den Ruinen am nächsten ist. Das Unternehmen Perurail verdient mit raffinierter Klasseneinteilung am Erlebnishunger der ausländischen Fahrgäste. Sie können zwischen Aussichtswagen und mehreren Abfahrtszeiten wählen. Der "Backpacker-Tarif" ist das äußerste Entgegenkommen der Eisenbahner. Hinfahrt durch die Dunkelheit, Rückfahrt beginnt ab morgens sechs Uhr am übernächsten Tag, zwanzig Dollar pro Person für die geringstmögliche Aussicht auf das Tal. Tageslicht kostet extra. Einheimische fahren außer Konkurrenz, ihre Wagen sind für Touristen verboten. Um fünf Uhr, zwischen den grünen Bergen verzögert der Nebel die Dämmerung, brechen wir am nächsten Morgen auf, eine Stunde Fußmarsch zu den Ruinen. In den Restaurants, deren Kellner tagsüber den Fremden schlechtes Essen gegen einen Haufen Soles servieren, sitzen Fahrer beim Kaffee. Ihre Busse sind auf der Machu Picchu-Zufahrt in Schlange gestellt, tausende Besucher verlangen jeden Tag bequemen Transport. Wir sind allein auf der Schotterstraße, ein paar Vogelstimmen begleiten uns, in den Blättern und Gräsern glitzert Morgennässe. Der Weg der Busse beginnt, in Schleifen, 700 Meter Höhe zu gewinnen. Fußgänger nehmen eine steinerne Treppe, sie ersetzt mindestens vier Kilometer durch ihre Steilheit. Im ersten Kontrollhäuschen kaufen wir die Eintrittskarten, an der zweiten zeigen wir sie her, alles klar, Besuch genehmigt. Machu Picchu ist unsichtbar, es sollte vor uns liegen, auf einem Sattel zwischen zwei Tälern. Der Wind treibt tieffliegende Wolken, eine Stunde lang sehen wir Steinschemen, verwischte Zaubergemäuer.

                   

Die Wanderer vom Inka-Trail treffen ein, die Gruppen scharen sich um ihren Führer und lauschen der Erklärung. "Von hier aus können Sie einen Blick auf Machu Picchu genießen." Toll, wer hätte das von allein gemerkt? Wir sitzen auf einem Hügel, etwas höher als die verfallene Stadt, am Rand einer der Terrassen, die die Indianer angelegt haben, um Felder für Getreide zu gewinnen. Unter uns hören wir zwei Holländerinnen, sie singen irgendwelche Popsongs, laut und ohne Gefühl für den Ort und die Tonleitern. Immerhin, es macht ihnen Spass, sie lachen keckernd. Die Gruppenleiter haben keine Zeit, den Abzug des Nebels zu erwarten, sie müssen ihre Leutchen durch die Anlage führen, dann wäre Feierabend. "Fotografieren sie jetzt", raten sie, und die Getriebenen bejauchzen kleine Löcher im Nebeltreiben.

         

Viel später klart es auf. Wir schauen auf die Rücksicht, mit der die Inkas sich in die Landschaft fügten. Statt Felsen aus dem Weg zu stemmen, bauten sie das raue Terrain in ihre Konstruktion ein. Die Stadt ist eine filigrane Verlängerung des Berges, mit dem sie verbunden wurde.

         

"Körstin, Börnd!!" Eine Stimme hält uns am Ausgang auf. Rob hat gerufen, der kanadische Weltumradler, den wir in Quito getroffen hatten. "Ja sag mal, Du, hier?"Er steht vor uns, 130 Kilo schwer, fröhlich und mit dem Mut zu jedem Abenteuer. Das schärfste Stück hat er sich auf dem Weg zum Machu Picchu gegönnt. "Ich hab' einen wahnsinnigen Russen getroffen, den müsst Ihr kennenlernen!" Er traf den Autostopper auf Welttour vor Urubamba. "Ich werde zu Fuss zu den Ruinen gehen", sagt Valeri Shanin. Rob überlegt bei solchen Dingen nicht. "I'm in!" Sie rechnen sich vor, an einem Tag hin und zurück, das müsste möglich sein. Rob schiebt das Rad neben Valeri her bis Ollantaytambo, sie stellen ihre Sachen in einem Hotel ab und wandern weiter, entlang der Schienen. Die Dunkelheit fällt, Rob hat seine Taschenlampe zurückgelassen, mit dem Lämpchen seines Reiseweckers leuchtet er in Schlaglöcher, manchmal stolpern sie bis zum Knie hinein. Auf einer Bank legen sie sich zum Schlafen. Es wird kalt, zu kalt für Rob in seinen Shorts. Er wickelt sich Toilettenpapier um die Beine. In Aguas Calientes humpelt Rob schwer, Radfahrer sind keine Fußgänger. Er nimmt den Bus hinauf zu den Ruinen, Valeri läuft. "Wir sind hier verabredet, ich weiß nicht, wo der Russe sich rumtreibt", sagt Rob. "Hallo, Ihr", sagt Valeri. Er grinst mit vorstehenden Zähnen. Sie würden bei anderen nach Dämlichkeit ausschauen, seinem Gesicht geben sie einen listigen Ausdruck. Die Krempe eines verschwitzten Lederhuts hängt über seiner Stirn. Valerie ist seit drei Jahren unterwegs, immer ohne Geld. Sein Projekt heisst: "Um die Welt hitchhiken". "Ich bin jetzt schon ein wenig reisemüde", sagt Valeri. Er hat für die Rückfahrt nach Moskau zehn Dollar in der Tasche. Geld gibt er nur für die Videobänder aus, mit denen er sich dokumentiert, den Russen auf Weltreise. Er richtet die Kamera auf unsere Gesichter, während er einen Schnellkurs erteilt, über Reisen ohne Geld. Valeri isst, wenn ihm jemand etwas schenkt, wenn nicht, hungert er. "Ein Tag ohne Wasser macht mir nichts aus, ich habe nur ein wenig schlechtes Gewissen meinem Körper gegenüber." Er ist durch die doppelte Sperre von Machu Picchu gegangen, ohne dass ihn jemand nach einer Eintrittskarte fragte. Wären die Kontrollöre aufmerksamer gewesen, hätte Valeri Shanin seinen russischen Presseausweis gezogen. Seine Strategie hat mehrere Stufen. "Sage zuerst, ich werde ein Buch schreiben, und über die Ruinen berichten. Geben sie mir dafür 50 Dollar." Natürlich lehnen die Wächter am Eingang ab. "Okay, 20 Dollar reichen auch." Erneutes Kopfschütteln. "Na gut, ich kanns auch kostenlos machen." Klappt immer, sagt Valeri. Er hat in Moskau die "Schule für Hitchhiker" gegründet, einen Club, in dem Russen Pläne aushecken, ihr nicht vorhandenes Budget mit einer Reise zu verbinden. Zwei Bücher hat Valeri darüber geschrieben, eines heißt "Europa für jedermann". Darin steht auch, dass Russen niemals am 5. eines Monats die U-Bahn in Budapest benutzen sollten. An diesen Tagen versuchen Kontrollöre, das Defizit der Metro aufzufangen.