Silberne Träume

25. Reisebericht vom 10. November 2002 La Paz/Bolivien - San Pedro de Atacama/Chile

                   

Autos bewegen sich in La Paz wie Mäuse in einem Sofapolster. Zwischen den Gehsteigen ist zu wenig Platz, das Tal besitzt nicht genug Luft, um die Abgase zu verdünnen. Wir fahren mit dem Microbus um den Kreisel auf der Plaza del Estudiante. Isabel la Católica schaut mit bronzenem Gesicht über die zudringlichen Nachfahren ihrer Untertanen hinweg. Der Rio Choqueyapu rinnt aus einer Falte der Stadt. An den Ufersteinen hängen Toilettenpapierfahnen. Die Sonne brütet Gestank aus dem Fluss. Bergab, bergab, wo ein Betondeckel die Scheißhausrinne Choqueyapu versteckt, beginnt die Zona Sur. Wir steigen an einem verglasten Betonkasten aus. "Torre Ketal", der Turm "Wie geht's?" Meterhohe Lettern empfangen Besucher der Einkaufspassage mit der südamerikanischen Grußformel. Psychologen waren für das Ambiente um Chipstüten, Käsewürfel und Flüssigseife verantwortlich. Ihnen ist eine Klimaanlage eingefallen, ein cremefarbener Bodenbelag aus falschem Marmor. Sie haben nicht vergessen, die Süßigkeiten in Kinderaugenhöhe hängen zu lassen. "Wie geht's?", fragt der Supermarkt seine Kunden. Die Kunden antworten sich: "Gut geht's uns. Wir haben genug Bolivianos in der Tasche um es mit den Preisen nicht genau nehmen zu müssen." Die Straßen des Viertels sind eine Verlängerung der Regale im Supermarkt, sehr ordentlich und sehr zurückhaltend. In den Vorgärten wachsen Bäume, die ihre blütenbehängten Zweige auf die Grundstücksmauern lehnen. Auf den Bürgersteigen stehen Schildhäuschen. Mehrere Nachbarn leisten sich eine Wache gemeinsam. Die Männer sind in Sichtweite angeordnet. Sie tragen die Uniform der Nationalpolizei, die gegen das Extrageld ihre Mitarbeiter ausleiht. Angemalte Mauern, Eisengitter, Drähte mit elektrischer Spannung, in der Zona Sur merken wir nichts davon, wie sehr Bolivien unter der Bestimmungswut der Politiker in Washington leidet. Bolivien ist Cocaland. Cocaland muss abbrennen, sagen die Herrscher im Weißen Haus. Das Cocablatt begleitet uns seit der Sierra Blanca in Peru. In Caraz sahen wir zum ersten Mal die gewebten Plastiksäcke auf dem Markt stehen, deren umgerollte Kragen das Cocagrün kaum halten können. Die pergamentigen Blätter sind leicht mit Lorbeer zu verwechseln. Eine Handvoll in heißem Wasser ergibt einen mildgrünen Tee. Sein Kräutergeschmack verrät nicht, dass Coca die am heftigsten bekämpfte Pflanze der Welt ist. Für ihre Vernichtung wird mehr Geld ausgegeben als für die Ausrottung des Schlafmohns. Coca ist ein Heilkraut, dessen Hilfe bei der Anpassung an die Höhe der Anden in Studien belegt ist. Die Indios benutzen es für Kulthandlungen. Den Arbeitern ersetzt es zwei Mahlzeiten täglich. Coca ist kein Rauschgift, obwohl Chemiker sein Alkaloid in Kokain verwandeln.

         

Das Coca-Museum in La Paz überredet uns zu einer Lesestunde. Das Haus liegt in einer Seitenstraße der Sagárnaga, in der Geschäftshöhlen sich mit Wollmützen, Schals, getrockneten Lama-Embryos und Ponchos Konkurrenz machen. Das Museum, ein Ort der Aufklärung im Wohnzimmerformat. Die Exponate stehen sparsam verteilt. Schrift läuft meterweise über die Stellwände. Die Geschichte des Coca steht vor uns, von den Hirnoperationen der prähispanischen Indianer-Ärzte bis zur Erfindung der Kokain-Ersatzstoffe. Ein Apotheker wird mit Coca-Brause Millionär. Der Wiener Kokainist Sigmund Freud lächelt neben Pillenpackungen des deutschen Kokainproduzenten Merck aus Darmstadt. Kokain, das zeigen die Aussteller, ist die dunkle Seite der Coca-Pflanze. In den USA wohnen fünf Prozent der Weltbevölkerung. Sie schnupfen und rauchen 50 Prozent der weltweiten Kokainproduktion. Anstatt den Verbrauch zu verringern, machten die us-amerikanischen Präsidenten der vergangenen 15 Jahre eine Milliarde Dollar locker, um Cocafelder in Bolivien abfackeln zu lassen. Sie vernichten den Broterwerb der Bauern. Die Generalstrafe der USA hindert Bolivien, die Pflanze am Weltmarkt zu platzieren. Die Staatengemeinschaft hat dem Land verboten, kokainhaltige Medikamente herzustellen. Diesen Gewinn teilen sich Europäer und US-Amerikaner. Bolivien muss sich mit der Pflanzenapotheke begnügen. Auf den Märkten verkaufen Händler zwei Handvoll Cocablätter zu 15 Dollarcent, ein Preis, der künstlich in die Höhe getrieben ist, weil es für den Bedarf bolivianischer Cocakauer 15.000 Hektar zu wenig Anbaufläche gibt. Würde die bolivianische Regierung weitere Felder genehmigen, sorgten die USA dafür, dass die Weltbank die Kredite zurückverlangt. Angesichts von 4.000 Millionen Dollar Schulden geht kein bolivianischer Präsident das Risiko ein. Ein bankrottes Land erträgt leichter ein paar tausend Arme als den Zorn der Geldgeber. Die vierspurige Autobahn ist in Bögen nach El Alto verlegt. Jogger überholen uns, als wir auf zwölf Kilometern den Hang hinauffahren. Wir mißachten die "Radler verboten"-Schilder und merken am Desinteresse der Polizisten, dass die Zeichen als unverbindliche Empfehlung gemeint sind. Hinter El Alto und dem Flughafen schrumpft die Straße auf zwei Spuren, angenehm asphaltiert. Wir sind wieder im Altiplano.

         

Bolivien ist radikal geteilt. Häuser und Menschen überfüllen die Hauptstadt. Das Land ist die Gegend, in der man den Fuss nur im Notfall vom Gaspedal nimmt. Traurige graue Steine füllen die Ebene, zwischen ihnen rieselt Sand. Die Dörfer besitzen nichts, um ihre Armut zu bedecken. Die graubraunen Trachten der abgearbeiteten Gestalten betonen die Einförmigkeit. Zigarettenpause im Schatten einer Hausmauer. Kinder trapsen näher, wischen mit den Ärmeln ihrer schmutzigen Pullover unter den Nasen entlang. Bevor sie sich trauen, das erste Wort zu sagen, sitzen wir wieder im Sattel. Sie schauen uns mit langsamen Augen hinterher. Eine Tagesstrecke von La Paz entfernt hocken sich zwei Hotels gegenüber. Auf beiden Speisekarten steht ein Tagesmenü, derselbe Preis, dasselbe Fleisch. Man versucht, sich mit Angeboten ein Bein zu stellen. Wir wählen die linke Tür, weil dort die Nacht im Doppelbett ein bisschen billiger ist. Wir haben uns schon oft gefragt, warum in Lateinamerika Geschäfte mit denselben Waren immer in Nachbarschaft wohnen. In den Städten haben wir Straßen gesehen, in denen ausschließlich Eisenwaren in den Schaufenstern liegen, man spaziert durch Schuhmeilen, Anglerbedarfsviertel und Haushaltsgerätebezirke. Neben der Straße liegt die Sierra Sicasica, die nicht aufhört, uns schneebedeckte Gipfel ins Blickfeld zu schicken. Der Bergzug bildet die nördliche Grenze des Altiplano, und er tut nichts gegen den Wind, der am Nachmittag von vorn bläst. Die untergehende Sonne verwandelt die Wolken in stehendes Feuer, wir ziehen Pullover über die Gänsehaut.

         

Ein Hagelschauer treibt uns nach Ayzakollu, das wie ein ansehnlicher Ort in die Karte gezeichnet ist. Zwei Käseverkäuferinnen rennen unseren Rädern hinterher, die Röcke flattern um ihre Beine. Sie lassen sich vom Wetter nicht beeindrucken. Eines der Mädchen reißt an Bernds Straußenfeder. "Hey, warum machst Du das?" Sie schreit zurück, mit bösem Blick, ruft Schimpfworte auf Quetschua. In einer Ecke des Schulhauses finden wir Windschatten und Schutz vor dem eisigen Regen. Das Gebäude ist mit Vorhängeschlössern versperrt, wir können nicht erraten in welcher der Nachbarhütten jemand wohnt, der aufsperren würde. In Panduro, dem nächsten Dorf, ducken sich die Blechdächer noch tiefer. Auch Vila Vila, fünf Kilometer später, ist nicht auf uns eingerichtet. "Fahren wir bis Caracollo, das scheint eine größere Ortschaft zu sein." Die Sonne ist hinter die Hügel gesunken. Blitze, stämmige Lichtbäume, zerreißen den schwarzen Himmel. Donner rollt zu uns herüber. Caracollo besitzt Elektrizität. Seine Straßenlaternen leuchten aus dem Tal herauf. Hinter den Schaufenstern der Restaurants sitzen Fernfahrer über Abendmenüs. Busfahrer haben ihre Passagiere an Buffets abgeladen. Aus grün und blau gestrichenen Straßenständen verkaufen Frauen Kekse und Cola. Das "Panamericano" vermietet Zimmer. Wir schieben unsere Räder zwischen drei Betten. Eins von ihnen ist zerwühlt. "No importa, zwei genügen." Wir sind zu müde, nach einem anderen Hotel zu suchen. Der Tacho zeigt einen Tagesrekord, 127 Kilometer. Darauf sind wir stolz. Altiplanokilometer sind schwer zu fahren, man radelt 1000 Meter über dem Zugspitzniveau mit extrawenig Sauerstoff. Oruro, Provinzhauptstadt, liegt am Nordzipfel des Uru-Uru-Sees. Das Klima hat den salzigen Wasserrest von dem Binnenmeer zurückgelassen, das vor Jahrtausenden die Altiplanosenke zwischen den Andenzügen füllte. Hierher kommen die Bauern aus den Dörfern, um ihre Kartoffeln zu verkaufen. Oruro wirkt städtisch, weil seine Umgebung leer ist. Ein paar kleinere Industriebetriebe belegen den Siedlungsrand und in den Straßen ist jeder Tag Markttag. Das Kino zeigt einen Film aus dem Billigangebot Hollywoods. Ein Bauzaun umschließt die Bäume am Hauptplatz. "Hier arbeitet die Stadtverwaltung am Fortschritt. Entschuldigen Sie die Belästigung." Der Uru-Uru ist durch eine flache Wasserzunge mit dem Poopó-See verbunden. Wir fahren durch versalzenes Grasland auf einer Ebene, die nach Süden grenzenlos wirkt. Die Höhenluft täuscht die Augen. Hinter einem Hügelrücken taucht eine Ortschaft auf. "Höchstens zehn Minuten bis zur nächsten Cola." Eine halbe Stunde später sind wir den Häusern nicht wesentlich näher gekommen, es dauert noch einmal so lange, bis wir sehen, dass auch dieses Dorf kein Geschäft besitzt. Am Straßenrand geht ein Bauer zur Feldarbeit, er trägt den Balken des Holzpflugs auf dem Rücken. Das Ochsenpaar läuft willig hinterher. Der Mann hebt die Hand, ein freundlicher aber verständnisloser Gruß an die Fremden. Wir, auf den Fahrrädern, fühlen uns langsam, weil wir aus einem Leben stammen, in dem man Entfernungen nach der Geschwindigkeit von Flugzeugen misst. In diesem Bolivien, sind wir Rasende, deren Herkunft und Ziel jenseits der Reichweiten liegen.

         

Das ist eine Grenze der Reiseerfahrung. Wir können nicht mitteilen, welche Ideen uns treiben. Der Bauer kann nicht verstehen, wieso wir ein Fahrrad so schwer beladen, dass es kaum zu bewegen ist und uns damit über Berge quälen, ohne dafür Geld zu bekommen. Vielleicht könnten wir erklären, vielleicht würde der Mann begreifen. Weder er noch wir wollen dafür Zeit opfern. Also grüßen wir, lächeln, bleiben uns fremd. Wir stoppen für die Nacht in Poopó, einem Minendorf. An der Einfahrt liegen Erzhaufen, in jedem steckt ein Schild mit dem Namen des Besitzers. Vor der Lagerhalle rattert die Steinmühle. Das Förderband lässt die Erzbrocken zwischen Walzenzähne fallen. Ein zweites Band bringt den Mineralstaub zu einem Becken, in dem Säure die Bestandteile voneinander löst. Schlamm bedeckt den Platz, er ist zu weißgrauen Krusten getrocknet. Hier wächst keine Pflanze. Maria, die Verwalterin des Krankenhauses, findet es überhaupt nicht seltsam, dass Radler nach einem Übernachtungsplatz fragen. Sie setzt sich auf eines der Betten im Arztzimmer, das sie uns zugewiesen hat. Auf den Knien hält sie ihren zweiten Sohn, ein Baby. Ohne Einleitung erzählt sie: "In Bolivien haben wir keine Kultur der Empfängnisverhütung. Die jungen Leute bespringen sich wie Tierchen und müssen wegen Schwangerschaften heiraten. Jahre später kommt dann das zweite Kind." Maria lobt Argentinien. "Die Mädchen nehmen ab dem neunten Lebensjahr die Pille und als Teenager lassen sie sich die Spirale einsetzen." Sobald sie sich ausgetobt hätten, seien sie reif für Nachwuchs, sagt Maria. Sie kaut nachdenklich auf einem dicken Coca-Knoten, schluckt den Saft langsam und schiebt den Blätterball zurück in die Backe. Ihre strengen Lippen sehen älter aus, als für 29 Jahre gesund ist. Marias Erstgeborener feiert morgen seinen 13. Geburtstag. "Ich muss das Fest vorbereiten", sagt die Mutter, bevor sie uns verlässt. Das Ende der Teerstraße ist vor mehr als 100 Kilometern angekündigt gewesen. Der jüngste Radlerbericht, den wir im Internet gefunden haben, ist zwei Jahre alt und in dieser Zeit hat sich Bolivien zu unseren Gunsten entwickelt. Die Carretera ist bis Challapata eine tadellose Radstrecke. Kurz vor dem Ort zweigt rechts die Straße nach Uyuni ab, wir schauen in den Anfang einer Geröllpiste. "Vielleicht haben wir Glück und der Asphalt geht bis Potosí weiter", sagt Rob, mit dem wir seit einiger Zeit gemeinsam strampeln. Im Innenhof des Hotels sitzt die greise Besitzerin auf einem Stuhl, ihre wehen Füße liegen auf einem Hocker. Mit brüchiger Stimme ruft sie das indianische Dienstmädchen. Es dauert ein paar Minuten, bis die Zimmerschlüssel gefunden sind. Wir setzen uns in den Schatten des Vordachs und schauen den Hühnern zu, die vor den Türen Maiskörner picken. Ein halbwüchsiges Tier fesselt unsere Aufmerksamkeit. Sein faltiger Hals ist nackt, auf dem Kopf wuchert ein Federbüschel.

                   

Sobald sich einer der Brüder und Schwestern nähert, greift das Huhn an. Sein Schnabel hackt in fremde Federn. Eine Hühnerjagd, bis der hungrige Konkurrent vom Futternapf verscheucht ist. Dann kehrt das Tier zurück, bockt sich am Rand der Getreideschüssel auf. Es hat keine Ruhe, die Augen glänzen, ein Diktator über den Maisvorrat. Wir nennen das Huhn Adolf. Die jüngeren Küken fassen Zutrauen zu Rob. Sie rennen im Zimmer, zwischen seinen Beinen herum und klettern ihm sogar auf die Schultern.

         

Hinter Challapata beginnt der Aufstieg ins bolivianische Hochland. Wir fahren an einem kleinen Stausee vorbei und kurven in Wellen um die Ausläufer der Berge. Am Abend erreichen wir das Ende des Asphalts. Hier wird gearbeitet. Bagger haben allzu steile Hügel beiseite geschaufelt, das Kiesbett der künftigen Straße ist planiert. Zwanzig Kilometer lang streckt sich die Langzeitbaustelle, bis Thola Palca. Wir fragen Emma, Hilfskrankenschwester und Hüterin des Gesundheitszentrums, ob sie für uns einen Platz zum Schlafen hat. "Kein Problem", sagt sie. Ein Teil des Hauses ist unmöbliert. Thola Palca schmiegt sich um die Straße, Hütten aus Lehmziegeln mit einem, höchstens zwei Räumen. "Wo können wir einen Laden finden?", fragen wir Emma. "Geht zur Straße, alle Häuser, deren Türen offen stehen, sind Geschäfte." Im ersten Haus, in das wir schauen, liegen ein paar Zwiebeln am Boden. An der Wand steht ein Regal, Staub, ein paar Sardinenbüchsen, fünf Rollen Kekse und drei aufgerissene Schachteln Zigaretten. "Haben Sie Tomaten?" "No, no tengo. ¡Recien se acabó!" Sind soeben ausgegangen, also. Hinter allen offenen Türen lehnen diese schmalbrüstigen Regale an den Wänden und tragen auf den Brettern dasselbe Warenangebot. Ein Laden bietet außerdem einige Tüten Nudeln. In der Ecke liegt ein Sattel und ein Paar Packtaschen aus blauem Leinenstoff. Eine Frau sitzt am Tisch, sie hat eine Cola vor sich stehen. Marianne du Toit ist mit zwei Pferden unterwegs. Die Südafrikanerin hat die Tiere in Argentinien gekauft und will mit ihnen bis New York reiten. Um Bolivien zu bewältigen, hat sie mit Bussen Fresspakete für die Pferde vorausgeschickt. Die Fahrer haben den Mais und Hafer alle dreißig bis vierzig Kilometer deponiert, so weit kommt sie mit der täglichen Kraft der Pferde. Wir laden Marianne zur Nacht in das Haus ein, das uns die Krankenschwester geliehen hat und kochen das Abendessen. Nudeln, innen hart, außen schlabbrig und dazu zwei Dosen Tomatensardinen als Sauce. Rob hat den kompletten Vorrat Schokokekse von Thola Palca aufgekauft, unser Nachtisch. Bevor wir zu essen beginnen, klopft jemand an der Tür. Draußen steht die Ladenbesitzerin, bei der wir zwei Bier und zwei Limonaden erstanden haben. Sie hat ihr Tuch um die Schultern gezogen, Schutz vor dem Wind, der nassen Schnee über die Ebene treibt. Neben ihr steht die Enkelin, kaut am Daumennagel und fühlt sich nicht wohl. Weder barfuß im Regen, noch in ihrer Rolle als Dolmetscherin. Oma hat ein Problem mit den Gringos, die in ihr Dorf gekommen sind und Getränke in Pfandflaschen kaufen. Oma möchte wissen, ob wir die Flaschen zurückgeben werden. Die Frau spricht nur Quetschua. Aus ihren aufgeregten Sätzen ist Furcht zu lesen. Wir hatten schon im Laden ausgiebig erklärt, dass wir die leeren Flaschen vor unserer Abfahrt zurückbringen würden. "Die Flaschen sind Pfandflaschen", übersetzt die Enkelin einen Teil der großmütterlichen Redeflut. "Das wissen wir, und wir werden nicht weiterfahren, bevor wir sie abgegeben haben." "Wann fahrt Ihr?" "Morgen früh, frühestens um acht Uhr." "Wann werdet ihr kommen?" "Um acht Uhr, ist das früh genug?" Eine Zwiesprache auf Quetschua, die Frau ist nicht zufrieden. "Die Flaschen gehören meiner Oma. Sie will sie zurückhaben!" "Ja, klar, wir werden sie morgen ganz bestimmt vorbeibringen." "Wann fahrt ihr weiter?" "Nach acht Uhr, und vorher kommen wir sicher zum Laden. Wir haben keine Lust, leere Flaschen auf den Fahrrädern mitzuschleppen." Oma ist nicht beruhigt, dieselbe Fragerei geht von vorn los. Das Quetschuagetöse wird hektischer, wir immer ratloser. Schließlich macht Bernd die Tür vor dem Gesicht der redenden Großmutter zu. Morgens um viertel nach sieben klopft es an der Tür. "Wo sind meine Flaschen?" Die Ladeninhaberin schaut uns hinterher, als wir aus dem Ort rollen. Sie winkt nicht zurück.

                   

Die nächsten 30 Kilometer lehren den Unterschied zwischen den Ländern der Erde. Bolivien ist doppelt bestraft. Es besitzt Berge, aber kein Geld, sie zu beherrschen. Die Steinpiste knickt in jede Bodenwelle. Wir schieben die Fahrräder auf sinnlose Hänge. Jedem Lastwagen folgt eine Staubfahne. Wir schnaufen wie betrunkene Brauereigäule. Drehen die Köpfe zur Seite, warten, bis sich die Luft beruhigt hat. Weiterschieben. Bergab ist die Fahrerei nicht leichter. Faustgroße Steine liegen in der ausgegrabenen Spur, sie bedrohen Speichen und Felgen. Hier fährt man nicht Rad, hier kämpft man um Meter. Der Tacho sagt, es wird noch fünf Kilometer dauern, bis wir in Ventilla sind. Eine weitere Stunde, treten, hecheln, treten. Kerstin hustet, sobald sie zu scharf einatmet. Eine der vergangenen Nächte hat ihr eine Erkältung eingebracht, die jetzt aufblüht. Am Dorfplatz teilt sich die Straße. Geradeaus würden wir nach Sucre kommen. Die Piste Richtung Potosí zweigt rechts ab. Beide Wege sind von Schlagbäumen versperrt. Ein Polizist passt auf, dass die Autofahrer Maut bezahlen. Er muss an diesem Tag öfter als sonst aus seiner Schreibstube laufen, um die krumme Schranke in die Höhe zu wuchten. Ventilla wird auf eine fiesta vorbereitet. Lastwagen rollen an. Die Köpfe der Passagiere recken sich über die hölzernen Aufbauten der Ladeflächen. Männer springen herunter und lassen sich von Frauen und Kindern Gestänge und Planen der Verkaufsstände reichen. Eine Gruppe jugendlicher Männer treibt vier Esel vorbei. Die Jungs haben runde Filzhüte schräg auf die Köpfe gestülpt. Unter den Krempen schauen Wollmützen hervor, deren Klappen die Ohren bedecken. Bunte Fransen baumeln um Kinn und Hals. Die weiten weißen Hosen sind mit handbreiten Stoffgürteln über den Hüften geschnürt und die Beinröhren enden an der Hälfte der Unterschenkel. Sie tragen Gitarren, klein wie Geigen. So wie sie werden bis zum Abend noch viele Festgäste nach Ventilla kommen, auf den Platz um den Pavillon, in dessen Pfützen Schweine baden, mitten in einem Ort, der weniger als 500 Einwohner hat. Die Straße hat unseren Humor gefressen. So wird es bis nach Potosí weitergehen. Man kann bis zum Ende radeln, weil die Vollständigkeit und der Ehrgeiz es verlangen, doch kaum jemand wird behaupten, dass es ein Vergnügen ist. Schnupfen und Husten machen uns die Entscheidung noch leichter. Auch Rob, der sich sonst liebend gern schikaniert, montiert das Gepäck ab. Vier Stunden Busfahrt überbrücken 110 Kilometer und ersetzen drei harte Tage auf dem Fahrrad. Potosí hat sich mit seiner Vergangenheit auseinandergelebt und nicht genug Mut für die Trennung. Aus der Zeit als reichste Stadt Südamerikas ist Architektur geblieben. Ein paar Schritte von der "Plaza 10 de Noviembre" entfernt steht die "Casa Real de la Moneda".

         

Die ehemalige Münze, in der die spanischen Könige ihre Köpfe in Silber prägen ließen, ist ein Museum geworden. Die Führerin hat nicht viel Zeit, gestattet kurze Blicke auf die Numismatik-Galerie und die drei Generationen der Maschinen zur Silberverarbeitung. Dampf ersetzte die Mulis und wurde von Elektrizität verdrängt. "Drei Jahrhunderte lang ist das spanische Geld in Bolivien hergestellt worden", sagt die Führerin. Diese Zeit ist Vergangenheit. Heute werden die bolivianischen Münzen in Spanien geprägt. "Ich weiß nicht, aus welchem Metall die Bolivianos gemacht werden, aber Silber ist sicher nicht drin." Bolivien importiert auch sein Papiergeld. Es stammt aus französischen Druckereien. Die Stadt ist vom Cerro Rico nicht zu trennen. Die Silberadern, die den Berg ehemals durchzogen, sind der einzige Grund für die Existenz von Potosí. Um ihrem Anspruch ein Denkmal zu geben, haben die Minenbesitzer die Häuser auf die Bergflanke gesetzt. Sie lebten von ihm, sie lebten auf ihm, wurden an seiner Seite geboren, zeugten neue Silberverwerter, starben am Berg und wurden in ihm begraben. Die Straßen Potosís führen auf den Cerro, kommen von dort herunter, folgen seiner Wölbung, nicht eine ist ohne seinen Einfluss verlegt.

         

Der Name "Cerro Rico", "Reicher Hügel", ist eine Geste, mit der sich die Potosinos den Silberschatz zu eigen machen. Vom Rest der Welt aus betrachtet ist die Andenspitze mit ihren 4.740 Metern ein durchaus ernstzunehmender Berg. Nur von Potosí kann man der braunroten Felskuppe den niedlichen Namen Hügel geben. Auch die UNESCO hat die Unteilbarkeit von Stadt und Berg akzeptiert und beiden einen gemeinsamen Titel verliehen. Sie heißen "Kulturelles und Naturerbe der Menschheit". Als die Silberadern im Cerro dünner wurden, erlosch das Interesse der privaten Minenbetreiber. Der Berg ging in den Besitz des Staats über, und seit sich aus den Stollen auch beim besten Willen kein lohnendes Erz fördern lässt, wirtschaften die Arbeiter in eigener Regie. Sie haben sich zu Kooperativen zusammengeschlossen. "Carmen" ist die kleinste der Genossenschaften. 35 mineros haben drei Eingänge in den Cerro gepachtet. "Boca de mina" nennt man die Löcher, "Mund der Mine".

         

Mario zeigt uns den Berg. Er nuschelt beim Reden, weil ihm seine vier Schneidezähne ausgegangen sind. "Muy interesante, este Cerro es muy interesante", sagt Mario, weil er sich am ersten Tag wie einer der Führer fühlt, die für die Agenturen in der Stadt die Touren durch den Cerro leiten. Er erklärt die braunen Spritzer auf dem Türstock zum Eingang in den Berg. Einmal im Jahr schlachten die mineros ein Lama, schmieren sein Blut auf das Holz, vergraben das Fleisch. Die Zeremonie ist ein Opfer an Pachamama, Mutter Erde, in die sie täglich eindringen.

         

Mario führt uns in einen Seitenzweig des Stollens, in der eine rot angemalte Gipsfigur mit Hirschgeweih, rauchgeschwärzter Nase und gigantischem handgeformtem Pimmel auf einem Podest hockt. Das ist der tio, der Teufel, dem die Schätze des Berges gehören. An jedem Donnerstag setzen sich die mineros nach der Arbeit zum tio, trinken Schnaps, nehmen die Helme ab und beten: "Tio, Du bist der Herr über diesen Berg. Mach, dass unsere Ausbeute etwas größer wird. Du kannst das, wir wissen es." Bevor die Männer nach Hause gehen, stecken sie dem tio eine Zigarette ins Mundloch, das gerade groß genug ist, den Filter halten zu können. Sie geben tio von ihrem Schnaps zu trinken, und weil er sich nicht bewegt, solange Menschen in der Nähe sind, gießen sie den Alkohol in ein Rohr, das im Körper der Teufelsfigur endet. Tio mag auch Coca, um ihn liegen die Blätter, Hände voll, eine dicke Schicht des beruhigenden Krauts. Es ist Herbst um den tio. Eigentlich fürchten sich die mineros vor dem Teufel, aber sie brauchen ihn für das Glück bei der Arbeit, weil er der Chef im Berg ist und machen kann, dass jemand stirbt, bei der Suche nach Silber. Sie wollen Freunde des Teufels sein. Damit er ihnen näher ist, haben sie ihm einen Namen gegeben, als wenn er ein minero wäre. Der tio von "Carmen" heißt Jorge. Dienstags treffen sich die Silbersucher in einer Nische des Stollens, die weiter vorn beim Eingang liegt. Dort stehen vier Kreuze. Es ist der Ort für die christlichen Gebete, weil ein Mann, der in der Erde, so nah an der Unterwelt arbeitet, niemals den Himmel vergessen sollte.

         

Sich in alle Richtungen zu verbeugen, kann nicht schaden. Auch hier liegt Coca wie ein Teppich aus Blättern,. Coca hilft immer. Mario geht voran. Vierhundert Meter in den Berg. Der Gang ist so breit wie Marios Schultern, oder vielleicht hat sich Mario in den 30 Minenjahren den Löchern im Berg angepasst. Draußen, im Sonnenlicht, hält der minero die Schultern gerade. Hier drinnen sackt sein Oberkörper zusammen, die Arme hängen schlapp an den Seiten. Mario trabt mit gesenktem Kopf, zügig, aber ohne Begeisterung. Der Stollen ist von den Minensklaven der spanischen Kolonialherren in den Stein gehauen worden. Man verwendete weder für Komfort noch für Sicherheit Zeit oder Geld. Deshalb sind die Gänge so schmal und so niedrig, deshalb gleichen sie Wühllöchern. Im Cerro Rico starben acht Millionen Sklaven. Sie erstickten im Grubengas, wurden von fallenden Steinen erschlagen, verhungerten oder wachten aus der Erschöpfung nicht auf. "Früher war die Arbeit im Cerro viel schlimmer als heute", sagt Alvaro. Ein schmaler Junge, 13 Jahre alt, gerade richtig, um in die Spalten zu klettern, für die Marios Bauch zu dick ist. Alvaro kommt seit vier Monaten morgens auf den Cerro, flutscht zwischen das Geröll, klopft mit Hammer und Meißel nach Steinen, in denen ein wenig Silbererz steckt.

                   

Mittags zieht er sich für die Schule um. "Willst Du minero werden?" Alvaro schüttelt den Kopf, diese Frage scheint ihm verrückt zu sein. "Nach dem Examen gehe ich zum Militär." Er sieht sich in der Uniform eines Feldwebels. "Weil der eine Menge interessanter Aufgaben hat." In den Cerro kriecht er nur, weil zuhause das Geld nicht ausreicht. Sein Vater arbeitet ebenfalls als minero, in einer anderen Kooperative. Sie hat ihre Gänge tiefer unten im Berg, wo mehr Gas droht, noch mehr Steinschläge, wo aber die Ausbeute ein wenig größer ist. Oft ist in den Löchern nicht genug Platz, um den Hammer zu schwingen, dann kratzt Alvaro mit den Fingernägeln im Dreck. Über der Plastikrempe des Helms zischt die Karbidflamme, ein weißer Lichtdolch, so lang wie sein kleiner Finger. Das Feuer ist eine Lebensversicherung. Sobald es erlischt, steckt Alvaro in einer Gasblase, in der es keinen Sauerstoff gibt. Dann muss der Junge fliehen. Bis jetzt ist er jedes Mal schnell genug gewesen. An dem Ort, an dem Alvaro arbeitet, erzählt Mario keine Geschichten von Bergmannsromantik. Er kauert vor dem Loch, aus dem die Spitzen von Alvaros Gummistiefeln herausschauen. Er spricht mit dem Kleinen, als wenn seine Worte eine Leine wären, die den Buddelnden zu einer dicken Silbervene führen könnte. "¡Sigue no mas, estas muy cerca de la veta. Sigue no mas!" "Grab weiter mein Kleiner, nur vorwärts, Du bist schon ganz nah an unserem Reichtum." Alvaro lässt Steinbrocken zwischen seinen Beinen hindurch vor Marios Knie rollen. Der schlägt sie entzwei, betrachtet die Bruchstellen und hält seine Karbidflamme daran. Der Stein knistert. "Hörst Du? Das ist das Zeichen des Silbers." Marios Stimme drängt. "Alvaro, es wird nicht mehr lange dauern. Diesmal haben wir Glück."

                   

An einer anderen Stelle im Cerro arbeiten Isidro und Roberto. Die Jungen, 15 und 20 Jahre alt, sind ebenfalls Helfer von Mario, der sich vor sechs Jahren bei der "Carmen" als Teilhaber eingekauft hat. Mario bestimmt, an welchen Stellen gearbeitet wird. Den Ertrag teilen sie durch vier. In den vergangenen 14 Tagen haben sie sechs Tonnen aus dem Berg geschleppt. Der Haufen "carga" liegt im Hof des Exporteurs, neben anderen Haufen in der Nähe der Förderbänder und Säurebecken. Am Nachmittag holt Mario die Analyse vom Chemiker. Drei Prozent Silber enthält ihre Fracht, sagt der Zettel. Die Zahl ist aufgerundet, eigentlich sind es 2,54 Prozent. Der Geschäftsführer der Firma zahlt Mario 144 Bolivianos aus, die 100 Bolivianos Transportkosten hat er abgezogen, ebenso 3,5 Prozent Steuern. Mario, Alvaro, Isidro und Roberto haben einen halben Monat gearbeitet für 35 Dollarcent Tageslohn.

         

Sie sprechen kein Wort, als sie den Hof der Firma verlassen, gehen die Straße hinunter, Schulter an Schulter, vier Bergleute. Die Schritte der Jungen sind genauso schwer und mutlos wie die des Alten. Am nächsten Tag stecken sie wieder in den erdigen Löchern, kratzen an den Resten, die den Spaniern nicht lohnend genug schienen, und die auch heute nur zum Leben reichen, wenn sie auf ein Felsstück treffen, in dem ein bisschen mehr vom Silber übriggeblieben ist. Sechs, acht, höchstens zehn Prozent Metallanteil erwischen sie. Jeden Tag gräbt die Hoffnung mit, die Mario in seine Stimme legt, wenn er die Helfer antreibt: "Grabt weiter, wir sind nah, ganz nah dran. Keine Angst, diesmal werden wir Glück haben. Ihr werdet es sehen."

         

Drei Tage lang begleitet Bernd die Bergleute. Schaut ihnen zu, wie sie sich vor der Schicht Cocablätter in die Backentaschen stopfen, wie sie im Berg herumklettern, ohne Absicherung dutzende Meter in senkrechte Spalten hinaufsteigen, wie sie versuchen, mit Händen, Hämmern und Schaufeln ein bisschen Geld aus dem Berg zu reißen, arme, mutige Bergleute. Wir sind für die Zeit in Potosí in einer "Casa de ciclistas" zu Gast. Teodora und Florencio Ramos besitzen eine Bäckerei im Stadtbezirk "Venezuela". Teodora öffnet: "Schön, dass Ihr da seid, kommt rein!" Florencio steht in der Backstube, die Arme bis zum Ellenbogen im Teig. Er lacht: "Deutsche Radler, das freut mich!"

                             

Mindestens bis zu den Todos-Santos-Feiern müssen wir bleiben, fordert Teodora. Wir rollen unsere Isomatten im Wohnzimmer aus, haben einen Saal für uns allein. Tagsüber ist die Ramos-Familie beschäftigt. Zum Abendessen treffen wir sie in der Küche. Florencio erzählt Geschichten von seinem Potosí, macht Witze, über die Teodora am meisten lachen muss.

                             

Am Samstag vor Allerheiligen fordert der Brauch, dass man die Altäre in den Häusern von Freunden und Verwandten besucht. Florencio packt uns ins Auto, fährt zur ersten "tumba" dieses Abends. Wir stehen neben Teodora und Corina, der kleinen Schwester auf Zeit, mit gefalteten Händen vor dem Altar, der mit weißen Blumen und einem Foto des Verstorbenen geschmückt ist. Rechts und links davon sitzen schwarzgekleidete Angehörige, alte Frauen mit faltigen Gesichern und steinernen Minen. Aus Lautsprechern kommt Trauermusik. Scheint nicht nötig zu sein, was uns Miguel, der älteste Sohn und Vernunftsbolzen der Familie ans Herz gelegt hat, bevor wir gegen 20 Uhr das Haus verlassen haben. "Passt auf, dass mein Vater nicht zu viel trinkt. Er denkt dann, dass er trotzdem noch Auto fahren kann. Und das ist ganz schön gefährlich". Florencio ist im Wagen geblieben. In zwei großen Räumen sind an der Wand entlang Stühle aufgestellt. Wir setzen uns. Bekommen ein kleines Tablett mit Plätzchen, Schnaps und Portwein serviert. Und ein grosses Glas Chicha. Die ersten Tropfen schütten wir auf den Boden, für Pachamama. Der Boden klebt, vor uns wurden schon viele Gäste bewirtet. Papa Florencio kommt, ihm war langweilig im Auto. Wir trinken schweigend. Jeder der Anwesenden hat eine Plastiktüte dabei für die Kekse. Kaum sind die Gläser geleert, gehen wir. Ein kurzes Dankeschön an die Gastgeber, ein Boliviano in den Spendenteller, hinein ins Auto. Fünf Minuten Fahrtzeit bis zur nächsten "tumba". Die Bäckerei unserer Gastgeber stand während der vergangenen Woche Kopf. Florencio beginnt morgens um vier, Brot zu backen. Gegen 14 Uhr beendet er seine Arbeit. Doch an diesen Tagen versammelten sich 40, 50 Menschen in der kleinen Backstube, nachdem das Brot ausgeliefert war, mischten Teig, formten Plätzchen, Puppen, Kuchen und buken bis morgens um drei. Florencio muss assistieren und die Bleche im Ofen beaufsichtigen. Gegen Mitternacht löst ihn Miguel ab, damit der Vater drei Stunden schlafen kann. Tag für Tag, eine Woche lang. Wir wundern uns über diese Gebäckmassen, fragen uns, wer das essen soll. Die Straßen sind voller Grüppchen, die von einem Haus zum nächsten ziehen. Alle tragen mit Keksen gefüllte Plastiksäcke in den Händen. Wir wundern uns nicht mehr. Im nächsten Haus der selbe Ablauf. Beten, Trauermusik, Schweigen, Trinken. Wir Gringos bekommen eine zweite Chicha aus einer Kalabasse. Ablehnen gilt nicht. Im dritten Haus, das wir besuchen, wohnen gute Freunde der Familie. Zunächst schenkt man kleine Schnäpse nach, anschließend bekommt Teodora einen Messbecher in die Hand gedrückt, den wir leeren müssen. Der Ehemann der Verstorbenen verteilt Cocablätter. Wir kauen zum ersten Mal, spüren keine Wirkung. Zwei Trauernde, schon völlig betrunken, beginnen ein Kartenspiel. Um was sie spielen? Um Schnaps. Es wird lebhafter im Raum, man lacht und scherzt. Solch ein geplantes und schnelles Betrinken haben wir noch nirgends erlebt.

         

Marina, Mitbäckerin und Haushaltshilfe, wartet bei ihrem Sohn und Corina im Auto. Wir gehen, Florencio schon nicht mehr geradeaus. Nicht nach Hause, zur nächsten "tumba" natürlich. Diesmal wartet Kerstin mit den Kindern im Wagen. Gestern hatte sie Durchfall und Fieber, und heute fast nichts gegessen. Drei Hausbesuche sind ausreichend für ihren Bauch. Es ist spät, man hört Lachen und Stimmengewirr bis auf die Straße. Kerstin ist eingeschlafen. Marina klopft ans Fenster. Auch sie hat tüchtig mitgehalten. "Florencio ist sehr betrunken, er kann nicht mehr Autofahren. Was sollen wir machen?" "Laufen wir doch nach Hause." "Nein, es ist jetzt sehr gefährlich auf der Straße." "Vielleicht sollten wir Miguel anrufen? Aber wo finden wir ein Telefon?" Kerstin schlägt vor, die Gastgeberfamilie um Hilfe zu bitten. Marina geht wieder ins Haus, kommt mit einer stark schwankenden Teodora zurück, die Kerstin unbedingt einen Messbecher Schnaps zukommen lassen will. Kurz darauf zieht Marina Bernd hinter sich her. Er ist umringt von einigen Männern, einer betrunkener als der andere. Grosses Palaver, Bernd muss bestätigen, wie schön Bolivien ist, wieder und wieder. Er muss Freundschaften beschwören. Gringos sind immer ein Magnet auf bolivianischen Festen. Ein schmächtiger Bergmann möchte Bernd schlagen, und behauptet, er schulde ihm Geld. Allerdings muss er sich bei seinen Versuchen gegen das Auto lehnen. Er kann ohne Hilfe nicht stehen. Ums Auto ist nun ziemlicher Tumult. Teodora ist sehr, sehr wütend auf den Möchtegernschläger, der ihren Gast beleidigt. Sie stößt den Mann zu Boden, beschimpft ihn als Stück Scheiße und tritt mit ihren spitzen Absätzen auf sein Gesicht. Drei, vier Leute bändigen die Wilde. Miguel kommt und bringt Ordnung in die Aufregung. Um halb drei liegen wir im Bett. Morgens um acht steht Teodora in unserem Zimmer, fragt, wie es geht. "Gut, wir würden nur sehr gern noch ein bisschen schlafen." Was macht Florencio? Ist um sechs Uhr aufgestanden, Brot backen.

         

Hinter einer spärlich begrünten Hügelflanke beginnt die Wüste um Uyuni. Der Ort kündigt sich mit einem steinigen Feld an, auf dem trockene Büsche stehen. Der Wind hat Plastiktüten an ihre Zweige gehängt und spielt mit zehntausenden Abfallblumen knisternde Müllmusik.

                   

Ein Schienenstrang schneidet durch das Land, von Nord nach Süd. Hinter dem Ort macht er einen weiten Bogen und dort zweigt ein verrostetes Gleispaar ab, endet in der Ebene. Hier stehen Dampflokomotiven. Ihre dicken Eisenleiber rosten in der trockenen Salzluft. Wir fühlen uns von dem zögerlichen Verfall der Maschinen angezogen. Die Lokomotiven sind gestorben, man hat versäumt, sie zu begraben. Dieser Ort ist einem Friedhof ähnlicher als einem Schrottplatz.

                   

Wir radeln von Uyuni nach Colchane zum Beginn der Piste durch den Salar. Der Weg geht hinaus zwischen den Häusern, in denen Haufen von Salzkristallen auf Holzfeuer getrocknet werden. Der Boden ist grau, wird mit jedem Kilometer glatter und weißer.

         

Dann stehen wir auf einem Spiegel aus warmem, feuchtem Salz, so eben, so weit. Das Salz reicht bis zum Himmel. Ein paar milchige Berge ziehen Grenzen, doch sie sind zu weit entfernt, als dass wir sie ernst nehmen müssten. Radfahren könnte wie Fliegen sein.

         

Die Augen schließen, rollen, stundenlang und ohne Widerstand, wenn es den Wind nicht gäbe, der uns ungehemmt vor die Brust bläst und den Atem tiefer in die Lungen presst. Der Salar ist zu weiß für die Augen, keine gnädige Wolke filtert das Sonnenlicht, das nicht nur von oben flutet.

         

Das Salz strahlt, tausendmal vom Regen gewaschen, fleckenlos. Zehn bis 15 Zentimeter dick liegt die Salzdecke auf dem steinigen Untergrund. Risse mustern die Ebene, eine freiwillig strenge Geometrie der Natur. Das Salz ist in Sechsecke geteilt, wir fahren auf einer gigantischen Bienenwabe spazieren. Knapp zwanzig Kilometer vom Rand entfernt steht das Salzhotel. Hinter den Mauern aus mit Salzbrei verklebten gesägten Salzquadern stehen Salztische, Salzstühle, Salzsofas.

         

Das Haus war jeden Abend belegt, die Besitzer machten ein blendendes Geschäft. Doch sie scherten sich nicht darum, dass das Salz Löcher in die Toilettentanks fraß. Die Fäkalien flossen in den Boden des Salars und weil die Umweltbehörde befürchtete, die Verschmutzung werde mit den Jahren zunehmen, schloss sie das Hotel. Jetzt steht es als einziges Haus in der Salzwüste, Monument einer guten Idee, die aus Nachlässigkeit kaputt gemacht wurde. Um den äußersten Südwesten Boliviens zu sehen, haben wir eine Tour im Geländewagen gebucht. Honorio, der Fahrer, schnallt die Räder auf den Dachgepäckträger. Glücklicherweise haben die Mitfahrer, vier Deutsche, nur Rucksäcke dabei. Honorio lässt den Motor brummen und schläft fast ein hinter dem Lenkrad. Wir fahren auf einen Vulkan zu, der aus dem Salar zu wachsen scheint.

         

Das Dorf am Rand der Salzebene ist so arm, wie alle Dörfer in dieser Gegend. Ein paar Lamas ertragen die trockene Zeit zwischen den wenigen Regentagen des Jahres. Sie fressen die harten Blättchen von den Ästen der Dornenbüsche am Hang. Außerdem baut man hier Quinua an, ein Getreide, das fast ohne Wasser auskommt. Die Hoffnung der Dörfler ruht auf einer Höhle, eine halbe Stunde Fußweg über dem Ort. Darin liegen fünf Mumien aus der Zeit der Chullpa-Indianer. Die luftgetrockneten Leichen tragen schwarzbraune Kleidungsreste. Verschrumpelte Gestalten mit einem skelettierten Grinsen im augenlosen Gesicht.

         

Der Mann, der die Eisentür zu der Gruft für uns aufsperrt, hofft, dass die Tourismusbehörde bald mehr Werbung für die Mumien macht. Das wäre eine Geldquelle, glaubt er, weil man solch gut erhaltene Tote nicht überall findet. Siebzig Kilometer entfernt, geradeaus durch den Salar, liegt die "Isla del Pescado." Die Insel hat ihren Namen, weil sie wie die Silhouette eines gestrandeten Fisches auf der Ebene liegt. An Ihrem Ufer sind die Salzschollen aufgebrochen, hartgewordene Brandung eines kristallinen Meeres. Zwischen den Steinen stehen Kakteen, mit dicker Haut und Stacheln gepanzert. Sie lassen sich von der Sonne keinen einzigen Wassertropfen abpressen.

                   

Honorio steuert das Auto vom Salar herunter, in die dürre Berglandschaft. In diesem Teil Boliviens ist die Natur ein Menschenfeind. Zwischen den Steinen wächst keine Pflanze und in den Senken liegt salzverkrusteter Sand. Wir schauen auf Quadratkilometer entblößter Erdoberfläche, vor der wir sehr klein und hilflos wirken. Die Gegend zeigt uns, dass wir Menschen, selbsternannte Chefs des Planeten, nichts anderes sind als wasserbedürftige Schwächlinge, denen die Kraft fehlt, die Natur in ihren Extremen auszuhalten. Bevor dieses Gefühl zu einer Depression wächst, zeigen Grasflecken, dass wir eine gemäßigte Region erreicht haben.

         

Zwischen den Bergen liegt ein Salzsee. Im schwarzen Uferschlamm waten rosafarbene Flamingos. Sie stolzieren hin und her, werfen einen Blick auf die Besucher, und stecken dann wieder die hornkrummen Schnäbel in den See, auf der Suche nach Algen, die im Wasser wuchern.

         

Gelöste Mineralien geben den Seen leuchtende Farben, die je nach Sonnenstrahlung wechseln.

                   

Am Abend sitzen wir über der Laguna Colorada, die aussieht, als wäre sie mit dünnem Blut gefüllt.

                             

Der Wind hat die Felsen zu Skulpturen geschliffen, eine Burg gebaut, mit Fenstern und Treppen. Vor ihr steht der "Arbol de piedra", dessen massive Krone auf einem Steinstängel balanciert. Im Licht des Sonnenaufgangs klettern wir in einem Geysirfeld herum. Der frühe Wind schneidet eisig in die Finger, er bringt die Kälte der 4.900 Höhenmeter mit.

                             

Unter unseren Füßen kocht grauer Schlamm, blubbert und spritzt aus Erdlöchern. Wasserdampf kocht aus Spalten und löst sich in Fahnen auf. Ein paar Kilometer bergab ist die Hitze der Erde verträglicher. Wir strecken die Füße in ein natürliches Thermalbecken. Der Nationalpark "Laguna Colorada" endet an der Grenze zu Chile. An der Piste steht das Häuschen der Parkwächter. Ein Polizist schiebt Dienst, doch unsere Pässe will er nicht sehen. Die Ausreisestempel haben wir uns in Uyuni geben lassen, und die chilenischen Grenzer warten in San Pedro de Atacama. Bis zum Teer schieben wir die Fahrräder sechs Kilometer weit am Vulkan Licáncabur vorbei.

         

Dann stehen wir auf der Passstraße. Nach links gehts hinauf, über den Jama nach Argentinien. Wir biegen rechts ab und rollen fast fünfzig Kilometer hinunter. Von 4.500 Metern nach San Pedro, das auf 2.300 Höhenmetern liegt. Die Chilenen haben eine Dreifachkontrolle eingerichtet. Ein lustloser Mann in Jeans und T-Shirt stempelt die Pässe. Aus der gegenüberliegenden Baracke kommt ein fröhlicher Mensch auf uns zu. "Frucht- und Gemüseinspektion", sagt er. Er glaubt, dass wir nur vier Äpfel bei uns haben und gestattet, dass wir sie vor der Station essen, zum Schutz des schädlingsfreien chilenischen Landbaus. "Neuschwanstein", sagt der Zöllner, dem wir unsere selbstgeschriebenen Fahrradpässe reichen. "Starnberger See, Sissi, Schloss Linderhof." Er ist an Papierkram nicht interessiert. "Wittelsbacher." Er fragt: "Wie heißt das Schloss in Bayern, das nach dem Vorbild von Versailles gebaut worden ist?" Wir zucken die Achseln. Der Zöllner überlegt und will uns nicht entlassen, bevor er das selbstgestellte Rätsel gelöst hat. Dann knödelt er: "Herrenchiemsee". Seine spanisch trainierte Zunge hat Schwierigkeiten mit dem Konsonantensalat. Er wiederholt: "Herrenchiemsee, so heißt es, stimmts?".