Stille Tage im Altiplano

24. Reisebericht vom 14. Oktober 2002 Cuzco/Peru - La Paz/Bolivien

                   

Wenige Kilometer hinter dem Ende von Cuzco überholt uns ein Rennradfahrer. Er stoppt, wartet, bis wir an seiner Seite sind. "Ihr seid auf einer ziemlich langen Reise, nicht wahr?" Wie uns Peru gefällt, will der Mann wissen, und wieviel Zeit wir in Cuzco verbracht haben. Dann schnurrt er voraus, auf dem Seitenstreifen der "Carretera de Sierra". Wir radeln in einer Verlängerung des "Valle Sagrado", in dem vor etwa 500 Jahren die Inka siedelten. Auch sie wussten die friedlichen Hänge um den Rio Vilcanote zu schätzen. Von ihrer Anwesenheit sind kleinere Tempel übrig geblieben. Nicht die spektakulären Monumente der Steinhauerkunst wie rings um Machu Picchu, sondern Mauerreste, Pyramidchen, die wir von der Straße aus sehen können. Die Lehmhäuser des Volkes hat das Wetter niedergewaschen. Die heutigen Bauern wohnen in Hütten derselben Art. Wer ein Haus bauen will, mischt den Boden seines Ackers mit Wasser, stampft Stroh hinein und lässt ihn in schuhschachtelgroßen Blöcken trocknen. Sie werden mit dünnflüssiger Lehmpampe vermauert. Nur selten macht sich ein Hausbesitzer die Mühe, seine Fassade zu verputzen oder zu streichen.

         

Es sieht nach friedlichem Landleben aus, das Tal. Don Mario, unser Gastgeber in Cuzco, hatte erzählt, manche der Bauernfamilien erwirtschaften 30 Dollar im Jahr. Doch ginge es ihnen nicht schlecht, denn alles, was zum Leben nötig sei, gebe das Land. Mais und Kartoffeln wachsen auf den Feldern. Im kargen Grasland weiden Kühe, deren Felle glänzen. Frauen und Kinder, die Hüte gegen die Sonne tief ins Gesicht gezogen, hüten mampfende Schafe und Ziegen. Die Einwohner grüßen mit: "Hallo, wie gehts?" Wir hören kaum einen "Gringo, Gringo"-Schrei. Hier wirkt Peru freundlicher als im Norden.

         

Der Radler kommt zurück und überquert die Straße. "Wie weit wollt Ihr heute fahren?" "Wir hatten an etwa 80 Kilometer gedacht." "Wenn Ihr wollt, gebe ich Euch die Adresse von Tante Celia. Sie hat ein Haus in Cusipata, das ist etwa 70 Kilometer von hier entfernt. Dort könnt Ihr eine Nacht bleiben." Jorge Cevallos schreibt einen Zettel: "Liebe Tante Celia. Bitte bereite diesen Herrschaften ein Bett." Und er unterschreibt mit seinem Spitznamen: "Coco". Jorge muss sich beeilen, pünktlich in seine Zahnarztpraxis zu kommen. Der morgendliche Ausritt ins Tal ist seine Lockerungsübung, bevor er Patienten empfängt. "Und hier sind meine Adresse und Telefonnummer. Ihr könnt jederzeit vorbeikommen, wenn Ihr ein Problem habt. Auch wenn irgendwas mit Euren Zähnen nicht in Ordnung ist." Jorge grinst, klickt seine Schuhe auf die Pedalen und zischt davon. Die Sonne scheint, die Straße steigt mild und wir sind überrascht, dass die Radelei auf dreieinhalbtausend Höhenmetern uns so wenig Probleme macht. In Urcos halten wir an einem Polizeiposten. Wir sitzen auf den Treppenstufen zum Fußballfeld und schälen Äpfel. Vier Uniformierte stehen vor ihrer Station, einer trägt die schusssichere Weste über der Brust und auf der Schulter den Riemen des Schnellfeuergewehrs. "Gute Beine müsst Ihr haben, wenn ihr mit diesen Rädern über die Berge fahrt", sagt er, nachdem er versucht hat Kerstins Rad anzuheben. Seine Kollegen finden uns nach ein paar Minuten interessanter als ihre Unterhaltung und kommen näher. Sie gehen in die Hocke, zählen die Ritzel ab. "Wie viele Gänge haben die Räder?" "27, aber von denen kann man höchstens 15 benutzen, wenn man seine Kette nicht kaputt machen will." Sie nicken kennerisch. "Jaja, gute Räder sind das, sieht man sofort." "Wohin fahrt Ihr heute? Ah, Cusipata, das ist eine großartige Gegend, dort schwimmen jede Menge Forellen im Fluss." Das hört Bernd gern und beschließt, den Nachmittag beim Angeln zu verbringen. Wir biegen nach Cusipata ein. Vier Blocks von der Carretera entfernt liegt der Dorfplatz. Eisengitter um mickrige Blumenrabatten, ein paar Bänke, schattenloses Pflaster. Am Eck deuten rostige Reklameschilder, Pepsi und Cerveza "Cuscena", einen Laden an. Das Türchen ist verschlossen. Das Holztor nebenan, Eingang zum Anwesen von Dona Celia, lässt sich öffnen. Bernd geht auf die Suche nach der Besitzerin und überlässt Kerstin dem Gespräch mit den Straßenjungs, die sie überreden wollen, ins einzige Hotel des Ortes zu ziehen. Als die Bengel merken, dass die Bemühungen fruchtlos bleiben, verlegen sie sich auf neugierige Fragerei. Man beherbergt nicht oft Fremde in Cusipata. Hinter dem Tor liegt ein Innenhof, in dem drei faustgroße Kätzchen Fangen spielen. Zwischen Mauer und einem eingeschossigen Gebäude führt ein schmaler Gang in einen zweiten Innenhof. Bevor Bernd an das Gatter klopfen kann, das den Torbogen in der Mitte des Haupthauses versperrt, kommt eine quirlige Frau heraus. Wuschelkopf, flinke Augen, Tante Celia. "Si Senor, ich weiß schon, dass Sie kommen würden, Jorge hat angerufen." Sie liest den Gruß auf dem Zettel. "Si Senor." "Sind Sie allein?" "Nein, Kerstin wartet mit den Fahrrädern auf der Straße." "Kommen Sie herein, kommen Sie herein." Und sie rennt vor Bernd zum Eingangstor, reisst beide Flügel auf. "Kommen Sie herein." Wir ziehen in das Häuschen, in dem die Mutter von Dona Celia Durán Agramonte bis zu ihrem Tod lebte. Celia führt ihr Anwesen vor. Das Feld hinterm Haus, auf dem sie von "peones", Tagelöhnern, Mais anbauen lässt, und den Lehmofen, in dem sie Brot buk, bis man eine Hochspannungsleitung über das Gelände hängte. Die Kabel vertragen den heißen Qualm aus dem Schornstein nicht. Dona Celia verlegte die Bäckerei auf ein Nachbargrundstück. Das Wohnhaus zeigt von der Rückseite ein herrschaftliches Gesicht. Eine Freitreppe, acht Stufen, führen zu einer Veranda hinauf. Sie zieht sich fast über die gesamte Hausfront und endet zu beiden Seiten an Doppeltüren, die offen stehen. Hohe, spärlich möblierte Räume liegen dahinter. Das Geländer der Veranda ist von Säulen unterbrochen, die nach oben in hölzerne Zierbögen auslaufen. Die ehemals weiße Farbe blättert. Pflanzen ranken bis ans Dach. In Deutschland verschwendet man tausende Euro, um den Eindruck ländlicher Nachlässigkeit zu schaffen. Hier ist er aus dem Leben entstanden. Vier Hunde, graue Mischlinge mit Wolfszähnen, umkreisen uns knurrend und mit gesträubtem Nackenfell. "Keine Angst, die tun nur so", sagt Dona Celia. "Im Fluss? Nun ja, da haben wir wenig Fische, weil die Leute hier jeden Tag zum Angeln gehen, si, Senor." Bernd baut trotzdem die Angel zusammen. Kerstin bleibt lieber im Haus, sie will das warme Wasser der Dusche ausprobieren. Unter Steinen am Fluss finden sich ein paar fadendünne Regenwürmer. Sie müssen ein Bad am Haken nehmen. Bis es dunkel wird, die klammen Hände in der Kälte taub werden, steht Bernd am Fluss. Der einzige Erfolg sind die neugierigen Blicke der Jungs, die mit ihren Schafen vorbeilaufen. Wir fragen uns gerade, ob wir die gestern gekochte Sauce Bolognese mit Brot oder doch lieber mit Nudeln essen wollen, als die Dona erscheint. Sie trägt zwei Teller, auf jedem liegt ein Haufen Reis, daneben ein Gemüse-Potpourri aus Kartoffeln, dicken Bohnen und Karotten. Wir leeren die Fleischsauce drüber, italienische und peruanische Küche feiern Zwangsvermählung. Auch zwei Tassen mit dampfendem "Mate de Anis" hat die Hausherrin gebracht.

         

Wir spülen das Geschirr im Hof und tragen es in die Küche, die in einem eigenen Häuschen untergebracht ist. Unter den Regalen, Stühlen und unter dem Tisch wuselt es, rote Augen leuchten wie Dioden. Dona Celia unterhält in der Küche ihre Meerschweinchenzucht. Sie geht hinaus und bringt einen Arm voll grüner Weizenhalme herein, wirft ihn auf den Boden. Die Wuschelschweinchen beginnen zu knabbern, 15, 20, 30, wir können sie nicht zählen, wuseln umeinander. Dona Celia stellt einen Wasserkessel auf die Glut in der gemauerten Esse, die eine der Ecken des Raumes einnimmt. Drum herum sind die Wände rußschwarz. Um ihre Füße rennen Katzen, die Meerschweine fiepen, zwei der Hunde strecken ihre Nasen durch die Tür und laufen schwanzwedelnd auf die Dona zu. "Bevor man die cuys schlachten kann, müssen sie noch viel größer werden, so etwa." Die Dona deutet mit den Händen die Maße eines Stallhasen an. Doch darum muss sie sich nicht sorgen, wachsen tun die Schweinchen von allein, so wie sie sich von allein vermehren. Das Tal geht auseinander, macht die ersten Anzeichen in die Pampa überzugehen. Wir fahren durch sumpfige Wiesen, die von Steinwällen in Parzellen geteilt sind. Die Eisenbahnlinie Puno - Cuzco läuft in Sichtweite neben der Straße, wechselt manchmal die Seiten. Sehen wir einen Zug, schiebt er so langsam durch die Landschaft, dass wir uns auf den Rädern schnell fühlen.

         

Wir feiern an diesem Tag den ersten Geburtstag unserer Reise. Vor 365 Tagen haben wir vom Münchner Flughafen abgehoben, Richtung Amsterdam und dann nach Kanada. Während der ersten elf Kilometer mit den bepackten Fahrrädern nach Downtown Vancouver hinein, hatten wir gezweifelt, ob wir den doppelten Kontinent Amerika erleben würden. Jetzt, 11.000 Fahrrad-Kilometer später, sind wir auf dem letzten Teilstück der Panamericana-Tour angekommen. Die Radelei ist zur Routine geworden, Höhenunterschiede von weniger als einem Kilometer pro Tag bringen uns nicht aus der Ruhe. Wir haben den Angstbergen, den Anden, unsere Zähne gezeigt, uns gegen steinige Pisten und gemeine Anstiege durchgesetzt. Wir sind härter geworden gegen unsere müden Beine und empfänglicher für die leisen Veränderungen der Landschaft. Neugierig sind wir immer noch, denn hinter jeder Kurve liegt eine Entdeckung.

         

Eine weiße Bergspitze schaut auf uns herunter. Eine stille Lamaherde beißt ins Pampagras. Ein Hirte drückt sein Transistorradio ans Ohr. Kinder, ihre Wangen glühen violett, verlieren innerhalb von fünf Minuten die Scheu. Eine Frau im erdbraunen Rock hält ihren Filzhut fest, der Wind streichelt die blauschwarzen Haarzöpfe, sie hängen bis zum Po hinunter.

         

Ein Hund beäugt uns misstrauisch und beschließt, nicht zu bellen. Drei Esel schleppen Ballen, in Tuch eingeschlagenes Heu. Hinter ihnen geht ein Greis, Lederhaut im Gesicht. Seine Sandalen sind aus alten Autoreifen geschnitten. Zehen ragen heraus, knorrig wie Äste der krüppeligen Bäume, die in diesem sonnendurchglühten Eisklima weder wachsen noch vergehen. Wir, festgelegt auf die Nähe, die von Langsamkeit erzwungen ist, haben unsere Augen auf Kleinigkeiten umgestellt, die den Unterschied zwischen den Regionen der Welt ausmachen.

         

In Sicuani beschließt Kerstin, wegen des Jahrestages hätten wir Forellen zum Mittagessen verdient. In einer Seitenstraße liegen zwei kleine Restaurants nebeneinander. Wir entscheiden uns für die linke Tür. "Wir würden gern was essen, aber wir haben zwei Probleme." "Welche Probleme?", fragt der Mann, den wir für den Kellner halten. "Unsere Fahrräder." "Das sind keine Probleme, schiebt sie hier herein, dann passiert nichts." Die Pakkas stehen im kabuffgroßen Innenhof, wenn die Köchinnen aus der Küche hinauswollen, müssen sie sich an den Packtaschen vorbeischlängeln. Wir sitzen vor den Tellern, auseinandergefaltete Fische, zwei Handflächen groß, liegen auf einem Haufen Pommes frites. Die Besitzerin stellt sich zu uns. Früher, sagt sie, sei in Peru alles besser gewesen. Fujimori habe eine harte Regierungshand auf die Arbeitsscheuen gelegt. Kaum jemand habe viel verdient, aber jeder sei zum Arbeiten gezwungen gewesen. Die Aufrührer vom "sendero luminoso", dem "Leuchtenden Pfad", seien erschossen worden, wie es sich gehöre. "Nein, Demokratie ist gar nicht gut für das Land. Präsident Toledo bittet zwar immer wieder, ihm noch ein wenig Zeit zu geben, doch es bewegt sich nichts. Die Zeiten werden schlechter und das Geschäft auch." Die Besitzerin zeigt auf den leeren Stühle im Restaurant. "Wollt Ihr heute weiterfahren? Ihr könntet gern in unserem Haus übernachten", sagt Juana. "Keine Angst, mein Mann arbeitet bei der Polizei." Wir verstehen jetzt, warum der Kellner vor einer halben Stunde von einem Polizeiauto abgeholt worden ist. "Ja, mein Mann ist wieder bei der Arbeit, er kommt jeden Tag in seiner Mittagspause, um mir zu helfen." Ursprünglich hatten wir vorgehabt, den Tag nicht so früh zu beenden, doch das Angebot hält uns in Sicuani. "Wohin mit den Rädern?", fragt Kerstin. Juana überlegt: "Ihr könnt sie gern hier lassen, aber vielleicht ist es besser, sie ins Haus zu bringen." Vor dem Restaurant geraten wir in eine Schulklasse. Die Kinder sind auf dem Heimweg und keilen uns ein. Ein Mädchen, sie wird von ihren Freundinnen um den Mut beneidet, fragt Kerstin aus. Die anderen begnügen sich damit, unsere Straußenfedern zu betasten und auf die Landkarten zu starren. Auf der Fahrbahn versuchen Männer, ihre dreirädrigen Fahrradtaxis durch den aufgescheuchten Haufen zu bugsieren. Auch sie sind an uns interessiert, mehr als am Verkehr. Zwei der triciclos stoßen mit Gewalt zusammen, kippen um, Ein Passagier, ein Herr im grauen Nadelstreifenanzug, rollt auf den Asphalt. Er hält ein Aktenpaket mit den Händen umklammert. Wir schlendern über den Markt, durch die Straßen Sicuanis. Frauen mit Hüten und fünffachen Röcken sitzen an Ständen, ihre Säuglinge haben sie gegen die beißende Abendluft in Tücher und Decken gewickelt. Auch die Gesichter sind verhüllt und werden nur zum Stillen freigelegt. Dann nesteln die Frauen eine Brust unter Umschlagtuch, Strickjacken und Blusen heraus. Legen sich das Bündel auf den Schoß und unterbrechen nicht für einen Augenblick Geschäft und Gespräch.

         

Auf dem Bürgersteig kommt uns eine breite Gestalt entgegen. Gelbe Regenjacke mit silbrigen Reflektionsstreifen, graue Jogginghose, an den Knien ausgebeult, Brille unter dem Schirm einer Baseballmütze, die ihr Beige gegen ein Fettgrau eingetauscht hat, Rob, der kanadische Weltumradler. Sein Gesicht wirkt fast so grau wie die Kappe, er leidet an Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfall. "Hi Rob, wie gehts?" "I am fine." Ein bisschen komisch fühlt er sich, gibt er später zu, als wir in seinem Hotelzimmer sitzen, bei einer Zweiliterflasche Cola. Der Bauch? Kein Grund, irgendein Medikament zu nehmen, sagt Rob, als wir ihm aus unserer taschenfüllenden Apotheke ein feines Häppchen anbieten. Rob hat seine Nationalität nicht nur mit eigener Hand in Form von vier rotweißen Ahornflaggen auf die Packtaschen genäht, er trägt sie in seiner ganzen Person spazieren. Er misst die Welt an der Weite Kanadas. Daheim hat er die Spanne zwischen Daumen und kleinem Finger über sein Land gelegt. Von Ost bis West, 6.000 Kilometer. Dieselbe Spanne passt auf seiner Weltkarte über Südamerika. Mathematiker und Physiker, der er ist, schloss er: "Ich bin in zwei Monaten quer durch Kanada geradelt, also bezwinge ich Südamerike in derselben Zeit." Zu Weihnachten will er in Südafrika sein, sich einen Santa-Claus-Traum erfüllen. Rob stellt sich vor, wie er in irgendeinem Township anhält, sich bei einer armen Familie einlädt um ihr ein Weihnachten zu bescheren, das sie nie vergessen wird. Er sieht die Kerzen in braunen Kinderaugen leuchten und kleine Füße nach einem Soccer-Ball treten, den er geschenkt hat. "Do they know it's christmastime at all?" Rob will eine Antwort auf den Song von Bob Geldof geben. Er ließ die seltsam rotbraune Färbung auf der Westseite seiner Landkarte, die Anden, außer acht, und ebenfalls die Unterschiede zwischen nord- und lateinamerikanischem Straßenbelag. Rob sitzt auf seinem Bett in Sicuani und begreift noch immer nicht, dass er seit zwei Monaten in Peru ist. "Und ich bin fast jeden Tag geradelt, das kann doch nicht sein." Wir würden ihn am liebsten umarmen, so traurig klingt seine Stimme. Doch Peru ist nicht das Ende Südamerikas, es liegt ein wenig nördlich von der Mitte des Halbkontinents.

         

"Dein Plan funktioniert nicht, bis Ushuaia sind es noch mindestens fünfeinhalbtausend Kilometer", sagt Bernd. "Impossible", antwortet Rob. "Doch möglich, denn allein Chile ist 4.500 Kilometer lang, in Luftlinie gemessen", sagt Kerstin. Irgendwie vermutet Rob, dass wir recht haben, doch sein kanadischer Kopf hat keine Lust, es zu glauben. "It's less", sagt er. Wir beginnen, von anderen Dingen zu sprechen. Als wir auf die Uhr schauen, ist es fünf vor zehn. Mist, unsere Herbergseltern erwarten uns. "Man sieht sich, Rob, irgendwo auf der Straße." Wir laufen zum Restaurant. Die Fensterläden sind verbarrikadiert. Weiter, zum Haus. Juana und ihr Mann schließen eben die Tür auf. "Mein Mann Gregory", sagt Juana. Sie laden uns auf einen Schluck ins Wohnzimmer ein. Gregory legt peruanische Volksmusik auf und erzählt von seinen Aufgaben als Sprengstoffexperte, und dass er einige Jahre als Umweltpolizist am Machu Picchu gearbeitet hat. Sie haben zwei Kinder, Sohn und Tochter, die in Cuzco die Privatuniversität besuchen. "Das ist sehr teuer, fast unsere gesamten Einnahmen fließen in die Ausbildung der Kinder, aber es ist ihre einzige Chance auf ein einigermaßen sorgenfreies Leben", sagt Juana. Das Ehepaar opfert Jahre. Sie arbeiten von morgens bis abends und hoffen auf die Zeit, die bleibt, nachdem sie ihren Kindern durch das Studium geholfen haben. Nach Mitternacht strecken wir uns in den Betten im Kinderzimmer. An der Wand räkelt sich die nackte junge Madonna, der Sänger von Guns'n'Roses schaut finster auf uns herunter. Wir löschen das Licht. Um halb sieben nimmt Juana eine Fünfminutendusche. Gregory hat den Computer eingeschaltet. Er legt eine Lexikon-CD ein und spielt uns zum Frühstückskaffee die deutsche Nationalhymne vor. Er klickt auf das Stichwort München und auf dem Bildschirm erscheint der Marienplatz mit dem neuen Rathaus. Wir sitzen in Peru und können Oberbürgermeister Christian Ude ins Büro schauen. Unsere Herbergseltern müssen sich beeilen, pünktlich ins Restaurant zu kommen, sie verabschieden sich mit Umarmungen. Wir gehen auf die Straße, vor uns liegt ein Pass, 4.330 Meter. Peru beweist, dass es auch gemütlich aufwärts gehen kann. Wir radeln an Marangani vorbei, einem Dorf, in das ein ausländischer Landwirt ein Gut gesetzt hat. Um das Herrenhaus, herausgehoben als Doppelflügelbau und Säulen vor dem Portal, hat er verputzte Ziegelhäuser mit Spitzdach gruppiert. Wenige Meter weiter sind wir wieder umgeben vom Peru der Adobe-Hütten, bei denen es mit Glück zu einem Blechdach reicht.

         

In den Weiden hocken Hirtinnen wie rote Pilze, in ihrer Nähe nagt das Vieh an Grasstrünken. Die Ruhe der Landschaft gibt uns so viel Abwechslung, dass wir den Aufwärtstrend der Straße kaum bemerken. Am Scheitel des Passes haben Indianerinnen neben dem Schild mit der Höhenangabe ihre Waren ausgebreitet. Alles, was Schaf und Alapaka hergeben, Pelzmützen, Wolljacken, Schals. In der Parkbucht steht ein Touristenbus und seine Passagiere gönnen ihren Geldbeuteln keine Ladehemmung. Zwei Frauen und drei Mädchen im Kindergartenalter, verpackt in rotwollene Ponchos stehen als Fotomodelle bereit. Die Kinder lassen sich von den Französinnen abküssen. Jeder Kuss ist ein Sol-Stück wert. Reiseopis werden von ihren Gattinnen neben den Indianerinnen geknipst. "Senores, toma un foto?", fragt eine der Frauen, als der Bus abgedampft ist. Wir schütteln die Köpfe. "Gutes Geschäft mit den Gringos, nicht wahr?", fragt Bernd. Die Indianerin antwortet nicht, sie grinst. Wir versuchen, den finsteren Wolkenbergen davonzuradeln, die sich gegen den Wind hinter uns herwälzen. Keine Chance, kurz vor dem nächsten Ort prasselt ein Hagelschauer auf unsere Köpfe. Wir entwischen unter einen überdachten Durchgang am Schulgebäude. Im Altiplano lässt sich der Regen von Donnern, Blitzen und beißenden Eiskugeln begleiten. Wir können uns auf das Gewitter verlassen. Jeden Nachmittag zwischen drei und vier Uhr ballen sich die weißen Wolken zu blauschwarzen Giganten. Manchmal führt uns die Straße in knappen Abstand am Unwetter vorbei, wir sehen, wie der Himmel Fäden auf die Berge fallen lässt und die Blitze durch Schleier zucken. Manchmal fahren wir direkt in die Schwärze und manchmal drehen die Wolken eine Schleife, bevor sie sich über uns entladen.

         

Mit Rob haben wir eine lose Radlergemeinschaft gegründet. Er braucht morgens zwischen Aufwachen und Aufsitzen etwa zwölf Minuten, in denen er Zähne putzt, ein paar Schluck Cola nimmt und vielleicht eine Banane isst. Wir stehen zwar früher auf, doch bis das Wasser auf dem Kocher dampft und wir den Kaffee getrunken haben, ist Rob meist schon unterwegs. Wir verabreden uns für zwischendurch, für abends, gelegentlich fahren wir als Dreigespann. Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, nie mehr mit anderen zu radeln, doch Rob ist ein unkomplizierter Gefährte. Gemeinsam kommen wir in Pucara an. "Uff, zum Mittagessen schon 83 Kilometer auf dem Tacho, das ist nicht schlecht", sagt Rob. Wir schieben die Räder ins einzige Restaurant, setzen uns und bestellen das Menü. Rob erzählt, wir erzählen, ruckzuck sind zwei Stunden vorbei. "Wir können leicht noch vierzig Kilometer fahren." Am Dorfende liegt eine Senke, dahinter ein Hügelchen. Oben halten wir an. "Oh, es wird windig", sagt Rob und reibt seine Bartstoppeln. Wir schauen uns an. "Ach nöö, das ist wirklich kein Spaß", sagt Bernd. Kerstin sieht aus, als wäre sie ausschließlich mit der Verdauung des Mittagessens beschäftigt. Aus dem Straßengraben schaut ein Kinderpaar zu uns hinauf. Wir versuchen aus der Gegend zu lesen, wie bergig es weitergehen könnte. "Uaaah, its windy!" Rob wackelt mit den Händen. Wir lachen und stehen an der Straße, Amerikaradler, die durch die Windwüste Patagonien fahren wollen. "Muss das heute wirklich sein, wir werden noch genug Gegenwind bekommen", sagt Kerstin. "Muss nicht sein", sagt Rob. "Ganz genau", findet Bernd. Fahrräder umdrehen, runterrollen. Die Krankenschwester in der "casa de salud" bringt uns in einem Zimmer unter, das nach Jod riecht. Auf einem der Betten liegt eine Spritzenpackung und eine Ampulle mit einem Restchen Antibiotikum. Juan streckt seinen Kopf durch die Tür, der fünfjährige Sohn einer der Verwaltungsangestellten, die im Gang Patientenakten sortieren. Er sucht Ablenkung von seiner Langeweile und beisst mit Appetit in das Brot, das Bernd ihm hinstreckt. "Ihr seid Gringos, nicht wahr?" "Was sind Gringos?" "Naja, Leute mit blonden Haaren halt." Bernd deutet auf seine dunkelbraunen Lockenreste. "Ich bin nicht blond, bin ich trotzdem ein Gringo?" "Du sprichst jedenfalls wie einer!" "Wie sprechen Gringos?" Juan überlegt. "Irgendwie komisch, nicht so wie wir. Wir sprechen nämlich normal!" Peru besitzt begnadete Fälscher. Ihre Werkstätten liegen in Juliaca. In den Hinterhöfen produzieren Handwerker alles, was einen wertvollen Namen hat: Coca-Cola, die Shampooreihe von Procter und Gamble, Toshiba, Samsung und Marlboro. In Cuzco hatten wir bei einem Straßenhändler eine Stange Zigaretten gekauft. Die Packungen sahen aus, als hätten sie eine us-amerikanische Philip-Morris-Niederlassung für den Export verlassen. Als wir uns den Aufdruck genau anschauten, sahen wir, das die Lettern unregelmäßig erscheinen,. Ein Hauch von Unschärfe, der deutlich sagt: "Made in Juliaca". Wir bezahlten 30 Soles für 200 Zigaretten, 20 Soles weniger als der Ladenpreis, doch wenn die Händler ihre Ware für 10 Soles (etwa 2,85 Dollar) losschlagen, haben sie einen Gewinn gemacht. Das wertvollste Produkt juliacischer Nachmacher ist die peruanische Währung. Man erzählt sich, dass zum selben Zeitpunkt, als die Nationalbank ihre Münzprägemaschine orderte, eine zweite Maschine für Juliaca angefordert wurde. Eine Wirtschaftszeitung berichtete: Im Jahr 2001 brachte der Staat etwas mehr als 4 Millionen Ein-Sol-Stücke in Umlauf. Juliaca steuerte dieselbe Menge bei. Die Fälscher haben sich hinter die Schmerzgrenze der Peruaner zurückgezogen. Für Touristen ist es fast unmöglich, falsche Geldscheine weiterzugeben, die sie sich von Straßenwechslern eingehandelt haben. Jeder betastet die Noten sorgfältig, bevor er sie akzeptiert. Kopf in den Nacken, Schein gegen die Sonne halten, das Papier auf Elastizität prüfen, diese Bewegungen sind allen Händlern zur Selbstverständlichkeit geworden. In vielen Eckgeschäften, auch solchen, die von uralten Mütterchen geführt werden, steht zwischen Zigaretten, Keksen und Kleingeld eine Schwarzlichtlampe, unter der sie das Fluoreszieren des Papiers begutachten. Ein Schein ist in jedem Fall viel Geld, da möchte man sicher gehen. Auch Zweier- und Fünfer-Münzen lässt sich niemand unterschieben. Die allgemeine Gleichgültigkeit beginnt beim Ein-Sol-Stück. Die Falschen zirkulieren als gleichberechtigte Währung neben den staatlichen Münzen. Nachdem wir mitbekommen hatten, dass in jeder Geldbörse falsches Geld liegt, begannen wir einen sinnlosen Versuch, die Juliacamünzen abzuwehren. Du kaufst eine Cola, bekommst fünf Geldstücke zurück. Hältst sie auf der flachen Hand dem Verkäufer vor das Gesicht. Drei sind falsch. "Estos no quiero, son mal hechos." "Die will ich nicht, sie sind falsch." Ein ungläubiges Staunen tritt in die Augen des Händlers. "Was für verrückte gringos es doch gibt. Was haben die jetzt wieder für Ideen?", soll dieser Gesichtsausdruck heißen. "Todos son iguales." "Die sind alle gleich", antwortet er. "No son iguales, son mal hechos, déme otros", antwortest du. "Geben Sie mir andere." Mit einem Seufzen kippt der Händler sein Kästchen Wechselgeld auf die Theke und du suchst aus den Münzen drei staatliche aus. Manchmal ist unter zwanzig Sol-Stücken kein einziges echt. Du begnügst Dich mit sechs 50-Centavos. Alles, was kleiner ist als ein Sol, wird in Juliaca nicht geprägt. Wir fragen uns, wie die Fälscher mit den Solstücken, eines ist etwa 30 Dollarcent wert, ein Geschäft machen können. Es ist völlig unmöglich ohne eine professionelle Verteilerorganisation, die möglicherweise mit staatlicher Unterstützung funktioniert. Für eine kleine Bande wäre die Herstellung der Münzen aus einer Legierung, die wie die echte aussieht, teurer als der Nennwert des Geldstücks. Sicher ist, dass die Polizei am Falschgeld verdient. Jeder Polizist weiß, dass die Straßenhändler in dem Scheinbündel, mit dem sie lockend wedeln, einen Teil Blüten für Fremde bereithalten. Anstatt zu kontrollieren, kassieren die Uniformierten nach einem erfolgreichen Geschäftstag ihren Anteil. Wir hatten Glück, in Macara, unserem kleinen Grenzübergang, standen keine Wechsler und auch aus dem Geldautomaten kamen stets saubere Noten. Rob war über den Küstenort Tumbes nach Peru gekommen und hat von dort zwei handgemachte Zwanziger mtgebracht. Er erzählt von einem anderen Trick. Der erste Wechsler, bei dem er 25 Dollar in Soles tauschen wollte, bot ihm einen Kurs von 3,8 an. "Das ist ein guter Kurs, machen wir das Geschäft", sagte Rob. Der Händler tippte in seinen Taschenrechner: "25 mal 3,8." Als Ergebnis stand "68" auf dem Rechner. Ungläubig tippte Rob die Ziffern nochmal ein, mit demselben Ergebnis. "Hey guy, 25 mal drei ist schon 75, was hast Du mit dem Rechner gemacht?" Wer kein Kopfrechner ist, hat in Peru verloren. Der Ruf Juliacas ist bis zu den Reisebuchautoren gedrungen, und sie warnen vor einem Besuch. Auch Peruaner hatten gesagt, Juliaca sein kein Platz zum Bleiben: "Alli viven gente mala." Viele schlechte Leute solls dort geben.

         

Wir radeln in ein peruanisches Städtchen, in dem das normale Tagesgeschäft gelassen auf den Straßen abgewickelt wird. Marktfrauen hocken neben ihren Ständen, Fahrradtaxis kurven zwischen den Fußgängern, Hunde zerren an Mülltüten, Schulkinder trödeln auf dem Heimweg. Am Hauptplatz begreifen die lustrabotes nach der dritten Ablehnung, dass wir unsere Schuhe staubig lassen wollen. Rob passt auf die Fahrräder auf, Kerstin und Bernd inspizieren die umliegenden Hotels. Wir nehmen ein Dreibettzimmer im "Don Pedro", dessen Fassade auf den Platz geht. Ein dunkler, muffiger Raum mit Viermeterwänden. Die Dusche ist warm und kostet extra. Morgens wuchten wir die Räder über die steile Treppe auf den Bürgersteig. Unten steht ein Team vom "Panamericana TV". Der Nachrichtenchef, ein Mikrofonträger und der Kameramann. Sie sind auf dem Weg zu einem Termin, für ein Stehgreifinterview mit uns nehmen sie sich Zeit.. "Habt Ihr in irgendeinem Land schlechte Erfahrungen mit den Einwohnern gemacht?" "Aus welchem Grund seid Ihr so lange Zeit unterwegs?" Nach fünf Minuten haben sie uns im Kasten. Rob lehnt mit bleichem Gesicht neben dem Hoteleingang, er hat Durchfall und fühlt sich unwohl. Kerstin und Bernd dürfen den Fernsehleuten noch eine Runde um den Platz liefern. "Wann werdet ihr das Interwiev senden?" "Morgen früh um 6.45 Uhr." Wir würden unser spanisches Gestammel gern sehen und hoffen, in Puno ein Hotel zu finden, in dem zumindest der Portier ein Fernsehgerät hat. Die Landschaft geht flach und langweilig dahin. Wir radeln neben dem Titikakasee, doch von seinem Wasser ist nichts zu sehen, das Ufer liegt mindestens 10 Kilometer entfernt. An der Abzweigung zu den Grabtürmen der Inka in Sillustani setzen wir uns unter das Hinweisschild. Rob fühlt sich nicht so, als ob ihm die zusätzlichen 28 Kilometer zum Archäologiepark Spaß machen würden. "Erzählt mir später, ob die Türme einen Besuch wert sind, dann kann ich morgen mit dem Bus rausfahren." Wir biegen in eine Pampastraße, schmal aber geteert. Sie umkurvt die Hügel und sticht in einen Ort, dessen Häuser von niedlichen Mauern eingefasst sind, durch Torbögen schauen wir in gefegte Innenhöfe.

         

Solche Häuser haben wir in Peru noch nicht gesehen. Den Sinn der Architektur verstehen wir auf dem Rückweg.

         

Die Inkas haben ihre Könige auf einer Halbinsel im Urrayosee bestattet. Sie schichteten akkurat behauene Steinquader zu runden Türmen und legten die Leichname hinein. Für die Verstorbenen niederen Ranges tat es ein Haufen Natursteine. Die Toten hatten von dem Hügel der Halbinsel eine weit reichende Aussicht auf ihre Ländereien.

         

Nach einem Blick auf die antiken Steine argwöhnen wir, sie seien vielleicht gar nicht besonders sehenswert. Kerstin verzichtet darauf, eine Eintrittskarte zu kaufen. Sie setzt sich neben die Parkplätze zu den Fahrrädern. Nach ein paar Minuten ist sie nicht mehr allein. Die vier Wächter, Männer aus dem Nachbardorf, sind neugierig, und weil die Busse mit den Touristen erst ab 15 Uhr eintreffen werden, haben sie nichts zu tun. Statt sich in der Bude zu langweilen, unterhalten sie sich lieber mit einer Radlerin. Themen gibt es genug. Autos, Bier aus Deutschland, das Leben in Peru, Kinder, der See, die Landschaft und die Arbeit. Als die ersten Besuchergruppen anrollen und die Wächter ihre offizielle Miene aufsetzen, verabschieden wir uns. "Chiao, hasta luego." Im Dorf parken Busse. Peruanerinnen lehnen in den Torbögen, halten Kinder oder Lämmer auf den Armen. Das Dorf lebt von der Nähe zu Puno, den Reiseveranstaltern, die am Vormittag den Titikakasee und am Nachmittag Sillustani aufs Programm setzen. Und die Dörfler haben ihren Tagesablauf und ihre Häuser auf das Bedürfnis eingerichtet. Gratisfotos gibts hier nicht. Auf unserer Karte ist die Straße zwischen Juliaca und Puno als gerade Linie eingezeichnet. Wir denken nichts Böses, als die Fahrbahn hinter einem Hügel nach rechts abbiegt. Doch es sieht nicht so aus, als ob die Steigung bald enden würde. Sieben Kilometer lang müssen wir auf 4.100 Meter hinaufklettern. Wir tun es, und sind erbost, am Ende des Tages diese Zumutung dulden zu müssen. Oben sehen wir Puno in einer Bergmuschel liegen, die sich zum See öffnet. Steil, sehr steil führt das Kopfsteinpflaster ins Zentrum, Stadtbusse hupen an uns vorbei, wir krampfen die klammen Finger um die Bremsgriffe. Punos Häuser lassen dem Verkehr wenig Spielraum und die Fußgänger engen ihn noch mehr ein. Wir sind genervt, als wir vor dem Hotel halten, in dem wir mit Rob verabredet sind. Puno scheint uns weniger freundlich als das verrufene Juliaca. Trotzdem werden wir zwei Nächte bleiben, einen freien Tag machen, um die "schwimmenden Inseln" der Uros-Indianer anzuschauen. Rob leiht sich unsere Landkarten aus, er will zusammenrechnen, wie weit er bis Ushuaia zu radeln hat, die Einwände haben ihn nachdenklich gemacht. Anderthalb Stunden später, wir holen ihn zum Abendessen ab, sitzt er mit zusammengesunkenen Schultern am Tisch in seinem Zimmer. "Was hast Du rausgekriegt?" "There is good news and bad news!" "Bis nach Ushuaia sind es 6153 Kilometer - von La Paz aus." "Und was daran ist die gute Nachricht?" "Ich könnte es trotzdem vor Weihnachten schaffen, wenn ich jeden Tag etwas mehr als 80 Kilometer fahre." "Alles klar Rob, das machst Du leicht." Jetzt braucht Rob eine Beruhigung, wie sie ihm nur Pizza und Cola geben können. Wir sitzen im Restaurant mit einem Rob, der immer wieder vor sich hin murmelt: "The world is a big place!" Dunst weht über der Stadt, als wir zum Hafen gehen. Ein Boot liegt abfahrbereit an der Mole, wir zahlen und der Verkäufer verspricht, man werde uns zu drei der schwimmenden Inseln bringen.

         

Langsam zieht der Kahn eine Rinne durch die Wasserlinsen, die den See in Ufernähe bedecken. Das totora-Schilf wächst kilometerweit hinaus. Wir nähern uns den Inseln, sie sehen aus wie überdimensionale Nester von Wasservögeln. In regelmäßigen Abständen schütten die Bewohner neue totora-Lagen auf, die untersten Schichten faulen langsam weg. Die Insel stehen etwa einen halben Meter über der Seeoberfläche.

                             

Man geht wie auf einem Komposthaufen. Unter den Schuhen schmatzt das Schilf. Die schwimmenden Inseln schwimmen längst nicht mehr. Sie sitzen als gelandete Schiffe im flachen Wasser. Ursprünglich waren sie ein Refugium der Uros, die sich von den Inkas fernhalten wollten, um ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Das Experiment ist fehlgeschlagen. Die Uros sind in der Kultur der Eroberer untergegangen. Nur die Inseln sind geblieben. Die heutigen Besitzer wohnen sozusagen in Geschäftsnähe und nehmen für die guten Einnahmen die totale Kommerzialisierung ihres Lebens in Kauf.

         

Eine Führerin lotst aus einem anderen Boot ihre Reisegruppe in die Schule der "Uros-Inseln". "Dürfen wir eintreten?" Schon stehen zwanzig Touristen im Klassenzimmer. Mitten in einem Satz der Lehrerin springen die Kinder auf und singen ein Lied. "Willkommen liebe Besucher", oder so ähnlich. Man hört den Stimmen nicht an, dass sie dieselben Strophen an jedem Schultag mehrfach singen. Wir finden die Veranstaltung nicht besonders gelungen und merken erst, als wir unsere Fotos anschauen, dass wir in einer pittoresken Umgebung gewesen sein müssen.

         

Am Ufer des Titikakasees hocken Frauen neben totora-Bündeln. Sie flechten das feste Gras zu Matten, aus denen man Hauswände oder Matratzen-Unterlagen machen kann. Die Arbeiterinnen schauen uns hinterher. Ein Mann sitzt auf dem Platz vor seiner Hütte. Er hat mit Eisenstäben einen Rahmen im Boden abgesteckt und webt aus schwerer Wolle einen Bettüberwurf. Er zupft die Fäden mit einem abgewetzten Geweihstachel fest. Drei Tage lang wird es dauern, bis das Tuch fertig ist, sagt er.

         

Das Seeufer entfernt sich von uns, wir bleiben in welligem Pampaland, durchqueren kleine Ortschaften. Am Nachmittag ballt sich hinter uns wieder dunkles Gewölk, wir beeilen uns, Juli zu erreichen. Rob ist vorgefahren, wir sehen seine gelbe Regenjacke am Platz, als wir die Räder die Hauptstraße hinaufschieben. Das Hostal gegenüber dem Markt, ein nackter Betonbau, lädt uns nicht ein. Bernd macht einen Spaziergang, um ein Ausweichlager zu finden. An der Seite der trutzigen Kolonialkirche steht das Pfarrhaus, seine Tür ist versperrt und öffnet sich auch auf Klopfen nicht. Die Vereinigung der Pensionisten Julis hätte einen schönen Versammlungsraum, doch die Hausmeisterin, eine zahnlose Indianerin, behauptet, der Schlüsssel sei beim Beauftragten in Verwahrung. Der Mann wohnt in einer Straße, die nicht im Zentrum liegt. Bernd kommt am Knast vorbei. Die Eisentür ist angelehnt. Im Büro sitzen drei Männer über grün eingebundenen Folianten. "Leider sind wir nur die Angestellten, wir werden um sechs Uhr nach Hause gehen und das Gebäude abschließen", sagt einer. Er überlegt: "Versuch es doch mal bei der Polizei, die hat bestimmt ein Plätzchen." Als Bernd zum Platz zurückkommt, nagt Rob an einem Hühnerschenkel, den er am Straßenstand nebenan gekauft hat. Kerstin unterhält sich mit einem jungen Mann. "Raul würde uns in seinem Büro schlafen lassen", sagt sie. "Ich spreche auch Englisch",sagt Raul zur Begrüßung. Das freut Rob, und er redet Raul im breitesten Kanadisch an. Raul versteht kein Wort. Er zuckt mit den Achseln: "Ich habe Englisch in der Schule gelernt, aber Ihr wisst ja wie das ist, wenn man keine Gelegenheit hat, es auszuprobieren, vergisst man alles." Raul arbeitet für einen Verein, der vom deutschen "terre des hommes" unterstützt wird. Mit drei Kolleginnen betreut er neun Indianerdörfer rings um Juli. "Wir bemühen uns um die Erhaltung der Traditionen", sagt Raul.

         

Er zeigt uns Bilder von den alten Zeremonien bei der Kartoffelsaat und Ernte. "Alle Früchte sind Geschenke von pacha mama, Mutter Erde", sagt Raul. "Man muss sie um Erlaubnis fragen, bevor man sie pflügt und vor der Saat, damit sie uns eine gute Ernte zukommen lässt." Viele der Aymara-Kommunen haben sich weit von ihren Wurzeln entfernt. In den Töpfen der Haushalte kochen Nudeln aus der Fabrik anstatt eine der 300 Maissorten, die man früher anbaute. "Die Leute vergessen, dass Quinua ihre eigene Getreideart ist, von der ein Reisender pro Tag nur ein oder zwei Handvoll braucht, um satt zu werden." Es ist Rauls Aufgabe, sich mit den alten Leuten in den Dörfern zu unterhalten, um so viele ihrer Erzählungen zu sammeln, wie möglich. Der Verein besucht die Schulen und bringt den Kindern althergebrachte Spiele bei, die auf handwerkliche Fähigkeiten zielen. "Kinder sind unsere große Verantwortung. Wenn wir sie überreden können, die Weisheit der Vorfahren zu übernehmen, wird das Landleben süß bleiben." Raul hat sich von der Idee faszinieren lassen. Seine Mutter ist die Präsidentin des Vereins. Vor einigen Jahren wurde sie von einer Lama-Züchterin, der es um die Vermehrung von Fleisch und Wolle ging, zur Bewahrerin der Tierarten, die zwar nicht in industrielle Raster passen, aber ihre Aufgaben im Leben der Bauern perfekt erfüllen. Raul studierte Betriebswirtschaft und hat für seine Arbeit zusätzliche Agronomie-Kurse belegt. Er verdient hundert Dollar im Monat. "Meinen Studienkollegen, die gute Jobs in der Stadt besetzen, habe ich nicht erzählt, was ich tue."

         

Keiner von uns hat Lust zum Fahrradfahren. Bevor wir Juli verlassen sitzen wir auf dem Platz gegenüber den vierkantigen Türmen der Kirche. Ein Greis mit vergnügten Falten im Gesicht und Weste unter der Anzugjacke bleibt vor uns stehen. Er steckt sich die schwarze Zigarettenspitze in den Mundwinkel. "Wie geht es Ihnen? Ich habe sie in den Nachrichten gesehen. Sie sind ja schon eine ganze Weile unterwegs." Der Mann lässt sich erklären, wie wir unsere Reise fortzusetzen gedenken, nickt, pafft, und lupft seinen Hut zum Abschied. Zum Mittag kommen wir in Yunguyo an. Über dem Ort tönt Blechmusik, in Innenhöfen proben grell gekleidete Musikanten ihren Auftritt zum Fest der Stadtgründung. Die Straßen um den Platz sind menschenverstopft, wir müssen von den Rädern steigen, uns um ein paar Ecken drücken, bis wir ein Restaurant finden, in dem das Tagesmenü noch nicht ausverkauft ist. Durch die Glastür sehen wir, wie Tänzerinnen in Miniröcken und mit Stiefeln,. die übers Knie gehen, Aufstellung nehmen. Andentrachten, Anzüge der spanischen conquista, futuristische Silberpanzer, unter denen die Träger dicke Schweißperlen schwitzen, alle möglichen Tuchfarben rennen durcheinander. Je näher die Darsteller der Tribüne am Platz rücken, desto geordneter wird ihr Zusammenspiel. Sie proben zum letzten Mal die Schritte, Trompeter blasen versuchsweise eine Tonfolge. Die Mehrheit der Festgäste hat den Kopf nicht mehr frei. Das Bier drückt auf die Blasen und sie entleeren sich ohne Rücksicht auf Zuschauer. Die Pisse rinnt in Bächen übers Kopfsteinpflaster, es riecht wie in schlechten Bahnhofstoiletten. Das ist unser letzter Eindruck von Peru. Rob nennt das Land seit Tagen nur "Piii-ru", weil er sich über die Zwanglosigkeit, mit der an allen Straßenecken Urin abgeschlagen wird, nicht beruhigen will. Vier Kilometer hinter Yunguyo steht ein steinerner Torbogen über der Straße, der die Grenze Boliviens markiert. Eine Geldwechslerin sitzt an einem Metalltischchen und holt die Bolivianos, die wir kaufen wollen, aus der Schublade. Drei Hunde spielen Fangen und vor einem Laden, an dessen Tür Kekse und Limonadenflaschen ausgestellt sind, wippelt der Besitzer auf einem Stuhl. Kasani ist ein Grenzdorf, das sich durch die wenigen Busse, die hier die Seite wechseln, nicht aufscheuchen lässt. Die Beamten nehmen sich die Zeit zwischen Passanschauen und Stempeln nach unserem Ergehen zu fragen und sie geben uns eine Streckenbeschreibung mit auf den Weg. "Noch ein Hügel und Ihr seid in Copacabana." Es ist, wie sie sagen. Wir schauen von oben auf die erste bolivianische Stadt. Sie liegt am Ufer des Titikakasees und beherbergt den Marinestützpunkt des küstenlosen Landes. In Sichtweite liegen die Inkainseln Sonne und Mond, die mit ihren Ruinen für ein ausreichendes Interesse der Touristen sorgen. Argentinische Langzeitreisende haben auf Decken Schmuckhandarbeiten ausgebreitet. Sie sitzen hinter dem Silberzeug, putzen ihre Fingernägel, schlagen lederbezogene Trommeln oder üben sich im Jonglieren von Plastikkeulen. Wieso nennt man Copacabana "the hottest spot north of Havanna"? Wir erfahren es nicht. Nach Copacabana kommt man, wenn Auto, Bus oder Lastwagen eine Segnung nötig haben. Viermal am Tag verlässt ein Franziskanerpater die Kathedrale. In der linken Hand trägt er ein Henkelkesselchen mit Wasser. Darin schwimmt eine Geranie. Auf dem Platz stehen blumengeschmückte Fahrzeuge, die Motorhauben sind ebenso aufgesperrt wie die Türen. Die Besitzer warten mit gläubigen Gesichtern auf die Dusche, die Getriebeschaden und Unfall verhindern soll. Wir haben unseren Fahrrädern weiße Gladiolen an die Lenkstangen gesteckt und stehen in der Reihe, um die Segnung zu empfangen.

                   

Der Pater spritzt mit der Geranienblüte das Wasser auf alles, was nach Weihe verlangt. Lederpolster, Gepäcktaschen, Verteilerkappen und Köpfe halten unter dem heiligen Schauer still. In zehn Minuten ist die Zeremonie beendet, und die blumenbekränzten Autos fahren hin, wo sie hergekommen sind. Der Kirchplatz liegt wieder ruhig. Die Blumenverkäuferinnen ordnen ihre Sträuße neu, in ein paar Stunden ist die nächste Runde fällig. Copacabana ist der Hauptort einer bergigen Halbinsel. Die Hügelkette, über die wir fahren müssen, beginnt schon im Ort. Wir schleichen hinaus, anderthalb Stunden angestrengtes Treten, dann sehen wir den See und bleiben in seiner Nähe. Sandige Buchten säumen ein Wasser, das viel blauer ist als auf der peruanischen Seite. Inselchen liegen in Rufweite, im Schatten ihrer Bäume ruhen Ziegeldächer. In San Pedro de Tiquina ist die Straße zu Ende und der Verkehr wird auf flache Fährkähne verladen. Die Eisenhüllen biegen sich unter der Last eines Busses oder zweier Autos und ein Außenbordmotor mühlt die Last schleppend hinüber zum Schwesterdorf San Pablo de Tiquina.

         

Das kleinere der beiden Restaurants bietet Suppe und gebratenes Rindfleisch an. Nach der Pause gehen wir an die zähen Hügel des neuen Ufers. Zwei Stunden später beruhigt sich die Straße. Wir fahren an idealen Zeltplätzen vorbei, sehen Dörfer, in denen es nicht mal einen Laden gibt. Wenige Kilometer weiter steht ein Hotel an der Seite des nächsten. In allen Restaurants sind gebratene Forellen die Nummer eins. Der bolivianische Jachtclub hat blaue Segel gesetzt.

         

Unser Ziel heißt Huarini, weil es auf der Landkarte nicht zu mickrig wirkt und in der richtigen Entfernung liegt. Es beweist, dass Kartenzeichner Phantasie haben dürfen. Die Bewohner verzichten auf ein Restaurant, doch zumindest steht eine "casa de salud" am Platz. Wieder reden wir mit einer Krankenschwester. Diesmal dürfen wir nicht ohne weiteres eintreten. Die Frau fände es besser, wenn wir im Pfarrhaus schlafen würden, doch dort ist niemand daheim. Erst als die Krankenschwester sich davon selbst überzeugt hat, lässt sie uns in den Garten. Wir stellen das Zelt auf und hören aus der Nähe einen Diskjockey ins Mikrofon schreien. Er legt Schlager auf. Wir gehen auf die Straße, an der Hochzeitsgesellschaft vorbei, die uns zeigt, was Bolivianer unter Feiern verstehen. Männlein und Weiblein schwanken unter der Wucht des Alkohols, den sie sich unnachgiebig reinpressen. Wir kommen nicht unbemerkt vorbei, sondern laufen in ausgebreitete Arme, die uns festhalten. Man lallt uns irgendwas ins Ohr, wir verstehen kaum ein Wort, doch da gibt es nichts zu verstehen, es geht den Feiernden um Freundschaft, die man am besten Fremden gegenüber beweisen kann. In einem Geschäft um die Ecken kaufen wir ein paar Tomaten. "Sind sehr fröhlich, die Leute hier", sagt Bernd. Die Verkäuferin hebt abwehrend die Hand. "Die sind nicht von hier, die Gesellschaft kommt aus Batallas." Batallas liegt 15 Kilometer entfernt. "Unsere Leute sind nicht so. Wir sind ruhig", sagt sie. Wir vermuten, dass die Huarinis zum Feiern in den Nachbarort fahren. "Mein Dorf soll sauber bleiben." Die Straße verlässt den Titikakasee und wendet sich in den bolivianischen Altiplano. Ein flaches, steiniges Land gibt dem Wind alle Freiheiten. Links von uns hebt die Cordillera Real ihre weißen Köpfe. Die einförmige Ebene und ihre klare Luft heben die Maßstäbe auf. Wir radeln auf 4.000 Höhenmetern und die Schneeberge sehen aus, als wenn sie nur knapp darüber hinausragen würden. Die Täuschung wird spürbar, wenn wir auf einen Ort zufahren und seine Häuser nicht näher kommen. Der Huayna Potosí, ein Brocken von 6.088 Metern, übertrumpft seine Kollegen. Die Flanken scheinen uns anstoßen zu wollen und sind mehr als 30 Kilometer entfernt. El Alto ist der Teil, den sich die Hauptstadt La Paz zum Wuchern zugelegt hat. Wir nähern uns der am schnellsten wachsenden Millionen-Siedlung Südamerikas aus einer Richtung, von der ihr Name "der Hohe" keinen Sinn macht. Ausgefranste Häusergruppen sprießen in die Pampa, sie werden dichter umschließen die Überlandstraße, wir sind in Rio Seco, das eigentlich noch gar nicht zu La Paz gehören dürfte. Von hier ab sehen wir kein freies Land mehr.

                   

Und dann stehen wir an der Kante des Tals, in dem die Spanier vor 500 Jahren La Paz gründeten. Fünfhundert Meter unter uns füllen Dächer den Kessel, Hochhäuser ragen heraus, wir erkennen keine Struktur. Häuser und Straßen wachsen an fast senkrechten Felswänden hinauf. Jenseits der Stadt stehen die weißen Gipfel der Cordillera Real im Wolkendunst. Wir haben die Hauptstraße verlassen, sind in das Gewirr von El Alto hineingefahren und müssen nun auf der alten Verbindungsstraße hinunter. Die Felgen knirschen zwischen dem Druck der Bremsbacken, wir müssen uns mit Gewalt auf den Sätteln halten um nicht über die Lenkstangen zu fallen. Das Kopfsteinpflaster wuppert unter den Reifen. Bei einer Fotopause spricht uns eine traditionell gekleidete Boliviana an. Sie benötigt drei Stunden, um aus La Paz zu ihrem Haus in El Alto zu laufen, obwohl es nicht weit jenseits des Aufstiegs liegt.

         

La Paz ist ein Marktplatz. Keine Straße ohne Verkaufsstände. Männer und Frauen sind mit Rasierklingen-Packungen, Fernsehantennen, Gummihandschuhen, Lederriemen, Batterien behängt, sie rufen ihre Angebote zwischen die eilenden Passanten. Man geht nicht spazieren in La Paz, man einkaufsbummelt und und ist ständig zu Bergwanderungen gezwungen. Manche der Straßen zeichnen in V-Form die Talfalte nach. An ihrem tiefsten Punkt treffen sie auf die Mariscal Santa Cruz, die ihren Namen mehrfach wechselt und auf dem Weg von El Alto zur Zona Sur 1.000 Höhenmeter verliert. Sie mündet in die Plaza Venezuela, einem gestreckten Pflasterstreifen, auf dem Parkbänke neben Bäumen stehen. Die Schuhputzer tragen Basketballkappen und Sweatshirts mit Kapuzen. Ihre Gesichter sind hinter wollenen Masken versteckt, sie sehen aus wie Terroristen. Doch sie sind weder gefährlich noch aufdringlich. Gegenüber steht das Museum für moderne Kunst. Ein Bau, den sich Gustave Eiffel ausgedacht hat. Ein begütertes Ehepaar hat seine Sammlung bolivianischer Malerei in die hohen Räume gehängt, durch die Tiffany-Scheiben fällt rotes und grünes Sonnenlicht. Beruhigend unprofessionell ist das Museum, eine Miniatur der gesamten Stadt. Im Regierungsviertel um die Kathedrale stehen grün gekleidete Polizisten mit einem Gesichtsausdruck, als wüssten sie nicht recht, ob ihre Anwesenheit notwendig ist. Die Männer schlenkern Tränengasgewehre, die vom Tragen, nicht vom Gebrauch abgegrifffen sind. Der Präsidentenpalast und das Parlament sind kürzlich in beige gestrichen worden, über den Dächern weht Boliviens Rotgelbgrün. In den Kaffeehäusern der Avenida Camacho lassen sich grau beanzugte Herren von Kellnerinnen in Miniröcken bedienen. Man bespricht Geschäfte oder Politisches. Verlässt ein Mann die Runde, stehen alle auf. Sie klopfen sich zum Abschied auf die Rücken, umarmen sich andeutungsweise und hauchen einander Küsse auf die rasierten Wangen. In La Paz könnten wir wohnen bleiben, vielleicht in einer Dachwohnung, zu der die Tauben geflogen kommen. Man müsste Bohémien sein, ohne Geldsorgen, jeden Tag bereit zu einem Spaziergang und Entdeckungen. La Paz ist unser zweites Lissabon.